Eine Schlussfolgerung daraus könnte sein, dass es wirklich stimmt: Im Laufe der Zehner hat sich die politische Spaltung der amerikanischen Bevölkerung mindestens verfestigt oder sogar überhaupt erst endgültig herausgebildet. Trump ist in dieser Logik nicht ohne Obama zu verstehen, als Ausdruck einer Reaktion und eines Rückzugsgefechts der demographisch in den USA an Gewicht verlierenden Weißen vor allem aus der Unter- und Mittelschicht. Dass Trumps Politkarriere mit der Verbreitung der unter Rechtsextremen beliebten rassistischen Birther-Verschwörungstheorie begann, Obama sei nicht in den USA geboren und deshalb ein illegitimer Präsident, passt dazu als Ursprungserzählung. Der erste schwarze US-Präsident wäre demnach nicht die (vorübergehende) Erfüllung einer Emanzipationsgeschichte, sondern bloß eine Abweichung oder, in der radikalisierten Variante, die Drohung einer kommenden Zeit einer multiethnischen Gesellschaft, in der es keine geradezu vorgegebene Herrschaft der Weißen mehr gibt. Der Glaubenssatz des Martin Luther King – "The arch of history is long, but it bends towards justice" –, an den auch Barack Obama geglaubt hat, erwiese sich als falsch: Sollte es eine natürliche Entwicklung hin zu mehr Gerechtigkeit geben, hätte Donald Trump ihren Lauf aufgehalten.

Der afroamerikanische Autor Ta-Nehisi Coates hat diese These zugespitzt in seinem Essay The First White President, der in der Oktoberausgabe 2017 des Atlantic erschien: Die Basis für Trumps Präsidentschaft, heißt es bereits im Vorspann des Textes, sei die Negation des Vermächtnisses von Barack Obama. Trump, argumentiert Coates, vertrete als erster der 44 bisherigen weißen US-Präsidenten aktiv das Gedankengut der White Supremacy; bei anderen habe sich das eher implizit verstanden. Coates wurde wenige Wochen nach dem Erscheinen des Textes vom afroamerikanischen Philosophen Cornel West im Guardian vorgeworfen, er verkürze in seinen Schriften den Befreiungskampf der Schwarzen, indem er sich allein auf die Rassenfrage konzentriere und Aspekte wie Klasse, Geschlecht, sexuelle Orientierung und die "imperiale" Außen- und Militärpolitik der USA vernachlässige; mithin sei Coates schlicht ein neoliberaler Denker, der einen neoliberalen Präsidenten (Obama) verehrt habe. 

Auf Unversöhnlichkeit können sie sich einigen

Tatsächlich ist Coates’ Verhältnis zu Obama wesentlich komplizierter, als West es erscheinen lässt, das zeigt sich in den Texten der Essay-Sammlung We Were Eight Years in Power von Coates. Cornel weist aber, ohne Trump auch nur zu erwähnen, in seinem Angriff auf Coates implizit auf einen bedeutsamen Punkt hin: Die Idee von der Polarisierung reduziert womöglich sehr viele Gegensätze und Machtfragen innerhalb eines dann auch noch komplexen Großsystems Gesellschaft auf die simple Dichotomie rechts gegen links (oder eben Weiße gegen People of Color). Es ist überhaupt alles viel komplizierter.

Und auf merkwürdige Weise so wie immer schon in den USA. Betrachtet man etwa die Ergebnisse, die das Umfrageinstitut Pew Center auf seine immer gleiche Frage, wie sich die US-Bürger politisch einordnen, im vergangenen Vierteljahrhundert erhalten hat, so gibt es nahezu keine Veränderung. Im Jahr 1994 bezeichneten sich 32 Prozent der Befragten als Anhänger der Demokraten, 2019 taten es 31 Prozent; den Republikanern verbunden fühlten sich vor 25 Jahren 30 Prozent, heute sind es 26 Prozent, das ist eine deutliche, aber nicht himmelstürzende Veränderung. 

