Schwarz und Weiß – Seite 1

Vielleicht ist das Grundproblem der Menschen, dass sie glauben, die jeweilige Gegenwart, in der sie leben, sei außergewöhnlich. Außergewöhnlich gut, meist eher außergewöhnlich schlecht. Dass das nicht stimmt, weil es für fast alles, was auf der Welt passieren kann, historische Präzedenzfälle gibt, mag den Menschen intellektuell schon klar sein. Es fühlt sich bloß anders an: Als sei das, was sie erleben, grundsätzlich neu oder in seiner Ausprägung beispiellos.

Womit man bei Donald Trump und den Vereinigten Staaten von Amerika ist. Der 45. Präsident der USA, da scheinen sich seine Gegner wie Anhänger einig zu sein, ist ein Ausnahmefall. Eine Anomalie der Geschichte. Oder deren logisches Ende.

Entweder ist Trump der Mann, der die USA in einen autoritär geführten Staat verwandeln und die Demokratie abschaffen will, was ihm lediglich aus vermeintlicher Dumm- und Faulheit nicht gelingen könnte. Oder er ist der Heilsbringer gegen die Fährnisse der globalisierten Gegenwart, der die USA in eine vergangene Zukunft weist, in der sie – von weißen Männern geführt und verteidigt – wieder die Stellung als Supermacht einnehmen, die ihr naturgegeben ist.  

Jemand wie Trump hat es wirklich noch nie zuvor ins Weiße Haus geschafft. Das glaubt er offenkundig auch selbst, gemessen an seinem großzügigen Gebrauch von Superlativen für sich und seine Amtsführung: bester, größter, weitester und so weiter. Im Gegensatz zur Zahl der Unwahrheiten, die Trump seit Beginn seiner Präsidentschaft verbreitet hat (laut Washington Post hat er am 22. November 2019 die Marke 15.000 überschritten), und der Anzahl an Tagen, die er in dieser Zeit auf einem Golfkurs verbracht hat (am 26. Dezember 2019 stand er laut der Seite trumpgolfcount.com seit Amtsbeginn den 233. Tag auf dem Grün), zählt leider niemand Trumps Superlativemission.

Der Graben zwischen Lagern

Was zumindest anfänglich erstaunte angesichts des permanenten Trumpschen Twitter- und sonstwo Feuerwerks an öffentlichen Äußerungen, war der Umstand, dass nichts, was er sagte oder tat (oder nicht tat, denn Trump hat gesetzgeberisch wenig gewirkt bisher), etwas an seinen Zustimmungsraten veränderte. Trumps job approval rating scheint wie betoniert zu sein, seit gut drei Jahren. Die Statistiker von FiveThirtyEight aggregieren die existierenden Umfragen zu dieser bedeutsamsten allgemeinen Beurteilung der Arbeit eines US-Präsidenten, und laut ihren Berechnungen überstieg die Zustimmung zu Trump seit Februar 2017 nie einen Wert von 45 Prozent. Sie fiel aber auch nie unter 35 Prozent. Der Negativwert des disapproval, also der Ablehnung in der US-Bevölkerung, bewegte sich in derselben Zeitspanne zwischen 51 und 57 Prozent, also nahezu innerhalb einer zu erwartenden Fehlertoleranz. Lediglich in den ersten drei Wochen von Trumps Amtszeit war die Zustimmung höher als die Ablehnung.

Trump, und das ist ein Argument für die Ausnahmefallthese, teilt das Land in zwei unversöhnlich einander gegenüberstehende Bevölkerungsteile. Er polarisiert. Eine leicht historisch unterfütterte Version dieser These lautet: Trump traf bereits auf ein polarisiertes Land, als er sich 2015 um die Präsidentschaftskandidatur aufseiten der Republikaner bewarb; er ist demnach weniger Auslöser als Symptom der angenommenen politischen und gesellschaftlichen Spaltung, einer viel größeren Entwicklung.

