Nennt mich Babe! – Seite 1

Wollen Sie mal was Scharfes sehen? Dann empfehle ich den Film HustlersJennifer Lopez als Pole-Dancerin Ramona im New York der Nullerjahre: üppiges Haar, glitzernder String-Body, beängstigende Plateaus, eine Haut wie Seide, Beine, die nicht aufhören wollen. Sie nimmt den Raum in Besitz, mit einer Körperkontrolle, die bis in die Wimpern zu reichen scheint – selbst wenn sie auf den Knien liegt, um ihren Hintern zu präsentieren.

Die Frau ist pures Spektakel, ein Sexobjekt, hergerichtet für die reichen Broker-Typen, die sich im Club versammelt haben. Aber es sind nicht nur Männer, die sie anschauen – da ist auch eine jüngere Kollegin, Destiny. Auf deren Gesicht zeigen sich Schock und Staunen, Bewunderung, Begehren. Inmitten der johlenden Menge verfällt sie Ramona. Es ist zunächst eine libidinöse Beziehung, später wird es ein Mentorinnenverhältnis, dann innige Freundschaft. Der Film, der am 28. November in Deutschland anläuft, zeigt seine Hauptattraktion, die strippende J.Lo, konsequent durch eine weibliche Perspektive. Der Film mache den female gaze, den Blick weiblicher Zuschauerinnen, zur Waffe, hieß es in einer der zum großen Teil hingerissenen amerikanischen Kritiken. Auf jeden Fall stellt er die Frage, welches – unausgeschöpfte? – Lustpotenzial im Blick von Frauen auf Frauen liegt, weit jenseits der manifesten sexuellen Orientierung.

Sabine Horst lebt in Frankfurt, hat als Kulturjournalistin unter anderem für die "Frankfurter Rundschau" gearbeitet und ist seit 2002 Redakteurin bei "epd Film". Nebenbei schreibt sie für DIE ZEIT und ZEIT online, "chrismon.de" oder den "Tagesspiegel" über Kino, Fernsehen und alltagskulturelle Themen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Eigentlich müsste J.Los Auftritt Ablehnung erzeugen. Seit #MeToo ist nichts mehr unproblematisch, wenn es um die Abbildung des weiblichen Körpers geht. Wir haben uns daran gewöhnt, Filme nach ihrer Repräsentation des Genderspektrums zu bewerten, sind zu Recht kritisch geworden. Und wir haben begonnen, die Filmgeschichte umzugraben: Was hält frauenpolitisch korrekten Maßstäben stand, was haben wir zu naiv gesehen? Der Frauentyp, den J.Lo in Hustlers spielt, schien längst aussortiert – als pornografische Männerfantasie.

Früher hätte man diese Ramona als "Geschoss" oder "Granate" bezeichnet, englisch "bombshell". Und schwer auszuhalten für reflektierte neuzeitliche Zuschauerinnen ist, dass auf genau diesem Typus, also auf den nackten Schultern der zum Objekt gestempelten Frau, ein nicht unwesentlicher Teil der Kino-Mythologie ruht. Natürlich haben sich die Stars des klassischen Hollywoods nicht in Erotikclubs um die Alustange gewunden. Aber es war eine Strip-Nummer, als Rita Hayworth in Gilda zu Put the Blame on Mame ihre langen Satinhandschuhe auszog. Es war ein "feuchter Traum", als Ava Gardner in Pandora and the Flying Dutchman im Badeanzug dem Meer entstieg. Und Jean Harlow … oh. In der Ballsequenz von Hell’s Angels, einem 1930 gedrehten Kriegsfilm von Howard Hughes, driftet sie praktisch nackt zwischen ihren Verehrern, zwei bis unters Kinn zugeknöpften Fliegerburschen, umher: Unter dem zarten Kleid sind nicht nur die Umrisse ihres Hinterns zu sehen, sondern die Pofalte, und dass der Ausschnitt nicht von den Brüsten rutscht, ist bloß mit Magie zu erklären.

