Aber es stimmt natürlich überhaupt nicht. Es sind nicht nur Akademiker, sondern auch Gewerkschafter dabei. Außerdem, das verschweigt Wagenknecht, haben die Gelbwesten auch die Zustimmung durch Teile der Neuen Rechten, der AfD und Antisemiten. Nach Auffassung einiger Identitärer handelt es sich um die Belange der "ethnischen Franzosen", des "weißen Frankreichs". In dieser Melange aus Sozialpolitik, die sich mit einer Mauer aus rechtsextremen Argumentationsmustern gegenüber den "unethnischen Deutschen" abschottet, findet man also auch Sahra Wagenknecht.

Manch ein politischer Beobachter meint, dass die Linke ohne sie in der ersten Reihe aufgeschmissen wäre. Scheint ein Zeitgeist zu sein. Nationalistische Gesellschaftsutopien von Politikern zu ignorieren, wenn sie adrett genug auftreten. Rhetorisches Ausnahmetalent heißt es, wenn einer drei Sätze am Stück reden kann, ohne sich zu verhaspeln. Andersherum ist es vielleicht auch richtig: Die Linke war bisher der letzte Zufluchtsort für Migranten und Flüchtlinge aus dem Niedriglohnsektor. Wenn dieses parteipolitische Asyl nun auch von links rechtsextrem kontaminiert wird, dann wird es keine Linke mehr geben. Die Linke kann sich nicht vom Rechtsextremismus distanzieren und gleichzeitig linksnationalistisch sein. Dann kann sie sich gleich in der SPD auflösen. Die haben in den vergangenen 20 Jahren nämlich für geschlossene Grenzen gegenüber Flüchtlingen gesorgt und jede Asylrechtsverschärfung unterschrieben. Wagenknechts erfolgreichste und einzige migrationspolitische Maßnahme war übrigens, als sie vor einigen Jahren den Buchstaben "h" von der zweiten Silbe ihres Vornamens in die Mitte emigrieren ließ.

Man blättert also in den Briefen Rosa Luxemburgs und sucht nach tröstenden Worten für Wagenknechts Anhänger. Wer einmal auf einer ihrer Veranstaltungen war, wundert sich gewiss über die hohe Fellmützenmumiendichte. Gentlemen mit versteinerten Gesichtern im höheren Alter und warmer Kopfbedeckung. Apropos Fell. Wie viele große Politiker, hat auch Sahra Wagenknecht einen signature move. Es ist die Kranzniederlegung am Grab von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Der schwarze Samtfellkragen ihres Mantels, die roten Nelken, jedes Jahr aufs Neue stilsicher, epochal – red carpet für Kommunisten. Man sieht die Fotos und denkt, das könnte die Szene eines ARD-Dreiteilers sein. Irgendwas von Heinrich Breloer über Berlin zwischen Deutschem Kaiserreich und Erstem Weltkrieg.

Am Ende der Blätterei in Rosa Luxemburgs Briefen aus dem Gefängnis findet sich endlich eine schöne warmherzige Passage aus dem April 1917. Und genau das will man allen trauernden Kommunisten und Kolumnisten tröstend zurufen, allen, ganz gleich, ob sie dem Lieb- oder der Wagenknecht hinterher weinen, "So ist eben das Leben seit jeher, alles gehört dazu: Leid und Trennung und Sehnsucht."