Tatsächlich haben sich die Zustimmungswerte zu Barack Obama in dessen zwei Amtszeiten zwischen 2009 und 2017 auch in einem vergleichsweise geringen Korridor verändert, sie lagen beim altehrwürdigen Umfrageinstitut Gallup zumeist zwischen 40 und 50 Prozent. Ähnlich wie Trump hatte auch Obama in den Umfragen eine bessere Anfangszeit, sie dauerte nur länger, nämlich rund ein halbes Jahr, und hatte mit Zustimmungswerten von bis zu 67 Prozent größere Spitzen; am Ende seiner zweiten Amtszeit stiegen Obamas Werte noch einmal bis annähernd 60 Prozent an. Doch scheidende Präsidenten mögen die Amerikaner in aller Regel eh plötzlich lieber. Da setzt die Verklärung des Vergangenen ein und die Unsicherheit vor dem, was kommt.

Die Zustimmungsraten bei Obamas Vorgänger George W. Bush waren da wesentlich volatiler, sie variierten laut Gallup zwischen 90 Prozent kurz nach dem 11. September 2001 und 25 Prozent im Jahr 2009, als die Bankenkrise in den USA voll auf die Wirtschaft durchschlug und Millionen von Menschen ihre Immobilienkredite nicht mehr bedienen konnten. Auch Bushs Vorgänger Clinton und Bush Senior hatten erheblich schwankendere Zustimmungsraten als Obama und Trump. Die politischen Lager, so scheint es, haben sich vor ungefähr einem Jahrzehnt so weit voneinander entfernt, dass eine Kommunikation zwischen ihnen nicht mehr möglich scheint. Man hat sich eingegraben. Und brüllt sich allenfalls noch über die Distanz an, ohne einander zu verstehen.

Der erste weiße Präsident

Eine Schlussfolgerung daraus könnte sein, dass es wirklich stimmt: Im Laufe der Zehner hat sich die politische Spaltung der amerikanischen Bevölkerung mindestens verfestigt oder sogar überhaupt erst endgültig herausgebildet. Trump ist in dieser Logik nicht ohne Obama zu verstehen, als Ausdruck einer Reaktion und eines Rückzugsgefechts der demographisch in den USA an Gewicht verlierenden Weißen vor allem aus der Unter- und Mittelschicht. Dass Trumps Politkarriere mit der Verbreitung der unter Rechtsextremen beliebten rassistischen Birther-Verschwörungstheorie begann, Obama sei nicht in den USA geboren und deshalb ein illegitimer Präsident, passt dazu als Ursprungserzählung. Der erste schwarze US-Präsident wäre demnach nicht die (vorübergehende) Erfüllung einer Emanzipationsgeschichte, sondern bloß eine Abweichung oder, in der radikalisierten Variante, die Drohung einer kommenden Zeit einer multiethnischen Gesellschaft, in der es keine geradezu vorgegebene Herrschaft der Weißen mehr gibt. Der Glaubenssatz des Martin Luther King – "The arch of history is long, but it bends towards justice" –, an den auch Barack Obama geglaubt hat, erwiese sich als falsch: Sollte es eine natürliche Entwicklung hin zu mehr Gerechtigkeit geben, hätte Donald Trump ihren Lauf aufgehalten.

Der afroamerikanische Autor Ta-Nehisi Coates hat diese These zugespitzt in seinem Essay The First White President, der in der Oktoberausgabe 2017 des Atlantic erschien: Die Basis für Trumps Präsidentschaft, heißt es bereits im Vorspann des Textes, sei die Negation des Vermächtnisses von Barack Obama. Trump, argumentiert Coates, vertrete als erster der 44 bisherigen weißen US-Präsidenten aktiv das Gedankengut der White Supremacy; bei anderen habe sich das eher implizit verstanden. Coates wurde wenige Wochen nach dem Erscheinen des Textes vom afroamerikanischen Philosophen Cornel West im Guardian vorgeworfen, er verkürze in seinen Schriften den Befreiungskampf der Schwarzen, indem er sich allein auf die Rassenfrage konzentriere und Aspekte wie Klasse, Geschlecht, sexuelle Orientierung und die "imperiale" Außen- und Militärpolitik der USA vernachlässige; mithin sei Coates schlicht ein neoliberaler Denker, der einen neoliberalen Präsidenten (Obama) verehrt habe. 