Harlow war es im Übrigen auch, die den vordem nur im Slang verbreiteten Begriff "bombshell" für eine attraktive, sexuell aktive Frau amtlich machte: Es war der Titel eines ihrer Filme, der paradoxerweise davon erzählt, wie eine Schauspielerin versucht, ihrem Erotik-Image zu entfliehen. Offenbar war damals schon die Vorstellung suspekt geworden, dass das Bild eines weiblichen Körpers "nur" dazu dienen könnte, beim Betrachter Lust zu erzeugen.

Der Kampf, den die Protagonistin in Bombshell führt, wurde über die Jahrzehnte von vielen ausgefochten. In den Fünfzigern erlebte die bombshell eine Blüte, sie wuchs, buchstäblich: Brüste und Hintern wurden üppiger. Ein paar, Brigitte Bardot, Liz Taylor, Sophia Loren, haben durch die Jahre der sexuellen Revolution, des Twiggy-Looks und der zweiten feministischen Welle ihren auratischen Status behauptet. Andere arbeiteten sich als "Baywatch-Babes" im Fernsehen ab und bespielten das Grenzgebiet von Pop und Porno.

Das Missing Link zwischen Hollywoods Sexgöttinnen und J.Lo ist Pamela Anderson. Sie war einerseits die emblematische Männerfantasie der westlichen Welt (Playboy-Cover-Rekord), andererseits kann man sie als eine der ersten Heldinnen der postfeministischen Queerness betrachten. Der Film Barb Wire von 1996, ein durchgeknalltes, futuristisches Casablanca-Remake, schob ausgerechnet Anderson die Rolle zu, die einst Humphrey Bogart gespielt hatte. Sie ist eine Clubbesitzerin mit zweifelhaften Nebenjobs, wehrhaft und lakonisch – "Keiner nennt mich Babe!" –, aber mit sämtlichen Attributen grellster Superweiblichkeit ausgestattet. Geschlecht ist hier tatsächlich eine Frage der Performanz: Wie wir diese Person in einem besonderen Moment wahrnehmen, hängt davon ab, was sie tut. Und wenn Anderson zwischen den Gefechten einem Schaumbad entsteigt, bekommt das Publikum alles in einem Paket: das Spektakel eines weichen Frauenkörpers und die angeblich maskuline Gespanntheit zur Aktion.

Passivität ist das Zeichen des Pin-ups

Heute ist die Lage ziemlich unübersichtlich. Die Entgrenzung der Pornografie hat viel libidinöse Energie vom Kino abgezogen – es wird nicht mehr gebraucht, um feuchte Momente zu erzeugen, Pornhub ist immer nur einen Mausklick entfernt. Schauspielerinnen müssen ihren Status als Role-Models und Schönheitsidole mit It-Girls und Influencerinnen teilen. Und ein "Babe" will sowieso keine mehr sein. Stars, die als sehr sexy gelten, die der alten bombshell-Norm nahekommen, dimmen ihre erotische Präsenz gern herunter – auf der Leinwand oder im Privatleben. Angela Jolie macht ihre Vergangenheit als Lara Croft in den Tomb Raider-Adaptionen vergessen, indem sie selbst politisch korrekte Filme inszeniert. Scarlett Johansson und Jennifer Lawrence haben ihre Kurven weggehungert und prügeln sich durchs Actionkino, um dem Fluch des bloßen Angeschautwerdens zu entgehen – Passivität ist das Zeichen des Pin-ups.

Über fetischistische Armspangen hinwegsehen

Am Schicksal von Wonder Woman lässt sich diese Abwehrschlacht gut studieren. Der als erster gelungener Superheldinnen-Film gerühmte Blockbuster tut alles, um die ursprüngliche Geschichte der Comicfigur vergessen zu machen. Ihr Erfinder, der Psychologe William Moulton Marston, hatte sie Anfang der Vierzigerjahre im Austausch mit seiner Frau auf der Basis ihres eigenen experimentell-polyamourösen Lebensstils im BDSM-Spektrum angesiedelt und als Führerin einer Girl-Power-Bewegung imaginiert. Tatsächlich wurden die Wonder Woman-Comics nicht nur von nerdigen Jungs gelesen, sondern zunehmend von Mädchen. Eine Pioniertat. Im Film erscheint die von Gal Gadot gespielte Wonder Woman kaum noch kinky, sondern sportiv und vor allem so mütterlich, dass die Kritikerinnen über ihre fetischistischen Armspangen hinweggesehen haben. Es muss nicht immer Sex im popkulturellen Spiel sein – interessiert ja nicht jeden –, aber man darf schon fragen, in welchem Moment die Dekonstruktion problematischer Frauenbilder in einen Gegenreflex umschlägt und die im kurvigen Körper der bombshell ikonisierte Norm bloß wieder mit anderen Weiblichkeitsformeln überschrieben wird.

