Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Rezo im Kommentarbereich unter diesem Artikel geantwortet. Seinen Beitrag finden Sie hier.

Mir wurde in den letzten Monaten häufiger die Frage gestellt, weshalb ich denn nicht in eine Partei eintrete, wenn ich doch schon so ein politischer Mensch bin, dass ich Parteien mit YouTube-Videos auf die Nerven gehe. Die langweilige, aber ehrlichste Antwort darauf ist: Ich selbst habe einfach nie darüber nachgedacht. In den letzten zehn Jahren war ich zuerst mit Uni und Musik gut ausgelastet und habe danach einen zeitlich fordernden Job gehabt. Den Impuls, in eine Hochschulgruppe einzutreten oder zum nächsten Ortsverband einer Partei zu gehen, mit deren Positionen ich sympathisiere, hatte ich dagegen noch nie.

Aber das macht die Frage natürlich nicht weniger spannend – zumal ich ja auch kein Einzelfall bin. Die Mitgliederzahl der großen Parteien in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten drastisch verringertDie Anzahl von Demonstrationen nimmt aber zu. Und insbesondere bei Jugendlichen gibt es laut Shell-Studie eine auffällige Diskrepanz zwischen ansteigendem politischen Interesse und stärkerer gesellschaftlicher Teilhabe auf der einen und sinkendem Vertrauen in Parteien auf der anderen Seite.

Sich gegen eine Partei zu entscheiden, kann sehr direkte und pragmatische Gründe haben: Parteiarbeit erfordert Zeit, die man aber nicht hat, wenn man sich zum Beispiel sein Studium über mehrere Jobs finanziert und nebenbei noch unbezahlte Praktika macht. Parteiarbeit bedeutet oft auch Drecksarbeit – und nicht jeder Mensch hat neben Bildung, Job, Karriere, Familie, Sport und so weiter die Kraft und die Nerven, nachts Plakate zu kleben, sich in der Fußgängerzone beschimpfen zu lassen oder bei Bezirksparteitagen in endlosen Satzungsdiskussionen aufzureiben.

Sich gegen eine Partei zu entscheiden, kann aber auch strukturelle Gründe haben: Parteien sind große, komplexe, träge Gebilde. Um etwas durchzusetzen oder auch nur eine Kampagne zu realisieren, muss man taktieren, Zweckbündnisse eingehen, Zugeständnisse machen, sich vielfach absichern, Hierarchien beachten, die Älteren, die sich schon zu zentralen Positionen hochgearbeitet haben, mit ins Boot holen. Kurz: Man kann nicht frei agieren. Wenn Philipp Amthor ein "Rezo-Antwortvideo" macht, aber die Partei sagt "Nee, bring das nicht raus!", dann hat er offenbar großen Druck, sich dem zu fügen. Gerade Jugendliche scheint diese Aussicht eher abzuturnen.

Hinzu kommt: Die Grünen sind vielleicht klimapolitisch besser aufgestellt als die SPD, aber wenn ich zu den Grünen gehe, unterstütze ich auch, dass beim Thema Homöopathie entgegen aller Wissenschaft ziemlich rumgeeiert wird. Mit dem Parteieintritt stimmt man aber dem gesamten Standpunktepaket grundsätzlich zu – es wird zumindest von vielen so wahrgenommen. 

Früher waren die Fronten klarer. Parteien standen jeweils für große Themen und Gruppen. Wenn man Arbeiter war und seine Interessen vertreten haben wollte, hat man früher natürlich SPD gewählt. Easy Entscheidung und dann das ganze Leben lang drinbleiben. Schön Sticker sammeln im Parteibuch oder so.

Aber wenn ich jetzt ein Arbeiter bin, dann interessiert mich vielleicht auch noch Klimapolitik, schließlich spüre ich eine Verantwortung meinen Kindern und Enkeln gegenüber. Und ich bin auch von neuen Massenüberwachungsgesetzen direkt betroffen. Selbst abstrakte Urheberrechtsreformen auf EU-Ebene können sich unmittelbar auf meine alltägliche Kommunikation ausüben. Und vielleicht finde ich es gar nicht so schlau, jetzt die Rentenkassen für Wählergeschenke leerzuballern. Und und und... Uff… das muss ich dann erst mal sacken lassen. Wo vorher klare Linien waren oder ich wegen eines Informationsdefizits eher annehmen konnte, dass da klare Linien sind, sind jetzt viele Schattierungen, die kreuz und quer verlaufen und sich überlagern.

Selbst wenn ich dann versuche, über eigene Grundwerte die passende Partei herauszufinden, kann ich scheitern oder muss das vielleicht sogar: Wenn ich zum Beispiel konservativ bin und gerne mag, wenn Dinge beim Alten bleiben, dann lehne ich auch den Ausbau von neuer Massenüberwachung ab. Oder ich fordere ganz konservativ die Vertragstreue und Pflichterfüllung bezüglich unterzeichneter Zusagen wie dem Pariser Klimaabkommen. Dann würden die Grünen aber eher zu mir passen als die CDU. Und wenn ich liberal bin und möchte, dass die Freiheit von möglichst vielen Menschen maximiert wird, dann muss ich ständig Großkonzerne in ihren Handlungswünschen einschränken, weil deren Profitmaximierung nicht selten im Konflikt mit Freiheiten von Millionen Bürgerinnen und Bürgern steht. An der Stelle heißt es dann aber: Adé, FDP.