Auf Unversöhnlichkeit können sie sich einigen

Tatsächlich ist Coates’ Verhältnis zu Obama wesentlich komplizierter, als West es erscheinen lässt, das zeigt sich in den Texten der Essay-Sammlung We Were Eight Years in Power von Coates. Cornel weist aber, ohne Trump auch nur zu erwähnen, in seinem Angriff auf Coates implizit auf einen bedeutsamen Punkt hin: Die Idee von der Polarisierung reduziert womöglich sehr viele Gegensätze und Machtfragen innerhalb eines dann auch noch komplexen Großsystems Gesellschaft auf die simple Dichotomie rechts gegen links (oder eben Weiße gegen People of Color). Es ist überhaupt alles viel komplizierter.

Und auf merkwürdige Weise so wie immer schon in den USA. Betrachtet man etwa die Ergebnisse, die das Umfrageinstitut Pew Center auf seine immer gleiche Frage, wie sich die US-Bürger politisch einordnen, im vergangenen Vierteljahrhundert erhalten hat, so gibt es nahezu keine Veränderung. Im Jahr 1994 bezeichneten sich 32 Prozent der Befragten als Anhänger der Demokraten, 2019 taten es 31 Prozent; den Republikanern verbunden fühlten sich vor 25 Jahren 30 Prozent, heute sind es 26 Prozent, das ist eine deutliche, aber nicht himmelstürzende Veränderung. 

Die größte ist bei denjenigen Menschen zu verzeichnen, die sich "Unabhängige" nennen: Im Gegensatz zur These der Polarisierung der Gesellschaft bezeichnen sich heute fünf Prozent mehr als Unabhängige als im Jahr 1994, aktuell sind es 38 Prozent der Befragten. Diese Gruppe lässt sich noch einmal unterteilen: Der Anteil derjenigen unter den independents, die eher den Demokraten zuneigen, hat sich leicht erhöht, während der Anteil derer, die im Zweifel zu den Republikanern tendieren, exakt gleich geblieben ist. Die Gruppe in der gedachten Mitte von allem, die sich als unabhängig bezeichnen und keinerlei Parteipräferenz haben, ist von neun auf sieben Prozent gesunken. Also nahezu gar nicht. In der Zwischenzeit gab es auch keine großen Ausreißer nach oben oder unten in dieser Umfrage. Da passierte fast nichts. Wäre die Polarisierung wirklich so stark, dürfte zwischen den Lagern eigentlich niemand mehr sein.

Dennoch stellen wir uns Amerika heute gänzlich anders vor als vor einem Vierteljahrhundert, und Amerika tut es mit sich selbst auch. Richtig ist zumindest: Die republikanische Partei unter Trump ist ideologisch ebenso wie wirtschafts-, außen- und sicherheitspolitisch eine andere, als es etwa die der Neocons unter George W. Bush war oder die der Reaganomics unter Ronald Reagan. So wie die Wählerzusammensetzung der Obama coalition aus ethnischen Minderheiten, gesellschaftlich Benachteiligten und progressiven Mittelschichtsangehörigen eine einzigartige war. Wer immer auch den Nominierungsprozess der Demokraten in den kommenden Monaten gewinnen wird, der oder die wird versuchen, diese Obama coalition wiederherzustellen. Nur mit welchen inhaltlichen Positionen, das ist noch nicht klar. Die des Mitte-Kandidaten Pete Buttigieg etwa und der Linken Elizabeth Warren liegen in vielen Punkten bislang weit auseinander. Und zwischen denen wiederum und Trumps liegen Welten.

