Der Schaden beim Juwelen-Diebstahl in Dresdens berühmter Schatzkammer Grünes Gewölbe ist geringer als zunächst befürchtet. "Aus der einen Vitrine mit drei Garnituren sind noch relativ viele Werke verblieben", sagte die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Marion Ackermann, im ZDF. "Die Täter konnten nicht alles mitnehmen, weil alle Objekte auch einzeln befestigt waren, sie waren mit Stichen vernäht mit dem Untergrund." Das habe sich herausgestellt, als der Tatort erneut untersucht wurde. Zuvor war das Museum davon ausgegangen, dass die drei Juwelengarnituren vollständig gestohlen worden seien.

Mehrere noch unbekannte Täter waren am Montagmorgen gegen fünf Uhr in das streng gesicherte Museum eingedrungen und hatten Schmuckstücke mit Diamanten und Brillanten des 18. Jahrhunderts gestohlen. Ihr Materialwert soll nicht allzu hoch sein, sie haben laut Museum aber einen "unschätzbaren kunst- und kulturhistorischen Wert". Es gebe nirgendwo in einer Sammlung in Europa eine Juwelengarnitur, die in dieser Form, dieser Qualität und dieser Quantität erhalten blieb, sagte Museumsdirektor Dirk Syndram.

Die Polizei sucht Zeugen zu dem Einbruch und hat mittlerweile einen Ausschnitt aus einem Überwachungsvideo veröffentlicht. Darauf ist zu sehen, wie zwei Einbrecher mit Taschenlampen in das Juwelenzimmer im Residenzschloss kommen. Einer von ihnen, mit Kapuze auf dem Kopf, schlägt mit einer Axt auf die Scheiben der Vitrine ein und versucht, sie aufzubrechen.

Polizei geht von gut geplanter Tat aus

Nach Angaben der Ermittler stiegen die Täter durch ein normalerweise vergittertes Fenster im Erdgeschoss in das Museumsdomizil in der Altstadt ein. Dann gingen sie gezielt ins Juwelenzimmer, zerstörten die Vitrine und nahmen die Beute mit. Über das Fenster verließen sie das Museum auch wieder. Das habe alles wenige Minuten gedauert. Er gehe von "gut geplanten Handlungen" aus, "vielleicht auch im Bereich einer Bande", sagte der Leiter der Polizeidirektion Dresden, Jörg Kubiessa, im ZDF. "Sie müssen sich ausgekannt haben", sagte auch Museumsdirektor Dirk Syndram. Wie die Tatverdächtigen es schafften, das Fenstergitter zu durchtrennen und das Sicherheitsglas der Vitrine zu zerstören, ist bislang nicht geklärt.

Um 4:59 Uhr sei der erste Alarm eingegangen, gefolgt von Hinweisen auf einen Brand an einem Verteilerkasten auf dem Theaterplatz. Die Polizei prüft, ob es zwischen beiden Ereignissen einen Zusammenhang gibt. Durch den Brand fiel die Straßenbeleuchtung den Ermittlern zufolge komplett aus. Es gibt Hinweise darauf, dass die Einbrecher mit einem Audi A6 vom Tatort flüchteten. Ein solches Fahrzeug wurde später in einer Tiefgarage im Dresdner Stadtteil Pieschen in Brand gesteckt, nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.  

Bislang galten die Räume des Grünen Gewölbes als streng gesichert. "Ein solches Vorkommnis wird natürlich dazu führen, dass man sich die Frage stellen muss, was man noch verschärfen muss, was man anders machen muss", sagte Generaldirektorin Ackermann. Einiges hat dennoch funktioniert: "Es sind mehrere Alarme ausgelöst worden, beim Einbruch selbst, durch die Bewegungsmelder im Raum, beim Aufbrechen der Vitrine und die Polizei ist beim ersten Alarm informiert worden", sagte die Museumschefin. 

Dresdner Polizei tauscht sich mit Clan-Ermittlern aus

Um sich über etwaige Zusammenhänge auszutauschen, hat die Dresdner Polizei nach eigenen Angaben Kontakt zu Ermittlern in Berlin aufgenommen. Dort war im Frühjahr 2017 im Bode-Museum eine 100 Kilogramm schwere Goldmünze gestohlen worden. Angehörige eines libanesischen Clans müssen sich dafür derzeit vor Gericht verantworten.

Museums-Generaldirektorin Ackermann hofft, dass das Diebesgut aufgrund der "internationalen Bekanntheit" nicht auf dem Kunstmarkt verkauft werden kann. Allerdings zeigte sie sich besorgt, die Garnituren könnten zerstört und die Steine einzeln veräußert werden. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sagte, sie halte den Einbruch für "ein hochkriminelles und offensichtlich generalstabsmäßig durchgeführtes Verbrechen und möglicherweise ein Auftragswerk".  Auch Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) äußerte sich entsetzt: "Nicht nur die Staatlichen Kunstsammlungen wurden bestohlen, sondern wir Sachsen", sagte er. 

Einige Schmuckstücke aus der Dresdner Schatzkammer sind derzeit an das New Yorker Metropolitan Museum verliehen. "Wir sind erschüttert, von diesem Diebstahl zu hören", teilte Direktor Max Hollein mit. "Das Met, und sicher die gesamte Museumswelt, hofft darauf, dass diese überaus wichtigen Werke sofort und sicher zurückkommen."  

Der Juwelen-Diebstahl erinnert an einen ähnlichen Coup im Jahr 1977. Damals wurde der Sophienschatz aus dem Dresdner Stadtmuseum gestohlen. Er war nur mangelhaft gesichert. Teile davon sind bis heute verschollen.

Sachsens Kurfürst August der Starke (1670–1733) ließ das Grüne Gewölbe zwischen 1723 und 1730 als Schatzkammer anlegen. Ihr Inhalt wird heute in zwei Abteilungen präsentiert: Der historische Teil befindet sich im Erdgeschoss des Residenzschlosses in den authentisch wiederhergestellten Räumen der Sammlung. Eine Etage weiter oben zeigt das Neue Grüne Gewölbe besondere Einzelstücke. Nach dem Einbruch kann das Residenzschloss eventuell am Mittwoch wieder geöffnet werden.