Still und leise wurde so aus der gerechten Wut (allerdings fragwürdig ausagiert) das Symptom eines zu bemitleidenden Traumas, das jedoch nur mit verständnisvollem Handauflegen behandelt wird. So leistete die Erfindung eines angeblichen Kollektivtraumas der ostdeutschen Gegenwartsgesellschaft einen Bärendienst. Wer eine posttraumatische Belastungsstörung hat, wendet sich lieber an einen Analytiker, nicht an seinen Wahlkreisabgeordneten. Genau der aber müsste die Probleme mancher Abgehängter angehen.

Das Trauma, jedenfalls das kollektive, das über alle persönliche Unbill hinausweisende Schmerz- und Verlustsyndrom, ist ein eingebildetes im wortwörtlichen Sinn. Man kennt das aus der Psychoanalyse. Hier wird eine Erfahrung immer und immer wieder bearbeitet. Gerade weil Erinnerung nicht fix ist, sondern durch das erinnernde Gehirn überformt werden kann, lässt sich der neurotische Kern bearbeiten. Allerdings besteht im Falle eines schlechten Therapeuten in der Psychoanalyse stets die Gefahr, dass ein Trauma verstärkt, gar erst erzeugt wird. Es gibt Fälle, in denen Patienten plötzlich Traumata erinnern, die sie nie erlebt haben.

Im Osten geschieht im gesellschaftlichen Diskurs etwas Ähnliches. Es gab sie ja durchaus, die Fälle, in denen Menschen vieles oder alles verloren. Es gab die Umfragen unter Westdeutschen, die den Ostdeutschen Faulheit und chronisches Nörgeln andichteten. Es gab die bösen Witzchen über Zonengabys und es gibt das kollektive Bashing der Ossis als Nazis und Baseballschläger schwingende Dumpfbacken. Abwertungen also. Es gab sie auch, die Jobverluste. Aber rechtfertigen sie tatsächlich die Rede von einem Trauma? Und könnte man nicht das Gegenteil, den Triumph nämlich, erinnern? Es gab die Freude über den Mut der Ostdeutschen – immerhin hätten sowjetische Panzer den Protest plattwalzen können. Es gab die Geschichten von demokratischen Träumen, von der Ermächtigung der Bürger, die den Unrechtsstaat zuletzt in seine Schranken wiesen.

Weil junge Ostdeutsche ein Unbehagen an der Identifikation als verwundetes ostdeutsches Mängelwesen verspüren, schießen neuerdings allerhand Initiativen aus dem überhaupt nicht nur braunen Boden. "Wir sind der Osten" beispielsweise will das freundliche Gesicht Ostdeutschlands zeigen. Verstört und vernarbt sieht hier niemand aus, machen Sie sich doch selbst ein Bild.

Aber auch hier winkt die Identitätspolitik: Das empowerte und empowernde ostdeutsche Kollektiv wendet sich gegen die Schmähungen der anderen, derer "da drüben". Immerhin hilft es dabei, ein positives Selbstbild zu entwickeln, ist gewiss konstruktiver, als sich eine neue Mauer zur Abschirmung von unvereinbar sich gegenüberstehenden ost- und westdeutschen Mentalitäten zu wünschen. Nur stellt sich ja die Frage, wer dieses ostdeutsche "Wir" eigentlich ist? Es sind eben wieder die Kreativen und Künstler, die Musiker und Maler, die Fotografen und Journalisten. Es sind vor allem urbane Mittelschichtsbewohner, also jene positiven Abspaltungen, die dem vermeintlich braunen Klein- und Kleinststadtbewohner im eigenen Bundesland die Stirn bieten. Wieder so ein problematisches Narrativ!

Die ostdeutsche Seele, ob traumatisiert oder nicht, ist letztlich ein rückwärtsgewandtes Konstrukt. Sie konnte erst entstehen, als das, was sie angeblich geschaffen hatte – der Staat namens DDR –, endgültig untergegangen und abgewickelt, die Erinnerung an Unterdrückung und Wendefreudentaumel verblasst war. Noch vor zehn Jahren gaben befragte ostdeutsche Twens, ich kann es selbst bezeugen, sehr stolz und wahrheitsgemäß an, dass ihre ostdeutsche Herkunft für sie keine Rolle spiele. Man sei eben deutsch, fühle sich sogar eher europäisch. Wer wollte sich schon mit dem Begriff "ostdeutsch" identifizieren, wo ihm doch das Odeur von Thüringer Bratwurst und gestriger Ostalgie anhaftete?

Die Identifikation mit einer Kollektividentität, die es gar nicht gibt, bleibt jedenfalls heikel. Das Post-Wende-Ost-Kollektiv ist ein Phantasma, das jedes Mal wieder von Neuem erzeugt und verstärkt wird, wenn ein Ostdeutscher als solcher adressiert wird. Vermutlich wird es noch ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen, bis Ostdeutsche nicht mehr beweisen müssen, dass sie etwas mehr als ein wandelndes Klischee sind, nicht nur braun, nicht nur quengelig. Einen Therapeuten wird der Osten dafür nicht brauchen. Schönes Silbermond-Liedgut dagegen kann nicht schaden, besonders, wenn es so verwegen reimt: "Mein Osten, mein Osten / Wir kriegen irgendwas hin, / Dass deine Ängste nicht gewinnen."