Wann genau hat die Blockade denn nun begonnen?

Heute, am Ende der Zehnerjahre, ist die Erzählung von der Unversöhnlichkeit der beiden großen politischen Lager die einzige, auf die man sich in den USA kollektiv einigen kann. Eine der lautesten Klagen ist die, dass es keine parteiübergreifenden Gesetzesvorhaben mehr im US-Kongress gibt: Nothing gets done, alle seien zerstritten, und nicht einmal auf die Fakten könne man sich noch einigen. Wer wann mit der parteipolitisch motivierten Blockade von Repräsentantenhaus und Senat begonnen habe, ist ebenso strittig. Die Demokraten sagen dann zumeist, die parlamentarische Obstruktionspolitik der Republikaner habe mit Newt Gingrichs Wahl zum Speaker of the House im Jahr 1995 und demnach bereits während Bill Clintons Präsidentschaft begonnen (eine Ansicht, die von Historikern bestätigt wird). Republikanern hingegen gilt zum Beispiel Harry Reid, von 2005 bis 2017 Fraktionsvorsitzender der Demokraten im Senat, als großer Blockierer, ebenso wie die aktuelle Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi, die diese Position als Demokratin bereits einmal von 2007 bis 2011 innehatte, anfänglich also in der Spätphase der Präsidentschaft George W. Bushs.

In einem durch das relative Mehrheitswahlrecht faktischen Zwei-Parteien-System wie in den USA ist das framing "Polarisierung" selbstverständlich naheliegender als etwa in Deutschland. Die parlamentarische Repräsentation des Wählerwillens in den USA durch lediglich zwei Parteien, Demokraten und Republikaner, verwischt zumindest auf den ersten Blick, wie weit aufgespannt das politische Spektrum auch innerhalb dieser Parteien tatsächlich ist. Wären Nancy Pelosi und Alexandria Ocasio-Cortez deutsche Politikerinnen, so wäre die eine (die kalifornische Katholikin Pelosi) mutmaßlich Mitglied des immer noch von der katholischen Soziallehre beeinflussten Arbeitnehmerflügels der CDU, während die andere (die demokratische Sozialistin Ocasio-Cortez, deren Wahlbezirk Teile der Bronx und von Queens umfasst) wohl entweder wirtschaftspolitische Fundi bei den Grünen wäre oder Umweltpolitikerin bei der Linken.

"A pompous 'ass'"

Dass sich im aktuellen Impeachment-Verfahren gegen Trump auf der anderen, der republikanischen Seite noch keine Kongressabgeordneten von ihrem Präsidenten losgesagt haben, bedeutet keineswegs, dass sich die Partei restlos in eine politische Sekte um Trump verwandelt hat. Die möglichen Kosten, sich öffentlich gegen Trump zu stellen, sind für republikanische Abgeordnete einfach sehr groß. Das beginnt bei der Demütigung per Trump-Tweet, wie sie dem Senator und ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney widerfahren ist, der am 5. Oktober über sich in einem Tweet lesen durfte: "He is a pompous 'ass' who has been fighting me from the beginning". Romney hatte zuvor gesagt: "Nach allem Anschein ist der scham- und beispiellose Appell des Präsidenten an China und Ukraine, gegen Joe Biden zu ermitteln, falsch und entsetzlich." Das sahen die Demokraten im Repräsentantenhaus im Fall Ukraine ähnlich und leiteten das Impeachment-Verfahren gegen Trump ein. 