Die größte ist bei denjenigen Menschen zu verzeichnen, die sich "Unabhängige" nennen: Im Gegensatz zur These der Polarisierung der Gesellschaft bezeichnen sich heute fünf Prozent mehr als Unabhängige als im Jahr 1994, aktuell sind es 38 Prozent der Befragten. Diese Gruppe lässt sich noch einmal unterteilen: Der Anteil derjenigen unter den independents, die eher den Demokraten zuneigen, hat sich leicht erhöht, während der Anteil derer, die im Zweifel zu den Republikanern tendieren, exakt gleich geblieben ist. Die Gruppe in der gedachten Mitte von allem, die sich als unabhängig bezeichnen und keinerlei Parteipräferenz haben, ist von neun auf sieben Prozent gesunken. Also nahezu gar nicht. In der Zwischenzeit gab es auch keine großen Ausreißer nach oben oder unten in dieser Umfrage. Da passierte fast nichts. Wäre die Polarisierung wirklich so stark, dürfte zwischen den Lagern eigentlich niemand mehr sein.

Dennoch stellen wir uns Amerika heute gänzlich anders vor als vor einem Vierteljahrhundert, und Amerika tut es mit sich selbst auch. Richtig ist zumindest: Die republikanische Partei unter Trump ist ideologisch ebenso wie wirtschafts-, außen- und sicherheitspolitisch eine andere, als es etwa die der Neocons unter George W. Bush war oder die der Reaganomics unter Ronald Reagan. So wie die Wählerzusammensetzung der Obama coalition aus ethnischen Minderheiten, gesellschaftlich Benachteiligten und progressiven Mittelschichtsangehörigen eine einzigartige war. Wer immer auch den Nominierungsprozess der Demokraten in den kommenden Monaten gewinnen wird, der oder die wird versuchen, diese Obama coalition wiederherzustellen. Nur mit welchen inhaltlichen Positionen, das ist noch nicht klar. Die des Mitte-Kandidaten Pete Buttigieg etwa und der Linken Elizabeth Warren liegen in vielen Punkten bislang weit auseinander. Und zwischen denen wiederum und Trumps liegen Welten.

Wann genau hat die Blockade denn nun begonnen?

Heute, am Ende der Zehnerjahre, ist die Erzählung von der Unversöhnlichkeit der beiden großen politischen Lager die einzige, auf die man sich in den USA kollektiv einigen kann. Eine der lautesten Klagen ist die, dass es keine parteiübergreifenden Gesetzesvorhaben mehr im US-Kongress gibt: Nothing gets done, alle seien zerstritten, und nicht einmal auf die Fakten könne man sich noch einigen. Wer wann mit der parteipolitisch motivierten Blockade von Repräsentantenhaus und Senat begonnen habe, ist ebenso strittig. Die Demokraten sagen dann zumeist, die parlamentarische Obstruktionspolitik der Republikaner habe mit Newt Gingrichs Wahl zum Speaker of the House im Jahr 1995 und demnach bereits während Bill Clintons Präsidentschaft begonnen (eine Ansicht, die von Historikern bestätigt wird). Republikanern hingegen gilt zum Beispiel Harry Reid, von 2005 bis 2017 Fraktionsvorsitzender der Demokraten im Senat, als großer Blockierer, ebenso wie die aktuelle Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi, die diese Position als Demokratin bereits einmal von 2007 bis 2011 innehatte, anfänglich also in der Spätphase der Präsidentschaft George W. Bushs.

In einem durch das relative Mehrheitswahlrecht faktischen Zwei-Parteien-System wie in den USA ist das framing "Polarisierung" selbstverständlich naheliegender als etwa in Deutschland. Die parlamentarische Repräsentation des Wählerwillens in den USA durch lediglich zwei Parteien, Demokraten und Republikaner, verwischt zumindest auf den ersten Blick, wie weit aufgespannt das politische Spektrum auch innerhalb dieser Parteien tatsächlich ist. Wären Nancy Pelosi und Alexandria Ocasio-Cortez deutsche Politikerinnen, so wäre die eine (die kalifornische Katholikin Pelosi) mutmaßlich Mitglied des immer noch von der katholischen Soziallehre beeinflussten Arbeitnehmerflügels der CDU, während die andere (die demokratische Sozialistin Ocasio-Cortez, deren Wahlbezirk Teile der Bronx und von Queens umfasst) wohl entweder wirtschaftspolitische Fundi bei den Grünen wäre oder Umweltpolitikerin bei der Linken.