Ich komme pünktlich um zehn und sehe Bürgersteige voller Zelte. Einkaufswagen, in denen die spärlichen Besitztümer der Bewohner*innen aufbewahrt werden. Paletten mit Dosenessen neben gebrauchten Spritzen. Der Uringeruch beißt in der Nase. In der Regel treiben die Einladungen des Goethe-Instituts mich in aufgeräumte Tagungszentren, Galerien oder Theater. Das Thema Obdachlosigkeit, um das es im aktuellen Projekt in Los Angeles geht, lässt sich abseits der Straße aber nun mal kaum fassen. Vor einem Zelt, das er mit seinen beiden Pitbulls teilt, empfängt mich Crushow Herring. Er ist Teilnehmer der Konferenz Worlds of Homelessness und hat mich eingeladen, ihn hier zu interviewen. Als ich ankomme, fegt er den Bürgersteig, plaudert mit Nachbar*innen aus den Zelten nebenan. Und ich staune. Über Skid Row, das als eines der gefährlichsten Viertel von L.A. gilt und für Herring schlicht freundliche Nachbarschaft zu sein scheint.

Elisabeth Wellershaus, 1974 geboren, lebt in Berlin. Sie ist Journalistin und arbeitet unter anderem als Redakteurin für das Kunstmagazin "Contemporary And". Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © ZEIT ONLINE

Bislang sind sämtliche Versuche gescheitert, die Zeltstadt in Downtown L.A. mit ihren mehr als 2.000 Bewohner*innen zu räumen. "Zustände wie in der Dritten Welt", schrieb der Völkerrechtler Philip Alston vergangenes Jahr in einem UN-Bericht über das 50 Blocks große Viertel, in dem seit Beginn des 20. Jahrhunderts arme und marginalisierte Angelenos leben. Stoisch beobachtet Herring den Mann von der Stadtreinigung, der die gelben Graffiti-Botschaften hinter seinem Zelt übermalt. "Junkie-Asyl", "Vorort zur Hölle", lauten gemeinhin die Zuschreibungen von außerhalb des Viertels. Doch Herring kann damit nichts anfangen. Er ist freiwillig hier – und zwar deutlich öfter als bei seiner Frau und den Kindern in Long Beach. 

Eigentlich müsste er nicht mehr in Skid Row leben. Vor knapp 20 Jahren schlug er als erfolgloser Basketballspieler ohne Job und Wohnung hier auf. Dealte, wie so Viele, mit Crack, um über die Runden zu kommen. Der Kontakt zu Sozialarbeiter*innen und Künstler*innen im Viertel aber hat Herrings Leben verändert. Die eigenen Kunstprojekte interessierten irgendwann auch jenseits von Skid Row, das toughe Image des Viertels faszinierte die Galerist*innen. Doch zumindest phasenweise wohnt er noch hier, will jetzt andere unterstützen. "Vielleicht, weil es der einzige Ort war, an dem ich damals willkommen war", sagt er und winkt Menschen zu, von denen manche mehr tot als lebendig an uns vorbeischlurfen. Auch Mitarbeiter*innen von Drogenpräventionsprojekten und der Jobvermittlung grüßen den 42-Jährigen. Menschen vor Kirchen und Suppenküchen, die Sprayer im Park.

Am Abend wird Herring auf dem Podium des Goethe-Instituts sitzen, am Wochenende ein Musikfestival moderieren. Er bewegt sich zwischen hippen Galerien und Nachbarschaftstreffen, organisiert Workshops, schafft Toiletten für die Community mit ran. Fast riecht seine Geschichte ein bisschen nach Hollywood, aber fürs Kino fehlt Skid Row die Romantik. Viele hängen schlicht hier fest: Frauen, die sich vor gewalttätigen Männern verstecken, Abhängige, die fast alles für den nächsten Schuss tun, Zwangsprostituierte, Traumatisierte. Doch selbst sie scheinen in Skid Row eine Art Zuhause gefunden zu haben. "In Obdachlosenheimen hat man ein Dach über dem Kopf, hier gehört man dazu", sagt Herring schlicht.

Stadtplaner*innen erforschen das Phänomen informeller Strukturen längst mit großem Interesse. Suchen weltweit nach angemessenem Umgang mit den Konsequenzen städtischer Verarmung. "Menschen, die sich formellen Wohnraum nicht leisten können, schaffen sich eigene Lösungen", schreiben Fabian Frenzel und Niko Rollmann in der taz. Zwar ist Skid Row bereits die Art von stigmatisiertem Ghetto, vor dem sie tendenziell warnen. Doch gezwungenermaßen trägt gerade hier die Gemeinschaft. "Friday?", ruft eine junge Frau Herring im Vorbeigehen zu. "Friday!", antwortet er. Mal wieder eine Beerdigung.