Ein noch schärferes Mittel als die öffentliche Erniedrigung ist die Drohung, als Mandatsträger in eine parteiinterne Vorwahl gezwungen zu werden gegen treue Gefolgsleute Trumps. Der 2018 in den Senat eingezogene Romney, dessen Amtszeit erst 2024 endet, muss sich darum einstweilen nicht sorgen. Doch Umfragen aus Romneys traditionell konservativem Heimatbundesstaat Utah von Ende September, Anfang Oktober und also aus der Zeit des Trump-Tweets gegen Romney zeigen, wie die Haltung zum aktuellen Präsidenten auch die republikanische Anhängerschaft spaltet: Der höchste Wert an "starker Ablehnung", nämlich 36 Prozent, schlug Romney aus den Reihen der überzeugtesten Republikaner-Wähler entgegen; bei den eingefleischtesten Anhängern der Demokraten hingegen betrug Romneys strong-disapproval-Wert hingegen nur 21 Prozent und bei den Wählern, die nur prinzipiell mit den demokraten sympathisieren, lag die "starke Ablehnung" Romneys nur bei einem Prozent. Weil es zu der Zeit der Umfrage keine wesentliche politische Entscheidung gab, bei der Romney eine prominente Rolle gespielt hätte, lässt sich nur seine Kritik an Trump als Auslöser für diese verkehrt erscheinenden Umfrageergebnisse betrachten. Trump polarisiert sogar das eigene Lager: Wer sich wie Romney von ihm distanziert, verliert Sympathien im eigenen Lager und gewinnt welche im gegnerischen.

Dann lieber gleich krankmelden

Eine Lösung für Trump-Abweichler unter den Republikanern ist es, sich bei der nächstbesten Wahl einfach nicht mehr aufstellen zu lassen und die Politik zu verlassen: Zu den Midterms 2018 traten zwei Dutzend deren Mandatsträger aus Senat und Repräsentantenhaus nicht mehr an. Einen entsprechenden Schritt haben für 2020 bereits 28 republikanische Kongressabgeordnete (darunter vier Senatoren) angekündigt. Manche nennen private oder gesundheitliche Gründe dafür. 

Trump wiederum, das zeigten die Zwischenwahlen 2018, ist ein möglicher Mobilisierungsfaktor insbesondere für dessen politische Gegnerschaft. Die Demokraten gewannen das Repräsentantenhaus vor allem dank neuhinzugekommener Stimmanteile bei Frauen, Besserverdienenden und Vorortbewohnern zurück (natürlich trafen mitunter auch alle drei Merkmale auf Wählerinnen zu). Ihr Hauptmotiv: Sie mögen Donald Trump nicht. Vox zitierte nach der Wahl eine republikanische Demoskopin mit den Worten: "Sie betrachten dies buchstäblich als Krise. Die Trump-Präsidentschaft ist eine Krise der Demokratie, unserer Werte, unserer Moral. Sie bereitet Frauen körperliche Übelkeit. Es gibt ein Wort, das sie ständig benutzen – das Wort lautet 'ekelerregend'."

Trumps Wirkung ist extrem, und das gilt für die Menschen, die ihn ablehnen ebenso wie für die, die ihn verehren. "Trump ist ein Impuls", sagte Karl Rove, der ehemalige Stratege George W. Bushs, in diesem Sommer auf der Bühne des Aspen Ideas Festival, als er zur Zukunft der republikanischen Partei interviewt wurde. Diese müsse sich nach der Ära Trump so oder so neu erfinden, sagte Rove, weil Populismus, wie ihn Trump verkörpere, nun einmal an Personen gebunden sei. Und bei Trump wisse man ja nicht einmal, welchen philosophischen Grundsätze dessen Populismus folge (Trump besitzt selbstverständlich keine, deutete Rove an). Wenn man Trump gegenüber die Namen der für die alte republikanische Partei geradezu heiligen Ökonomen Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises nennen würde, so Rove, "dann würde Trump denken, Hayek sei irgendein Fred Hayek, mit dem er 1978 mal Immobiliendeals in Queens gedeichselt hat, und von Mises sei der Typ, der ihn gefragt habe, ob er nicht ein Trump-Hotel in Wien eröffnen könnte".