Schließlich sind feministische Filmemacherinnen und Zuschauerinnen selbst anfällig für Vorurteile. Was wir schön finden oder begehren sollen, ist in vielerlei Hinsicht kulturell überformt – jenseits des Geschlechterdiskurses lauern Rassismus und Klassendiskriminierung. Wenn in hochpreisigen Frauenmagazinen Stars wie Tilda Swinton oder Cate Blanchett als zeitgemäße Rollenvorbilder favorisiert werden, liegt das vielleicht nicht nur an ihrer Verankerung im Arthouse-Kino, sondern auch daran, dass sie aristokratisch wirken – und sehr, sehr "weiß" sind. Es hat eine gewisse Ironie, dass J.Los schon von weither "billig" blinkende, übersexte Ramona jetzt von der amerikanischen Kritik als Beleg für den neuen female gaze gelobt wird und dass Lopez mit dieser Rolle jetzt gar als Oscarkandidatin gehandelt wird. Ausgerechnet sie, deren Eltern aus Puerto Rico in die Bronx gekommen waren; die als Anwaltsgehilfin und Nachtclubtänzerin gearbeitet hat, bevor sie eine Latin-Wave im Pop lostrat; die im Musiksektor immer erfolgreicher war als in Hollywood – ihre Filme gelten von Ausnahmen abgesehen als uninteressant, für ihren Auftritt in Gigli bekam sie den Schmähpreis Goldene Himbeere.

Fröhliches Treiben im Mainstream

Hustlers ist natürlich kein Experimentalfilm, sondern treibt fröhlich im Mainstream. Aber in seinem Zugriff auf die – wahre – Geschichte einer Gruppe von Stripperinnen, die nach der Finanzkrise ihre frustrierte Broker-Kundschaft mit kriminellen Methoden "bei der Stange" hielt, akzentuiert er eine in der #MeToo-Debatte gelegentlich übersehene Tatsache: dass ökonomisch benachteiligte Frauen anfälliger für sexualisierte Gewalt sind. Im Übrigen liegt die Pointe weniger im Plot als in den lust- und kraftvollen Shownummern, den sinnlichen Kamerastreifzügen durch Räume voller aufgebrezelter Frauen in verschiedenen Konfektionsgrößen und Hautschattierungen, die durcheinandersprechen, einander mit Blicken verschlingen, ihre Körper beim Trainieren komplizierter Dancemoves vereinen – alles neidlos und solidarisch. Man könnte Hustlers als Angebot begreifen, als Aufforderung an die Zuschauerin, sich auch die Filmgeschichte retroaktiv anzueignen und all die Diven und Pin-ups, bombshells und Babes aus dem Knast der Männerfantasie zu befreien. Und sich selbst aus dem Verhau der Rollenzwänge und Besitzansprüche, der Konkurrenz oder Identifikation.

Nicht umsonst ist die Leinwand im Kino so groß. Der auf Lust ausgehende Blick, der zutiefst autoerotische Impuls, der im Zuschauen steckt, kann hier flottieren. In Hustlers hat sich Ramona nach ihrem ersten großen Auftritt aufs Dach zurückgezogen, in einer Totalen, die der Zuschauerin Raum gibt, sich umzusehen. Ramona sitzt da und raucht, die schönen Beine einladend gespreizt, noch im Glitzerfummel, um die Schultern ein unverschämt weicher, voluminöser Pelz. Destiny nähert sich der fremden Frau. Und Ramona breitet ihre "Schwingen" aus, nimmt die Andere, Jüngere an sich und hüllt sie ein. Wie wundervoll wäre es, dieser Mantel zu sein.