Was hat unsere Welt in der vergangenen Dekade kulturell geprägt? In der Miniserie "Die Zehner" spüren wir den kleinen und großen Revolutionen dieser Jahre nach. Hier sammeln wir nach und nach alle Artikel zum Thema.

Anfang 2013, noch vor Gründung der AfD im Februar, findet die hitzige digitale Debatte in Deutschland zu sich selbst. Ausgangspunkt ist der Stern vom 24. Januar. Dort berichtet die Journalistin Laura Himmelreich in dem Artikel "Der Herrenwitz", wie sie von dem Politiker Rainer Brüderle sexualisiert belästigt wurde. "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen" soll er unter anderem gesagt haben, weshalb Boulevardmedien das Ganze als "Dirndl-Affäre" bagatellisieren. Brüderle bleibt Fraktionsvorsitzender der FDP im Bundestag und ihr Spitzenkandidat für die kommende Wahl. So weit, so normal.

Neu ist aber das Hashtag aufschrei, mit dem Frauen auf Twitter noch in der Nacht nach Erscheinen des Artikels beginnen, ähnliche Begebenheiten in prägnanten Notaten zu schildern. "Der Arzt, der meinen Po tätschelte, nachdem ich wegen eines Selbstmordversuchs im Krankenhaus lag", schreibt die feministische Autorin Nicole von Horst um 0.08 Uhr. "wir sollten diese erfahrungen unter einem hashtag sammeln. ich schlage #aufschrei vor", antwortet die Aktivistin Anne Wizorek um 0.26 Uhr. So löst sich die Diskussion um Alltagssexismus und sexuelle Gewalt stellvertretend für viele zukünftige Debatten vom massenmedialen Bezugspunkt und erzeugt schnell eine eigene Aufmerksamkeit, von der etablierte Medien und Politiker erst später wiederum Teil werden. Dass sich Joachim Gauck, im Vorjahr noch von einem breiten Parteienbündnis zum Bundespräsidenten gemacht, im März 2013 bemüßigt fühlt, den Vorwurf "Tugendfuror" in die Debatte um #aufschrei einzubringen, spricht Bände für ihre Sprengkraft.

Wie auch die parallel verlaufende Diskussion über die Frage, ob rassistische Ausdrücke aus Kinderbüchern verbannt werden sollten, sorgt #aufschrei für die heute nur allzu bekannten Phänomene, wenn es in sozialen Medien, bei Facebook und vor allem Twitter, um Diskriminierung geht: Es gibt ein aktivistisches (oft identitätspolitisch orientiertes) Innen der Debatte, das schon längst in Feinheiten und Gewissheiten entrückt ist, ehe eine größere (oft dann eher feindselige) Öffentlichkeit überhaupt einsteigt. Es gibt dann eine gereizte Stimmung, weil die Menschen im Inneren das Gefühl haben, alles tausendmal erklären zu müssen, und die Menschen außen finden, dass das alles aber schon sehr elitär, voraussetzungsreich und versponnen ist. Ferner gibt es ab dem Zeitpunkt, an dem klassische redaktionelle Medien die Debatte aufgreifen, den Verdacht, sie hätten sie künstlich aufgeblasen und so erst zu einer gemacht.

Das alles verunsichert einige und zieht immer die gleichen Fragen nach sich. Die erste: Haben wir keine anderen Probleme? Hunger? Not? Obdachlosigkeit? Die zweite: Sollte ich mich an diesem Gespräch überhaupt beteiligen? Oder verstärke ich damit nur, was doch aus meiner Sicht am besten ganz unbedeutend wäre? Die dritte und prägende des Jahrzehnts: Was darf ich überhaupt noch sagen und tun? Darf ich Frauen noch Komplimente machen? Heißt es jetzt Sinti-und-Roma-Schnitzel? Werden bald alle Weihnachtsmärkte in Jahresendzeitbudenzauber umbenannt, oder wie oder was?

Auf die Verunsicherung folgt Gereiztheit gegenüber den Verursacherinnen. Immerhin sind die ja schuld daran, dass es nicht mehr so einhellig-gemütlich ist wie in prädigitalen Zeiten, als Mann noch alles sagen, tun und denken durfte. Von dort ist es dann für zu viele nicht mehr weit bis zum Rückzug in paranoide Teilöffentlichkeiten, zum Glauben an "alternative" Medien und zum Versuch, den eigenen Anspruch auf Diskurshegemonie mit Mobbing und Stalking durchzusetzen sowie mit der Zersetzung von Begriffen. Korrektheit wird zu etwas Negativem, Gut in der Kombination mit Mensch zum Schimpfwort, die Demokratie zur gefühlten Diktatur.

Ignorieren ist auch keine Lösung

Es wäre nun natürlich grundfalsch oder gar Victim Blaming, den identitätspolitischen Linken anzulasten, sie hätten durch "Tugendfuror" (Joachim Gauck) bewirkt, dass sich menschenfeindliche Rechte in lächerlichen Ängsten etwa vor schweinefleischfreien Kitas verkapselt haben. Es ist auch diskussionswürdig, ob redaktionelle Medien große Aufregungen in sozialen Medien grundsätzlich links (oder rechts) liegen lassen sollten, um sie nicht unnötig zu verstärken. 

Immerhin ist die digitale Öffentlichkeit von öffentlichem Interesse und wer sie zu wenig beachtet, macht sich schnell des mutwilligen Schweigens verdächtig. Man erinnere sich nur an die Jahresanfangsdebatte 2016, als Medien nicht ohne Grund vorgeworfen wurde, noch an den verharmlosenden Statements der Polizei Köln zur dortigen Silvesternacht festzukleben, als in sozialen Netzwerken schon viele glaubhaft grauenerregende Schilderungen über sexualisierte Gewalt rund um den Kölner Hauptbahnhof zu lesen waren.