Die wirklich belegbare politische Polarisierung in den USA (und anderswo) ist womöglich nur eine der Wahrnehmung. Durch den Aufstieg der sozialen Medien, könnte man meinen, findet diese auch eine sichtbare Entsprechung, die allerdings niemand überblicken kann, außer die Betreiber der Social-Media-Plattformen selbst: Jeder und jede kann sich dort ausdrücken, jede und jeder kann es lesen, sehen, nachverfolgen, in der je selbst zusammengebastelten Filtereinstellung. Dort müsste man die politische Polarisierung finden.

Twitter ist gar nicht mal so schrecklich

Vor wenigen Tagen, kurz vor Weihnachten, hat die unabhängige US-Medienstiftung Knight Foundation eine großangelegte Studie über Trumps Lieblingsmedium Twitter veröffentlicht und darüber, welche politischen Stimmungen und Haltungen sich dort wie darstellen und wie viel Aufmerksamkeit sie erhalten. Rund 50 Millionen Amerikaner und damit etwas mehr als ein Fünftel der Erwachsenen in den USA nutzt Twitter, etwa 30 Millionen von ihnen laut dem Unternehmen täglich. Nutzerzahlen für Deutschland gibt es direkt von Twitter keine. Die Firma meldet seit diesem Jahr quartalsweise nur noch sogenannte "monetizable daily active users", das sind Menschen, die mindestens einmal täglich auf Twitter gehen und dabei ohne Adblocker Anzeigen sehen (das meint "monetizable"). Es waren zuletzt 145 Millionen weltweit. Die aktuelle, umfragebasierte Onlinestudie von ARD und ZDF taxiert die täglichen Twitter-User in Deutschland auf zwei Prozent der Bevölkerung. Hierzulande ist Twitter ein Nischen-, in den USA ein Massenmedium.

Die Knight Foundation hat nun 86 Millionen englischsprachige Tweets aus dem Jahr 2017 danach untersucht, welche politischen Strömungen sich dort wie äußern und wie groß ihr jeweiliger Anteil an den Äußerungen ist. Diese Studie stellt also eine qualitative Untersuchung dar, die sich nicht auf Umfragen, sondern tatsächlich auf eine sehr große Menge an direkten Meinungsäußerungen von Menschen stützt.

Das erste Ergebnis lautet wenig überraschend: Die Gruppe der Twitter-Nutzer entspricht in ihrer politischen Verteilung nicht der, die man in Umfragen unter der Wahlbevölkerung erhält. Extrem rechts Denkende (25 Prozent) und extrem links Denkende (zehn Prozent) sind auf Twitter weit überproportional vertreten. Ebenso aber sind es mit 57 Prozent Menschen, deren politische Einstellung links der Mitte liegt, während die mit einer Einstellung rechts der Mitte mit sieben Prozent total unterrepräsentiert sind. Die größte Gruppe der Linksliberalen beteiligt sich dann auch noch überproportional viel an Debatten, etwa über Themen wie "White Nationalism" (75 Prozent der Beiträge), sexuelle Belästigung (70 Prozent der Beiträge), Nordkorea (67 Prozent der Beiträge).

Der Anteil der Tweets von Rechtsextremen hingegen ist durchgängig kleiner als der Anteil der Rechtsextremen an den amerikanischen Twitter-Nutzern, sie twittern unterdurchschnittlich oft, vertreten aber extremere Meinungen, als es am anderen Ende des Spektrums sehr Linke tun. Wie sich herausstellt, erreichen die sehr Rechten jedoch keine große Aufmerksamkeit: Die mit weitem Abstand meiste Aufmerksamkeit teilen sich Mitteilungen von Leuten rechts und links der Mitte, also die Gemäßigten. Extrem rechte und linke Meinungen gehen im Vergleich dazu regelrecht unter. Rechte und Linke referenzieren am ehesten Medien, die ihren Meinungen entsprechend berichten, die Leute in der Mitte beziehen sich größtenteils auf sogenannte Mainstreammedien. Medien als solche und ihre Berichterstattung werden in Tweets extrem selten gelobt, häufig kritisiert, noch viel häufiger werden sie beleidigt – an der Spitze der Beleidigten steht mit großem Vorsprung die ehrwürdige New York Times, mit weitem Abstand gefolgt vom rechten News-Kanal Fox News. 

