Es fing an mit einer harmlosen Geburtstagseinladung. Ich fand mein Geschenk ein wenig unspektakulär und wollte mit einer pompösen Verpackung davon ablenken. Ich dachte, etwas Papier und handelsübliche Werkstoffe aus der Küchenschublade würden dafür schon ausreichen. Nach kurzer Recherche auf der Inspirationsplattform Pinterest wurde klar: Damit das ordentlich aussieht, müsste ich eine dreistellige Summe im Fachgeschäft ausgeben (und eigentlich auch nochmal zur Maniküre, die Bastelfrauen im Internet haben alle so schön gepflegte Nägel). Ich dachte immer, Inspiration kommt überraschend vorbei und bringt mich auf neue Ideen. Seit wann kostet sie mich so viel Geld? 

Inspiration hat in den vergangenen Jahrhunderten eine beeindruckende Karriere vollzogen: von der transzendenten Eingebung zum immanenten Kauftrieb. Von der Antike bis ins späte 19. Jahrhundert wurde als Quelle der Inspiration die göttliche Eingebung angenommen. Erst langsam wurde der Kreativprozess säkularisiert und demokratisiert. Inspiration ist seitdem prinzipiell für alle erfahrbar. Früher, also in einer Zeit, als Selbstdarstellung und Warenvertrieb im Netz noch nicht erfunden waren, gehörte sie jenen, die sich kreativ betätigen wollten, beruflich oder freizeitlich. Alle anderen konnten dann im Idealfall vom Ergebnis profitieren. Seien es Weltliteratur, Unterhaltungsfernsehen oder die umgestellten Möbel im Wohnzimmer.

Wer sich heute auf Plattformen wie Instagram, Pinterest oder YouTube "inspirieren" lässt, erhält: Produktvorschläge. "Interior-Inspiration für dein Wohnzimmer" klingt einfach netter als "Kaufe diese 479 Dinge, um deine innere Leere zu füllen". Der Begriff suggeriert eine harmlose, ja künstlerische Eingebung, die dann eben – huch! – im Warenkorb endet. Na so was. Der Begriff ist in den sozialen Netzwerken zum schöngeistigen Synonym für künstlich generierte Konsumanlässe geworden. 

Inspiration als Ablenkungsmanöver

Allein auf Instagram finden sich unter dem Hashtag #inspo, wie gute Freunde zu Inspiration sagen, mehr als 18,6 Millionen Einträge. Achtzehnkommasechs Millionen Einträge, die sagen: Darf es noch ein bisschen mehr sein? Die Zielgruppe dafür ist vorwiegend weiblich.

Dass sich insbesondere Frauen ständig äußerlich und innerlich optimieren und dabei fortwährend konsumieren müssen, ist bekannt. Aber zum Glück gibt es für sie jetzt einen neuen Grund: Inspiration. Damit tun sie das alles nämlich nicht mehr aus gesellschaftlichem Zwang, sondern aus einem Moment der Erleuchtung. Also vollkommen freiwillig! Ein hervorragendes, wenngleich perfides Ablenkungsmanöver der Lifestyle-Industrie.

Die Botschaft der Posts und Videos unter dem Codewort Inspiration lauten: Trainier dich, rasier dich, frisier dich, verbesser dich, verbieg dich, kauf mich, kauf mich, kauf mich. Eine Mode-Influencerin verschlagwortet auf Instagram ihr Foto als #inspo, auf dem sie behängt mit Louis-Vuitton-Taschen posiert. Eine Interior-Designerin promotet als #inspo einen Schlafzimmertraum in Altrosa. Eine Fitness-Bloggerin weist unter dem Hashtag auf ihrem Bild auf den Sale eines Sportartikelherstellers hin. Auf YouTube ein ähnliches Bild: Shaaanxo (3,2 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten) hat das Prinzip Inspo-Video verstanden. Das heißt, sie hält knapp 30 Minuten knappe Kleidung und glitzernde Accessoires in die Kamera. Inspiration muss käuflich sein, zumindest, damit sie auf Social Media stattfinden kann.