So viele Experten für die ostdeutsche Seele – Seite 1

Sind Sie ostdeutsch? Ich auch. Aber vielleicht lesen Sie jetzt besser trotzdem nicht weiter, ich möchte Sie nämlich nicht triggern! Sie wissen schon, neuerdings wird allenthalben von den Traumata gesprochen, die die Wende den Menschen in Ostdeutschland zugefügt habe. Man gewinnt den Eindruck, dass zwischen Berlin-Marzahn und Bitterfeld, Görlitz und Gardelegen posttraumatische Belastungsstörungen den Minderwertigkeitskomplex als schlimmstes Ostleiden abgelöst haben. Plötzlich hat jeder viel oder gar alles verloren. Man wurde gedemütigt, übergangen und betrogen. Es hat ja geradezu den Anschein, als hätte sich die Rede vom Jammerossi endlich zu seinen Gunsten gewendet. Jahaa, er jammert, aber er hat auch wirklich allen Grund dazu! Schmucke Innenstädte und der ein oder andere universitäre Leuchtturm heilen doch nicht den Schmerz.

Marlen Hobrack, geboren 1986 in Bautzen, studiert im Masterstudiengang Kultur- und Medienwissenschaften, nachdem sie zuvor einige Jahre in einer Unternehmensberatung gearbeitet hat. Derzeit schreibt sie an einem Social-Media-Roman. Sie lebt mit ihrem Sohn in Dresden und ist Gastautorin von "10 nach 8". © Marcus Engler

Der wiederum erklärt, angeblich, den Siegeszug populistischer Faschisten im Osten, als sei es ein Naturgesetz, dass Betrogene zu Nazis werden. Das Sprechen übers ostdeutsche Trauma scheint auch für den Westen eine Entlastungsfunktion zu haben: Der ostdeutsche Rechtsdrall resultiert schließlich aus der totalen Verdrängung der Nazivergangenheit, über die der Westen natürlich erhaben ist. Hier gab es ja die 68er!

Der neue heiße Herbst 2019, der so hieß, weil die bundesdeutsche Politik im Fegefeuer einer anstehenden Wahlkatastrophe wandelte und mit AfD-Bestergebnissen zu rechnen hatte, erzwang gänzlich neue Wahlkampfstrategien. Politiker wollten – mussten! – Wähler da abholen, wo sie standen, also meist auf Marktplätzen, an Bratwurstständen. Aber wo, ja, wo soll die Reise hingehen? Ins Therapiewunderland, wo man sich seit Monaten versichert, dass nicht nur die Traumata real sind, sondern auch die aufgebrochenen Wunden. Man wolle nun wirklich zuhören, mit offenen Ohren und Herzen. Es herrscht eine Gefühligkeit im Lande, die wir sonst nur angesichts verendeter Eisbärenbabys erleben.

Künstler und Kulturschaffende mischen sich ein. Jeder hat jetzt eine Stimme, hear me roar! Die oberste Osteiskunstläuferin Kati Witt will nicht schweigen, schon gar nicht, wenn's um Schmerzen geht, ebenso wenig wie die Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß, die empfahl, die Wendewunden gut zu pflegen. Das passende Narbenöl gibt’s in der Drogerie um die Ecke. Kloß dichtete ihrer ostdeutschen Heimat sogar einen stimmungsvollen Weckrufsong, nicht ganz Heine-Niveau, aber fast: "Meine Wurzeln, mein Revier / Mein Osten, mein Osten / Hab Bescheidenheit von dir." I’m still, I’m still Steffi from the block. Da kannst du machen, was du willst – die Bescheidenheit wirst du als Ossi einfach nicht los. Die "Was kriegen wir denn?"-Schreie verwirrter Mitfünfziger sind die bestätigende Ausnahme von der Regel. 

Inzwischen wurden wohl schon alle Ostdeutschen mindestens dreimal zur Lage in ihrem Bundesland interviewt. Hätten ZDF, ARD und die Privaten jedem Ossi, den sie samt Funktionswetterjacke vor eine laufende Kamera zerrten, hundert Mark, äh, Euro in die Hand gedrückt – der ostdeutsche Rückstand in Sachen Kaufkraft wäre aufgeholt.

Wirklich jeder, der irgendwie ostdeutsch ist oder mal am Leipziger Hauptbahnhof stand, wird nun zum Experten für die ostdeutsche Seele. Viele Autoren können endlich, endlich eine Marke aus ihrem Ostdeutschsein machen. Hey ho, man nennt das Identitätspolitik. Das haben wir Ossis dann doch von den Amis gelernt: Berufe dich auf deinen Schmerz, auf den Verrat durch die Eliten, die Mikroaggressionen, die täglichen Abwertungen aufgrund deines Dialektes (weeß och ni warum), und schon winkt dir die Anerkennung, nach der du dich so sehnst. Anerkennung, wie sie sonst nur queeren Querschnittsgelähmten und anderen Mehrfachmarginalisierten zuteil wird, darf nun der Ostdeutsche für sich einklagen. Aber die Sache hat einen Haken: Je häufiger die Wunden öffentlich geleckt werden, desto weniger sprechen wir über ganz reale Möglichkeiten des Nachteilsausgleichs: Wann, ja wann kommt die Angleichung der Lebensverhältnisse, der Renten, der Löhne? Oder eine Ossiquote, wenigstens an den Ost-Unis und in den Ostbehörden? Jammer und Mitleid sind wohlfeil, und all die Ossis, die nun ihre Schädigungen und Verwundungen lautstark diagnostizieren, spielen jenen in die Hände, die an der Wahrung der Verhältnisse handfestes Interesse haben. Der Unmut soll nur beschwichtigt, seine Gründe nicht beseitigt werden.

