Du riechst immer so gut – Seite 1

Wieder entdeckte Männerfreundschaft: Moritz Eisner (Harald Krassnitzer, links) und Alois "Feini" Feining (Karl Fischer) © ARD Degeto/​ORF/​Graf Film/​Helga Rader

Das wäre doch ein hübscher Zufall gewesen. Wenn eine Woche nach dem 30-Jahre-Lena-Odenthal-Jubiläum, das als Wiedersehen mit einer Figur von vor langer Zeit gefeiert wurde, in der neuen Wiener Folge Baum fällt (ORF-Redaktion: Bernhard Natschläger, Andrea Zulehner) gleich wieder ein Charakter um die Ecke käme, der schon mal im Tatort aufgetreten ist.

Die Geschichte (Drehbuch: Agnes Pluch) behauptet diese Figur zumindest. "Feini" beziehungsweise Alois Feining (Karl Fischer) erkennt im Eisner-Brummbären (Harald Krassnitzer) mit einer buddhistischen Weisheit den alten Kollegen: "Ein Mensch, der wenig lernt, trottet wie ein Ochse durchs Leben. An Fleisch nimmt er zu, an Geist nicht." Der Feini war beim LKA in Klagenfurt, als der Eisner eine seiner ersten Leichen in Wien hatte, eine Kärntner Leiche. Nun treffen die beiden im malerischen Mölltal in Kärnten aufeinander, weil ein Holzunternehmer-Filius in seinem eigenen Werk fast rückstandslos verbrannt wurde.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Die ehemalige Begegnung verortet Baum fällt vor einem Vierteljahrhundert. Da der Eisner aber erst seit 1999 aktiv ist am Sonntagabend, bleibt die Bekanntschaft ein Kontakt, der – anders als in Ludwigshafen letzte Woche – nicht durch altes Filmmaterial belegt werden kann.

Vielmehr funktioniert der Feini in diesem Tatort wie ein Spiegel der Jahre, die dahingegangen sind. Als eine Metapher für ein Leben, das spät seinen Platz auf der Welt gefunden hat, was für den Feini heißt: Mit der Jugendliebe aus dem Mölltal-Dorf anzubändeln, die dafür aber erst verwitwet sein musste.

Anfangs dient die wiederentdeckte Männerfreundschaft zwischen dem Feini und dem Eisner, die sich über das – schön peinvolle – Absingen von Rolling-Stones-Songs näherkommen, dramaturgisch als leicht zu habender Buddyismus, der die arme Bibi (Adele Neuhauser) an den Rand schiebt.

Der tiefere Sinn der Männerverbindung sind die Sympathiegewinne für den Feini, der sich am Ende als Mordvertuscher herausstellt – gegen die Wünsche der Betrachterin. Als Erzählbewegung ist es durchaus von gewissem Reiz, wie der Verdacht, dem der Feini doch eigentlich nachgehen müsste, am Ende bei ihm selbst ankommt.

Baum fällt bekommt dadurch einen Akzent ins Küchenphilosophische. Was man mit seinem Leben anfängt, worin dessen Sinn besteht, warum die Karriere, die Arbeit – die den Eisner in seinen Fragen an den Feini vor allem beschäftigen – nicht das sind, worauf es am Ende hinausläuft. Die Entscheidung, den Feini als tragische Figur zu entwerfen, beschwert das Nachdenken darüber.

Die Geschichte dieses "Tatort" funktioniert

"Ich hab immer geglaubt, das mit dem glücklichen Leben ist nicht für mich reserviert", sagt der Feini einmal. Ein Happy End, einen Ausweg aus dieser zarten Betrübnis verwehrt der Tatort seiner bemerkenswert gespielten Figur. Weil der Holzunternehmer-Junior nicht bereit war, weiterhin den Kredit für die Schwiegertochter von Feinis Jugendliebe zu gestatten, als diese von den Avancen des Juniorchefs Abstand nimmt, kommt es zum Gerangel mit dem Jugendliebe-Sohn. Der Unternehmer fällt ungünstig und der Feini hilft mit, den tödlichen Unfall zu vertuschen.

So herrscht, rein stimmungsmäßig, in Baum fällt zum Schluss eher Fallada'scher Fatalismus ("Wer einmal aus dem Blechnapf frisst, der tut es immer wieder") anstelle eines angedeuteten biblischen Existentialismus (Kain und Abel). Denn als Verdächtiger präsentierte sich lange Zeit der Bruder des Ermordeten, als Zu-kurz-gekommener, Hinter-dem-Strahlemann-Verschwindender. Zumal der tote Holzunternehmer-Filius mit seiner Schwägerin, der Frau des Bruders, intim war und sich die beiden Brüder in der Todesnacht gestritten und gekloppt hatten.

Die Geschichte dieses Tatort funktioniert, auch wenn die kurzen Wege der familiär-dörflichen Konflikte auch etwas Soap-Operahaftes haben. Schade ist es trotzdem, dass von der Ermittlung, die auch spannend sein könnte, so relativ früh abgebogen wird ins Gefühlig-menschliche.

Die prächtigen Kulissen, für die Hermann Dunzendorfers Kamera Werbung macht, wie es ein Imagefilm übers Mölltal besser nicht könnte, erinnern adäquat an die Krassnitzer-Rolle als "Bergdoktor". Was den Film auch erleichtert von der Schwere, die Mord und Totschlag, Trauer und Vergeblichkeit verbreiten könnten.

Dabei beginnt der Film munter als Komödie, wie die Bibi und der Eisner eher widerwillig in die Provinz reisen, um neben trauerndem Personal rumzustehen. Oder wie die Bibi ab und zu hin- und herhirschen muss, um des Eisners Übellaunigkeit auszugleichen. Oder wie der Riesenhund namens Wolf, der beim Holzunternehmenskritiker immer über dem Zaun hängt, inszeniert ist.

Diese Leichtigkeit, die Komik, zu den Dingen Distanz zu haben, ohne sie lächerlich zu finden, macht dem Tatort aus Wien so schnell kein anderer nach. In einer früheren Folge wurde demonstriert, wie sich das einen ganzen Film lang durchziehen lässt. Wäre hier auch eine Möglichkeit gewesen.