Vielleicht ist das Grundproblem der Menschen, dass sie glauben, die jeweilige Gegenwart, in der sie leben, sei außergewöhnlich. Außergewöhnlich gut, meist eher außergewöhnlich schlecht. Dass das nicht stimmt, weil es für fast alles, was auf der Welt passieren kann, historische Präzedenzfälle gibt, mag den Menschen intellektuell schon klar sein. Es fühlt sich bloß anders an: Als sei das, was sie erleben, grundsätzlich neu oder in seiner Ausprägung beispiellos.

Womit man bei Donald Trump und den Vereinigten Staaten von Amerika ist. Der 45. Präsident der USA, da scheinen sich seine Gegner wie Anhänger einig zu sein, ist ein Ausnahmefall. Eine Anomalie der Geschichte. Oder deren logisches Ende.

Entweder ist Trump der Mann, der die USA in einen autoritär geführten Staat verwandeln und die Demokratie abschaffen will, was ihm lediglich aus vermeintlicher Dumm- und Faulheit nicht gelingen könnte. Oder er ist der Heilsbringer gegen die Fährnisse der globalisierten Gegenwart, der die USA in eine vergangene Zukunft weist, in der sie – von weißen Männern geführt und verteidigt – wieder die Stellung als Supermacht einnehmen, die ihr naturgegeben ist.  

Jemand wie Trump hat es wirklich noch nie zuvor ins Weiße Haus geschafft. Das glaubt er offenkundig auch selbst, gemessen an seinem großzügigen Gebrauch von Superlativen für sich und seine Amtsführung: bester, größter, weitester und so weiter. Im Gegensatz zur Zahl der Unwahrheiten, die Trump seit Beginn seiner Präsidentschaft verbreitet hat (laut Washington Post hat er am 22. November 2019 die Marke 15.000 überschritten), und der Anzahl an Tagen, die er in dieser Zeit auf einem Golfkurs verbracht hat (am 26. Dezember 2019 stand er laut der Seite trumpgolfcount.com seit Amtsbeginn den 233. Tag auf dem Grün), zählt leider niemand Trumps Superlativemission.

Der Graben zwischen Lagern

Was zumindest anfänglich erstaunte angesichts des permanenten Trumpschen Twitter- und sonstwo Feuerwerks an öffentlichen Äußerungen, war der Umstand, dass nichts, was er sagte oder tat (oder nicht tat, denn Trump hat gesetzgeberisch wenig gewirkt bisher), etwas an seinen Zustimmungsraten veränderte. Trumps job approval rating scheint wie betoniert zu sein, seit gut drei Jahren. Die Statistiker von FiveThirtyEight aggregieren die existierenden Umfragen zu dieser bedeutsamsten allgemeinen Beurteilung der Arbeit eines US-Präsidenten, und laut ihren Berechnungen überstieg die Zustimmung zu Trump seit Februar 2017 nie einen Wert von 45 Prozent. Sie fiel aber auch nie unter 35 Prozent. Der Negativwert des disapproval, also der Ablehnung in der US-Bevölkerung, bewegte sich in derselben Zeitspanne zwischen 51 und 57 Prozent, also nahezu innerhalb einer zu erwartenden Fehlertoleranz. Lediglich in den ersten drei Wochen von Trumps Amtszeit war die Zustimmung höher als die Ablehnung.

Trump, und das ist ein Argument für die Ausnahmefallthese, teilt das Land in zwei unversöhnlich einander gegenüberstehende Bevölkerungsteile. Er polarisiert. Eine leicht historisch unterfütterte Version dieser These lautet: Trump traf bereits auf ein polarisiertes Land, als er sich 2015 um die Präsidentschaftskandidatur aufseiten der Republikaner bewarb; er ist demnach weniger Auslöser als Symptom der angenommenen politischen und gesellschaftlichen Spaltung, einer viel größeren Entwicklung.

Tatsächlich haben sich die Zustimmungswerte zu Barack Obama in dessen zwei Amtszeiten zwischen 2009 und 2017 auch in einem vergleichsweise geringen Korridor verändert, sie lagen beim altehrwürdigen Umfrageinstitut Gallup zumeist zwischen 40 und 50 Prozent. Ähnlich wie Trump hatte auch Obama in den Umfragen eine bessere Anfangszeit, sie dauerte nur länger, nämlich rund ein halbes Jahr, und hatte mit Zustimmungswerten von bis zu 67 Prozent größere Spitzen; am Ende seiner zweiten Amtszeit stiegen Obamas Werte noch einmal bis annähernd 60 Prozent an. Doch scheidende Präsidenten mögen die Amerikaner in aller Regel eh plötzlich lieber. Da setzt die Verklärung des Vergangenen ein und die Unsicherheit vor dem, was kommt.

Die Zustimmungsraten bei Obamas Vorgänger George W. Bush waren da wesentlich volatiler, sie variierten laut Gallup zwischen 90 Prozent kurz nach dem 11. September 2001 und 25 Prozent im Jahr 2009, als die Bankenkrise in den USA voll auf die Wirtschaft durchschlug und Millionen von Menschen ihre Immobilienkredite nicht mehr bedienen konnten. Auch Bushs Vorgänger Clinton und Bush Senior hatten erheblich schwankendere Zustimmungsraten als Obama und Trump. Die politischen Lager, so scheint es, haben sich vor ungefähr einem Jahrzehnt so weit voneinander entfernt, dass eine Kommunikation zwischen ihnen nicht mehr möglich scheint. Man hat sich eingegraben. Und brüllt sich allenfalls noch über die Distanz an, ohne einander zu verstehen.