Mehr als 36.000 Obdachlose leben in L.A. © Frederic J. Brown/​AFP/​Getty Images

Dort, wo gefühlte Wohlstandssicherheit das Leben bestimmt, blickt man mit einer Mischung aus Mitleid und Befremden auf das Geschehen in Skid Row. Noch atmen die Besserverdienenden ruhig, weil die Obdachlosen noch nicht ganz bis vor ihre Haustür vorgedrungen sind. Dabei verlieren immer mehr arbeitende Menschen Haus und Wohnung – auch in den Zelten von Skid Row leben viele, die morgens ins Büro gehen. In L.A. liegen die offiziellen Obdachlosenzahlen bei 36.300. Eine Mischung aus steigenden Mieten, prekären Arbeitsbedingungen und fehlender sozialer Absicherung treibt die Menschen auf die Straße. Die spärlichen Reintegrationsangebote der Stadt erreichen sie dort kaum.

So gerät das Bild des zugedröhnten Penners, der seinen Abstieg selbst verschuldet hat, in extreme Schieflage. "In unserer Gesellschaft werden vor allem Afroamerikaner*innen viel zu schnell und pauschal als Kriminelle abstempelt", sagt Charles Porter von der Drogenberatungsstelle UCEPP. "Wenn sie erst mal auf der Straße leben, werden sie nur noch als gesellschaftliche Störfaktoren wahrgenommen, die die räumliche und soziale Ordnung stören." Herring schüttelt resigniert den Kopf, wenn er von den Reinigungsaktionen erzählt, mit denen die Polizei sein Viertel regelmäßig "säubert" und die wenigen Besitztümer der Bewohner*innen einkassiert. Den Weg zum Mittagessen gehen wir auf Umwegen, Herring trägt eine elektronische Fußfessel, an einer bestimmten Straße darf er nicht mehr vorbei. Angeblich hat er dort 2015 jemanden ausgeraubt. Er bestreitet das – doch seitdem er in Skid Row lebt, hat die Polizei ihn auf dem Kieker.

Auf dem Podium von Worlds of Homelessness spricht Herring am Abend vor Architekt*innen, Soziolog*innen und Leuten aus dem Kiez. Über die Kriminalisierung der Armut, institutionalisierte Diskriminierung, Polizeigewalt – darüber, dass all dies noch immer zu oft als Problem anderer abgetan wird. Neben ihm sitzt die deutsche Stadtplanerin Barbara Schöning und erklärt, warum auch Berlin kein Mietwunderland mit bezahlbarem Wohnraum mehr ist. Wie die Preise innerhalb der letzten zehn Jahre durch ausufernde Immobilienspekulation durch die Decke gingen. Und die Obdachlosenzahlen auch dort steigen – selbst wenn die Zustände längst nicht so dramatisch sind wie in L.A. Und Zeltsiedlungen ohnehin meist reflexartig abgerissen werden. 

Vier Tage diskutiert Herring mit über Wohnungsnotfragen in den USA, Deutschland, Italien, Kolumbien und Südafrika. Verhandelt die extremen Unterschiede zwischen den Heimatländern der geladenen Expert*innen und applaudiert der US-Soziologin Hilary Silver, die am Ende eine entscheidende Gemeinsamkeit benennt: die Flexibilität des Begriffs Zuhause. "Es ist nicht das konventionelle Dach über dem Kopf, das uns Zugehörigkeit vermittelt", sagt sie. "Es sind die sozialen Strukturen, die uns tragen."

Strukturen, die sich im erstaunlichen Potenzial von vermeintlich "gescheiterten" Gegenden wie Skid Row zeigen, wo Drogenentzug, Jobvermittlungen oder den Bau neuer Duschzentren längst die Community selbst übernimmt. Die damit das staatliche Versagen gegenüber den Missständen vor Ort entlarven. Die Abgrenzung von der "Armut der anderen": Ich praktiziere sie selbst, wenn ich Alltagsszenen unter Berliner S-Bahn-Brücken oder vor Supermärkten ausblende. Dabei liegt die Chance sicherlich auch jenseits von Skid Row im Hinsehen: darin, aus den Bedürfnissen und Ideen "der anderen" zu lernen. 

Am Tag nach der Konferenz sehe ich Crushow Herring beim Skid Row Arts Festival. Er steht auf einer kleinen Bühne und kündigt ein Straßenorchester mit einem Solisten an, der früher beim Los Angeles Philharmonic spielte. Vor dem Stand einer Theatertruppe plaudert ein ehemaliges Gangmitglied der Denver Lane Bloods mit einem Schauspielkollegen. Hinter ihnen ein ehemals obdachloser junger Mann in Uniform, der sich sein Medizinstudium verdient, indem er über die Community wacht. Zwischen Fitnessgeräten und Spielplatzequipment die schunkelnden Menschen aus Skid Row. Und als Momentaufnahme sieht ihr Leben an den Rändern definitiv nach mehr aus als nach schlecht verkleideter Anarchie.