Man kennt das aus der Psychoanalyse

Still und leise wurde so aus der gerechten Wut (allerdings fragwürdig ausagiert) das Symptom eines zu bemitleidenden Traumas, das jedoch nur mit verständnisvollem Handauflegen behandelt wird. So leistete die Erfindung eines angeblichen Kollektivtraumas der ostdeutschen Gegenwartsgesellschaft einen Bärendienst. Wer eine posttraumatische Belastungsstörung hat, wendet sich lieber an einen Analytiker, nicht an seinen Wahlkreisabgeordneten. Genau der aber müsste die Probleme mancher Abgehängter angehen.

Das Trauma, jedenfalls das kollektive, das über alle persönliche Unbill hinausweisende Schmerz- und Verlustsyndrom, ist ein eingebildetes im wortwörtlichen Sinn. Man kennt das aus der Psychoanalyse. Hier wird eine Erfahrung immer und immer wieder bearbeitet. Gerade weil Erinnerung nicht fix ist, sondern durch das erinnernde Gehirn überformt werden kann, lässt sich der neurotische Kern bearbeiten. Allerdings besteht im Falle eines schlechten Therapeuten in der Psychoanalyse stets die Gefahr, dass ein Trauma verstärkt, gar erst erzeugt wird. Es gibt Fälle, in denen Patienten plötzlich Traumata erinnern, die sie nie erlebt haben.

Im Osten geschieht im gesellschaftlichen Diskurs etwas Ähnliches. Es gab sie ja durchaus, die Fälle, in denen Menschen vieles oder alles verloren. Es gab die Umfragen unter Westdeutschen, die den Ostdeutschen Faulheit und chronisches Nörgeln andichteten. Es gab die bösen Witzchen über Zonengabys und es gibt das kollektive Bashing der Ossis als Nazis und Baseballschläger schwingende Dumpfbacken. Abwertungen also. Es gab sie auch, die Jobverluste. Aber rechtfertigen sie tatsächlich die Rede von einem Trauma? Und könnte man nicht das Gegenteil, den Triumph nämlich, erinnern? Es gab die Freude über den Mut der Ostdeutschen – immerhin hätten sowjetische Panzer den Protest plattwalzen können. Es gab die Geschichten von demokratischen Träumen, von der Ermächtigung der Bürger, die den Unrechtsstaat zuletzt in seine Schranken wiesen.

Weil junge Ostdeutsche ein Unbehagen an der Identifikation als verwundetes ostdeutsches Mängelwesen verspüren, schießen neuerdings allerhand Initiativen aus dem überhaupt nicht nur braunen Boden. "Wir sind der Osten" beispielsweise will das freundliche Gesicht Ostdeutschlands zeigen. Verstört und vernarbt sieht hier niemand aus, machen Sie sich doch selbst ein Bild.

Aber auch hier winkt die Identitätspolitik: Das empowerte und empowernde ostdeutsche Kollektiv wendet sich gegen die Schmähungen der anderen, derer "da drüben". Immerhin hilft es dabei, ein positives Selbstbild zu entwickeln, ist gewiss konstruktiver, als sich eine neue Mauer zur Abschirmung von unvereinbar sich gegenüberstehenden ost- und westdeutschen Mentalitäten zu wünschen. Nur stellt sich ja die Frage, wer dieses ostdeutsche "Wir" eigentlich ist? Es sind eben wieder die Kreativen und Künstler, die Musiker und Maler, die Fotografen und Journalisten. Es sind vor allem urbane Mittelschichtsbewohner, also jene positiven Abspaltungen, die dem vermeintlich braunen Klein- und Kleinststadtbewohner im eigenen Bundesland die Stirn bieten. Wieder so ein problematisches Narrativ!

Die ostdeutsche Seele, ob traumatisiert oder nicht, ist letztlich ein rückwärtsgewandtes Konstrukt. Sie konnte erst entstehen, als das, was sie angeblich geschaffen hatte – der Staat namens DDR –, endgültig untergegangen und abgewickelt, die Erinnerung an Unterdrückung und Wendefreudentaumel verblasst war. Noch vor zehn Jahren gaben befragte ostdeutsche Twens, ich kann es selbst bezeugen, sehr stolz und wahrheitsgemäß an, dass ihre ostdeutsche Herkunft für sie keine Rolle spiele. Man sei eben deutsch, fühle sich sogar eher europäisch. Wer wollte sich schon mit dem Begriff "ostdeutsch" identifizieren, wo ihm doch das Odeur von Thüringer Bratwurst und gestriger Ostalgie anhaftete?

Die Identifikation mit einer Kollektividentität, die es gar nicht gibt, bleibt jedenfalls heikel. Das Post-Wende-Ost-Kollektiv ist ein Phantasma, das jedes Mal wieder von Neuem erzeugt und verstärkt wird, wenn ein Ostdeutscher als solcher adressiert wird. Vermutlich wird es noch ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen, bis Ostdeutsche nicht mehr beweisen müssen, dass sie etwas mehr als ein wandelndes Klischee sind, nicht nur braun, nicht nur quengelig. Einen Therapeuten wird der Osten dafür nicht brauchen. Schönes Silbermond-Liedgut dagegen kann nicht schaden, besonders, wenn es so verwegen reimt: "Mein Osten, mein Osten / Wir kriegen irgendwas hin, / Dass deine Ängste nicht gewinnen."