Hashtag #SchlimmIstAnders

Mit anderen Worten: eigentlich nichts Auffälliges. Die Social-Media-Plattform Twitter scheint nach den Studienergebnissen der Knight Foundation zwar kein Abbild der amerikanischen Wahlbevölkerung zu sein, spiegelt aber in der Aufmerksamkeit, die politischen Äußerungen zuteil werden, ungefähr die Verteilung des politischen Meinungsspektrums wieder. Wer Twitter für eine gewaltige Kloake extremer Meinungen hält und dort eine entsprechend große Polarisierung sucht, muss von der Studie enttäuscht sein. Twitter mag nicht nett sein, vor allem nicht zu Journalistinnen und Journalisten und deren Arbeitgebern. Aber schlimm geht es dort jedenfalls gemäß der Studie der Knight Foundation nicht zu.

Was, wenn überhaupt alles nicht so schlimm ist oder jedenfalls nicht außergewöhnlich schlimm? Was, wenn Trump womöglich weder Symptom noch Folge einer Spaltung der amerikanischen Gesellschaft ist? Sondern ein, wenn auch folgenschwerer, Unfall eines gerade ausreichenden Teils der amerikanischen Gesellschaft, der in einem seltsamen Moment durch eine seltsame Entscheidung der herkömmlichen Politik einen disrupter entgegensetzen wollte und sich dafür einen Immobilientycoon-Darsteller aus dem Reality-TV ausgesucht hat, der einen gewissen Entertainmentfaktor versprach und wider alle Wahrscheinlichkeit gewann?

Man kann die relativ konstanten Umfragewerte für Trump und früher Obama in den Zehnerjahren nämlich auch so betrachten: Nach der wirtschaftlichen Erholung infolge der Banken- und Finanzkrise waren die USA in den Zehnern trotz aller ungerechten Verteilung des Wohlstands ein prosperierendes Land, das viele alte, aber wenig neue Probleme hatte, außer ab Januar 2017 dem sehr großen im Oval Office. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern haben weder Obama noch bisher Trump einen Krieg begonnen, sie haben die ihrer Vorgänger verwaltet, verkleinert, mitunter eskaliert. Und ein Ereignis, das mit dem 11. September 2001 vergleichbar wäre, hatten Obama und Trump auch nicht zu bewältigen. Nichts hat die USA in den Zehnern so erschüttert, dass Menschen massenhaft ihre politische Haltung geändert hätten, zumindest vorübergehend. Der große Unterschied zwischen Obama und Trump (jenseits der vielen offensichtlichen politischen, intellektuellen, menschlichen) war die Art und insbesondere Lautstärke, in der sie ihr Amt ausübten – die Lautstärke der Kritik an ihnen war etwa gleich, nur dass wir sie als krass lauter wahrnahmen, als sie wirklich war. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind, was sie auch in vielen Jahrzehnten zuvor waren: ein Land der oft himmelweiten, himmelschreienden Unterschiede. Ein fragmentiertes, in viele Interessen, Meinungen, Herkünfte zerfallendes. Aber keines, das zerbrochen ist. Bislang.

