Man muss sie schon arg vergrößern, um sich von einer Schneeflocke – den Zacken, Spitzen und Dendriten verbundener Eiskristalle – bedroht zu fühlen. Dementsprechend ist auch Vorsicht geboten, bevor man in das Gejammer über vermeintliche "Snowflakes" einstimmt. Jene jungen Linken, deren Sehnen nach diskriminierungsfreien Safe Spaces an US-amerikanischen Universitäten angeblich für ein Klima der Einschüchterung und Intoleranz sorgt, werden gern unter Zuhilfenahme der immer gleichen Anekdoten zu Scheinriesen gemacht. Auch Hörsaalstörerinnen und Veranstaltungsblockierer diesseits des Atlantiks haben zuletzt nicht unter mangelnder Medienpräsenz gelitten

Eine gar nicht allzu gewagte These: Auf jede verhinderte Bernd-Lucke-Vorlesung kommen täglich Dutzende, in denen Dozenten und Studierende im fröhlichen Einverständnis Rassismus und Sexismus reproduzieren, über die jedoch nicht berichtet wird. Und auf jede Türblockade bei Auftritten von Thomas de Maizière kommen sehr viele Auftritte von Thomas de Maizière ohne Türblockade. Zumindest im zweiten Fall lässt sich sagen: zum Glück.

Das heißt freilich nicht, dass es leicht hinnehmbar ist, wenn die relativ klaren alten Regeln der freien Meinungsäußerung und des Umgangs mit Pressevertreterinnen zur Diskussion gestellt werden zugunsten von einigermaßen unklaren neuen. Und es heißt auch nicht, dass eine Infragestellung nur, wie gerade erst wieder, im hoffärtigen Auftreten der AfD-Herrenmenschen zu finden ist.

Als die Fernsehkritikerin Anja Rützel die Moderatorin Enissa Amani am Karfreitag dieses Jahres in einem etwas gehässigen Text wiederholt "Komikerin" nannte, eskalierte eine Meinungsverschiedenheit, die in diesem Kontext noch immer nachdenklich stimmen kann. Amani hatte in einem Redebeitrag auf einer Preisverleihung angekündigt, auswandern zu wollen, falls sie noch einmal jemand Komikerin nenne. Rützel hatte in ihrer Kritik dieser Preisverleihung ziemlich offensichtlich verdeutlichen wollen: Geh doch bitte, du nervst. Weil hier aber eine deutschstämmige Journalistin einer Entertainerin mit Migrationshintergrund implizit die Ausreise nahelegte, stand auch ein – von Amani auf Instagram befeuerter – Rassismusvorwurf im Raum.

Bei Twitter, wo wiederum diverse weiße Deutsche Rützel mit der Diagnose beisprangen, dass das jetzt wirklich nicht so gemeint gewesen sei, befand die taz-Autorin Sibel Schick zunächst, Anja Rützel solle sich, den größeren Kontext von Rassismus bedenkend, bei Amani entschuldigen. Später legte sie für die sie nun wiederum anfeindenden Rützel-Apologeten nach: "Ich verstehe die Aufregung nicht. Die Gleichung ist einfach: Deutschland ist ein rassistisches Land = wer in Deutschland aufwächst, wird rassistisch sozialisiert. Rassismus in Deutschland ist Normalität und Alltag. In jedem Kreis. Bist Ally? Reflektiere, statt beleidigt zu sein."

Mit wenigen Zwischenschritten war die Diskussion so von einem journalistischen Produkt, einer TV-Kritik, zu einem Begriff gekommen, der dem "Ein Journalist soll sich nicht mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten"-Urverständnis des Berufs hierzulande komplett entgegensteht: dem der allies, der Verbündeten.

Doch was bedeutet der harsch formulierte Anspruch an Journalistinnen auf Verbundenheit eigentlich im Konkreten? Einen kleinen Eindruck liefert nun ein anderer Twitter-Beitrag, den der Journalistikstudent Troy Closson am späten Montagabend (Ortszeit) im Mutterland derartiger Diskussionen veröffentlichte. Darin betonte Closson gleich zu Anfang den Druck, unter dem er als erst dritter schwarzer Chefredakteur in der über 135-jährigen Geschichte der Uni-Zeitung Daily Northwestern stehe. Er betonte ferner die Schwierigkeit, seine racial identity und die Rolle der Zeitung an der Northwestern University (NU) in Illinois in ein Gleichgewicht zu bringen.

Closson bezog sich dabei auch auf vergangene Diskriminierungen schwarzer Studierender durch die Zeitung der Universität, deren Journalismus-Studiengang eine Kaderschmiede für US-Medien ist – und wie schwer es für marginalisierte Studierende sei, durch bestimmte Engpässe zu navigieren, "während wir unsere Identitäten, unsere Rollen als studentische Journalistinnen und unsere Position als Studentinnen an der NU balancieren".

Zuvor waren im Wesentlichen drei Dinge passiert: Jeff Sessions, ehedem US-Justizminister unter Donald Trump, hatte den Campus der NU besucht. Studentische Aktivistinnen hatten dagegen mobil gemacht, beim Versuch einiger Demonstranten, durch die Hintertür an den Ort der Veranstaltung zu gelangen, soll es auch zu Rangeleien mit der Polizei gekommen sein. Der Daily Northwestern hatte darüber berichtet. So weit, so normal.

Dann allerdings erschien am Sonntag ein Editorial mit acht Unterzeichnerinnen, allen voran Troy Closson als Chefredakteur, in dem sich die Redaktion umfassend und demütigst für ihre Arbeit rund um den Sessions-Besuch entschuldigte. So hätten manche Teilnehmende der Anti-Sessions-Demo Fotos, die bei dieser öffentlich abgehaltenen Veranstaltung durch Daily-Mitarbeiter gemacht und später auch auf deren Social-Media-Kanälen veröffentlicht worden waren, "retraumatisierend und invasiv" gefunden. Andere Studierende hätten sich besorgt darüber geäußert, dass Redaktionsmitglieder die öffentliche Telefonkartei der Universität zur Kontaktaufnahme mit Demonstrantinnen genutzt hätten.

Die Redaktion, die eigentlich bloß ihre journalistische Arbeit getan hatte, bat dafür um Verzeihung: Entsprechende Fotos seien gelöscht, Texte mit Namen geändert worden, so steht es in dem Entschuldigungsschreiben. Und mittendrin ein Satz wie ein Offenbarungseid: "Während es unser Ziel ist, Geschichte zu dokumentieren und Informationen zu verbreiten, ist nichts wichtiger, als sicherzustellen, dass unsere Mitstudentinnen sich sicher fühlen – und dass sie in Situationen wie dieser eher von unserer Berichterstattung profitieren, als von ihr aktiv verletzt zu werden."