Heute ist die Lage ziemlich unübersichtlich. Die Entgrenzung der Pornografie hat viel libidinöse Energie vom Kino abgezogen – es wird nicht mehr gebraucht, um feuchte Momente zu erzeugen, Pornhub ist immer nur einen Mausklick entfernt. Schauspielerinnen müssen ihren Status als Role-Models und Schönheitsidole mit It-Girls und Influencerinnen teilen. Und ein "Babe" will sowieso keine mehr sein. Stars, die als sehr sexy gelten, die der alten bombshell-Norm nahekommen, dimmen ihre erotische Präsenz gern herunter – auf der Leinwand oder im Privatleben. Angela Jolie macht ihre Vergangenheit als Lara Croft in den Tomb Raider-Adaptionen vergessen, indem sie selbst politisch korrekte Filme inszeniert. Scarlett Johansson und Jennifer Lawrence haben ihre Kurven weggehungert und prügeln sich durchs Actionkino, um dem Fluch des bloßen Angeschautwerdens zu entgehen – Passivität ist das Zeichen des Pin-ups.

Über fetischistische Armspangen hinwegsehen

Am Schicksal von Wonder Woman lässt sich diese Abwehrschlacht gut studieren. Der als erster gelungener Superheldinnen-Film gerühmte Blockbuster tut alles, um die ursprüngliche Geschichte der Comicfigur vergessen zu machen. Ihr Erfinder, der Psychologe William Moulton Marston, hatte sie Anfang der Vierzigerjahre im Austausch mit seiner Frau auf der Basis ihres eigenen experimentell-polyamourösen Lebensstils im BDSM-Spektrum angesiedelt und als Führerin einer Girl-Power-Bewegung imaginiert. Tatsächlich wurden die Wonder Woman-Comics nicht nur von nerdigen Jungs gelesen, sondern zunehmend von Mädchen. Eine Pioniertat. Im Film erscheint die von Gal Gadot gespielte Wonder Woman kaum noch kinky, sondern sportiv und vor allem so mütterlich, dass die Kritikerinnen über ihre fetischistischen Armspangen hinweggesehen haben. Es muss nicht immer Sex im popkulturellen Spiel sein – interessiert ja nicht jeden –, aber man darf schon fragen, in welchem Moment die Dekonstruktion problematischer Frauenbilder in einen Gegenreflex umschlägt und die im kurvigen Körper der bombshell ikonisierte Norm bloß wieder mit anderen Weiblichkeitsformeln überschrieben wird.

Schließlich sind feministische Filmemacherinnen und Zuschauerinnen selbst anfällig für Vorurteile. Was wir schön finden oder begehren sollen, ist in vielerlei Hinsicht kulturell überformt – jenseits des Geschlechterdiskurses lauern Rassismus und Klassendiskriminierung. Wenn in hochpreisigen Frauenmagazinen Stars wie Tilda Swinton oder Cate Blanchett als zeitgemäße Rollenvorbilder favorisiert werden, liegt das vielleicht nicht nur an ihrer Verankerung im Arthouse-Kino, sondern auch daran, dass sie aristokratisch wirken – und sehr, sehr "weiß" sind. Es hat eine gewisse Ironie, dass J.Los schon von weither "billig" blinkende, übersexte Ramona jetzt von der amerikanischen Kritik als Beleg für den neuen female gaze gelobt wird und dass Lopez mit dieser Rolle jetzt gar als Oscarkandidatin gehandelt wird. Ausgerechnet sie, deren Eltern aus Puerto Rico in die Bronx gekommen waren; die als Anwaltsgehilfin und Nachtclubtänzerin gearbeitet hat, bevor sie eine Latin-Wave im Pop lostrat; die im Musiksektor immer erfolgreicher war als in Hollywood – ihre Filme gelten von Ausnahmen abgesehen als uninteressant, für ihren Auftritt in Gigli bekam sie den Schmähpreis Goldene Himbeere.

Fröhliches Treiben im Mainstream

Hustlers ist natürlich kein Experimentalfilm, sondern treibt fröhlich im Mainstream. Aber in seinem Zugriff auf die – wahre – Geschichte einer Gruppe von Stripperinnen, die nach der Finanzkrise ihre frustrierte Broker-Kundschaft mit kriminellen Methoden "bei der Stange" hielt, akzentuiert er eine in der #MeToo-Debatte gelegentlich übersehene Tatsache: dass ökonomisch benachteiligte Frauen anfälliger für sexualisierte Gewalt sind. Im Übrigen liegt die Pointe weniger im Plot als in den lust- und kraftvollen Shownummern, den sinnlichen Kamerastreifzügen durch Räume voller aufgebrezelter Frauen in verschiedenen Konfektionsgrößen und Hautschattierungen, die durcheinandersprechen, einander mit Blicken verschlingen, ihre Körper beim Trainieren komplizierter Dancemoves vereinen – alles neidlos und solidarisch. Man könnte Hustlers als Angebot begreifen, als Aufforderung an die Zuschauerin, sich auch die Filmgeschichte retroaktiv anzueignen und all die Diven und Pin-ups, bombshells und Babes aus dem Knast der Männerfantasie zu befreien. Und sich selbst aus dem Verhau der Rollenzwänge und Besitzansprüche, der Konkurrenz oder Identifikation.

Nicht umsonst ist die Leinwand im Kino so groß. Der auf Lust ausgehende Blick, der zutiefst autoerotische Impuls, der im Zuschauen steckt, kann hier flottieren. In Hustlers hat sich Ramona nach ihrem ersten großen Auftritt aufs Dach zurückgezogen, in einer Totalen, die der Zuschauerin Raum gibt, sich umzusehen. Ramona sitzt da und raucht, die schönen Beine einladend gespreizt, noch im Glitzerfummel, um die Schultern ein unverschämt weicher, voluminöser Pelz. Destiny nähert sich der fremden Frau. Und Ramona breitet ihre "Schwingen" aus, nimmt die Andere, Jüngere an sich und hüllt sie ein. Wie wundervoll wäre es, dieser Mantel zu sein.