Dass Trump – gewollt oder ungewollt – es noch schaffen könnte, es zum Bersten zu bringen, ist unwahrscheinlich. Trump ist auch als Populist eigentlich eine totale Fehlbesetzung. Er ist nicht charismatisch, er besitzt keine Aura, er hat nichts mitzuteilen (außer sich selbst). Er ist, nach der beobachtbaren Lage der Dinge, unbelesen, ungebildet, misogyn, inkompetent, korrupt, ein bully, zur strategischen Planung unfähig und also einfach in allem denkbar ungeeignet für das Amt des US-Präsidenten – aber er ist eine Schau. Er hat Wirkung, zumindest bei Auftritten vor Fans in MAGA-Caps. Er hat die Politik der grievances, der Klage, ins Weiße Haus getragen und hat damit bewiesen: Sogar der mächtigste Mensch der Welt kann so klein sein, sich in einem fort darüber zu beschweren, nicht zu kriegen, was ihm angeblich zusteht. Trump ist der stumpf glänzende Solitär, der dunkle Magnet, um den herum sich alle gruppieren, abstoßen, dann doch polarisieren. Er ist weder Ursache noch Symptom einer größeren Entwicklung. Donald Trump verweist auf nichts, außer sich selbst. Er ist auch bloß er selbst. Der brüllende Chefkommentator seines erstaunlichen Daseins.

Ziemlich sicher haben rassistische Motive in einem Teil der US-Wählerschaft eine Rolle gespielt bei Trumps Wahlsieg 2016. Und dazu noch all die Dinge, über die sich politische Strategen, Politikwissenschaftler, Soziologen, Medienwissenschaftler, Historiker und Journalisten beiderlei Geschlechts seither den Kopf zerbrechen: die Desinformationskampagne Russlands auf Social Media, die geringen Sympathien für Trumps Gegenkandidatin Hillary Clinton, strategische Fehler ihres Wahlkampfteams, das bedenkliche Agieren des FBI gegenüber beiden Kampagnen (Trumps wie Clintons), ein allgemeiner Verdruss in der Wählerschaft gegenüber Eliten, das schwindende Vertrauen in Institutionen, dazu Medienleute, die gegen Clinton anschrieben und zugleich nicht wussten, wie sie über das Phänomen Trump berichten sollten und vom absurden Schauwert dieses Mannes fasziniert waren. Selbstverständlich lag auch vor Donald Trump in Politik und Gesellschaft der USA vieles im Argen.

Und dann ist der Spuk plötzlich vorbei

Dessen Wahl kann eben auch die Verkettung irrer Umstände gewesen sein, ein unerklärlicher freak incident, eine böse Laune, mit der nicht einmal Donald Trump selbst gerechnet hatte. Die Konstruktion des Electoral College in den USA ermöglichte es, dass an einem Tag im November 2016 wenige Zehntausend Stimmen in drei US-Bundesstaaten den Ausschlag dafür gaben, dass eine Minderheit der Wahlbevölkerung Trump zum Präsidenten machte.

Ebenso gut ist möglich, dass die Welt am 3. November 2020 miterleben wird, wie Trump von einer Herausforderin oder einem Herausforderer der Demokraten haushoch geschlagen wird. Und wie dann mit einem Mal der ganze Spuk vorbei sein wird und die Vereinigten Staaten es mit den Folgen dieser dann vier Jahre kurzen, aber quälend lang wirkenden Horrorshow zu tun bekommen. Schön werden die Aufräumarbeiten bestimmt nicht.

Man wird dann auf das Jahrzehnt der Zehner zurückschauen und sagen: Bis zum Wahljahr 2016 waren die USA auf einem guten, keineswegs perfekten Weg einer verantwortungsbewussten Supermacht, die sich in geopolitisch neuen Zeiten mit einem Herausforderer namens China auseinandersetzen musste; dann nahmen sich die Amerikaner eine verantwortungslose Auszeit, während der die Welt sich fragte, was nur aus ihr werden soll; und dann kamen die USA wieder zu Sinn und Verstand.

Es kann natürlich auch alles anders ausgehen. Von der Furcht davor bei vielen und von der Vorfreude darauf bei wenigen werden die nächsten elf Monate Wahlkampf in den USA handeln. Und mit der Furcht und der Vorfreude, dass etwas ähnliches noch einmal passieren könnte, in den USA oder anderswo, und dass dann Donald Trump erfolgreicher sein könnte oder später einmal ein talentierterer Populist als er ans Werk gehen könnte, wird die Welt noch lange zu tun haben.