Vor wenigen Tagen, kurz vor Weihnachten, hat die unabhängige US-Medienstiftung Knight Foundation eine großangelegte Studie über Trumps Lieblingsmedium Twitter veröffentlicht und darüber, welche politischen Stimmungen und Haltungen sich dort wie darstellen und wie viel Aufmerksamkeit sie erhalten. Rund 50 Millionen Amerikaner und damit etwas mehr als ein Fünftel der Erwachsenen in den USA nutzt Twitter, etwa 30 Millionen von ihnen laut dem Unternehmen täglich. Nutzerzahlen für Deutschland gibt es direkt von Twitter keine. Die Firma meldet seit diesem Jahr quartalsweise nur noch sogenannte "monetizable daily active users", das sind Menschen, die mindestens einmal täglich auf Twitter gehen und dabei ohne Adblocker Anzeigen sehen (das meint "monetizable"). Es waren zuletzt 145 Millionen weltweit. Die aktuelle, umfragebasierte Onlinestudie von ARD und ZDF taxiert die täglichen Twitter-User in Deutschland auf zwei Prozent der Bevölkerung. Hierzulande ist Twitter ein Nischen-, in den USA ein Massenmedium.

Die Knight Foundation hat nun 86 Millionen englischsprachige Tweets aus dem Jahr 2017 danach untersucht, welche politischen Strömungen sich dort wie äußern und wie groß ihr jeweiliger Anteil an den Äußerungen ist. Diese Studie stellt also eine qualitative Untersuchung dar, die sich nicht auf Umfragen, sondern tatsächlich auf eine sehr große Menge an direkten Meinungsäußerungen von Menschen stützt.

Das erste Ergebnis lautet wenig überraschend: Die Gruppe der Twitter-Nutzer entspricht in ihrer politischen Verteilung nicht der, die man in Umfragen unter der Wahlbevölkerung erhält. Extrem rechts Denkende (25 Prozent) und extrem links Denkende (zehn Prozent) sind auf Twitter weit überproportional vertreten. Ebenso aber sind es mit 57 Prozent Menschen, deren politische Einstellung links der Mitte liegt, während die mit einer Einstellung rechts der Mitte mit sieben Prozent total unterrepräsentiert sind. Die größte Gruppe der Linksliberalen beteiligt sich dann auch noch überproportional viel an Debatten, etwa über Themen wie "White Nationalism" (75 Prozent der Beiträge), sexuelle Belästigung (70 Prozent der Beiträge), Nordkorea (67 Prozent der Beiträge).

Der Anteil der Tweets von Rechtsextremen hingegen ist durchgängig kleiner als der Anteil der Rechtsextremen an den amerikanischen Twitter-Nutzern, sie twittern unterdurchschnittlich oft, vertreten aber extremere Meinungen, als es am anderen Ende des Spektrums sehr Linke tun. Wie sich herausstellt, erreichen die sehr Rechten jedoch keine große Aufmerksamkeit: Die mit weitem Abstand meiste Aufmerksamkeit teilen sich Mitteilungen von Leuten rechts und links der Mitte, also die Gemäßigten. Extrem rechte und linke Meinungen gehen im Vergleich dazu regelrecht unter. Rechte und Linke referenzieren am ehesten Medien, die ihren Meinungen entsprechend berichten, die Leute in der Mitte beziehen sich größtenteils auf sogenannte Mainstreammedien. Medien als solche und ihre Berichterstattung werden in Tweets extrem selten gelobt, häufig kritisiert, noch viel häufiger werden sie beleidigt – an der Spitze der Beleidigten steht mit großem Vorsprung die ehrwürdige New York Times, mit weitem Abstand gefolgt vom rechten News-Kanal Fox News. 

Hashtag #SchlimmIstAnders

Mit anderen Worten: eigentlich nichts Auffälliges. Die Social-Media-Plattform Twitter scheint nach den Studienergebnissen der Knight Foundation zwar kein Abbild der amerikanischen Wahlbevölkerung zu sein, spiegelt aber in der Aufmerksamkeit, die politischen Äußerungen zuteil werden, ungefähr die Verteilung des politischen Meinungsspektrums wieder. Wer Twitter für eine gewaltige Kloake extremer Meinungen hält und dort eine entsprechend große Polarisierung sucht, muss von der Studie enttäuscht sein. Twitter mag nicht nett sein, vor allem nicht zu Journalistinnen und Journalisten und deren Arbeitgebern. Aber schlimm geht es dort jedenfalls gemäß der Studie der Knight Foundation nicht zu.

Was, wenn überhaupt alles nicht so schlimm ist oder jedenfalls nicht außergewöhnlich schlimm? Was, wenn Trump womöglich weder Symptom noch Folge einer Spaltung der amerikanischen Gesellschaft ist? Sondern ein, wenn auch folgenschwerer, Unfall eines gerade ausreichenden Teils der amerikanischen Gesellschaft, der in einem seltsamen Moment durch eine seltsame Entscheidung der herkömmlichen Politik einen disrupter entgegensetzen wollte und sich dafür einen Immobilientycoon-Darsteller aus dem Reality-TV ausgesucht hat, der einen gewissen Entertainmentfaktor versprach und wider alle Wahrscheinlichkeit gewann?

Man kann die relativ konstanten Umfragewerte für Trump und früher Obama in den Zehnerjahren nämlich auch so betrachten: Nach der wirtschaftlichen Erholung infolge der Banken- und Finanzkrise waren die USA in den Zehnern trotz aller ungerechten Verteilung des Wohlstands ein prosperierendes Land, das viele alte, aber wenig neue Probleme hatte, außer ab Januar 2017 dem sehr großen im Oval Office. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern haben weder Obama noch bisher Trump einen Krieg begonnen, sie haben die ihrer Vorgänger verwaltet, verkleinert, mitunter eskaliert. Und ein Ereignis, das mit dem 11. September 2001 vergleichbar wäre, hatten Obama und Trump auch nicht zu bewältigen. Nichts hat die USA in den Zehnern so erschüttert, dass Menschen massenhaft ihre politische Haltung geändert hätten, zumindest vorübergehend. Der große Unterschied zwischen Obama und Trump (jenseits der vielen offensichtlichen politischen, intellektuellen, menschlichen) war die Art und insbesondere Lautstärke, in der sie ihr Amt ausübten – die Lautstärke der Kritik an ihnen war etwa gleich, nur dass wir sie als krass lauter wahrnahmen, als sie wirklich war. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind, was sie auch in vielen Jahrzehnten zuvor waren: ein Land der oft himmelweiten, himmelschreienden Unterschiede. Ein fragmentiertes, in viele Interessen, Meinungen, Herkünfte zerfallendes. Aber keines, das zerbrochen ist. Bislang.

Dass Trump – gewollt oder ungewollt – es noch schaffen könnte, es zum Bersten zu bringen, ist unwahrscheinlich. Trump ist auch als Populist eigentlich eine totale Fehlbesetzung. Er ist nicht charismatisch, er besitzt keine Aura, er hat nichts mitzuteilen (außer sich selbst). Er ist, nach der beobachtbaren Lage der Dinge, unbelesen, ungebildet, misogyn, inkompetent, korrupt, ein bully, zur strategischen Planung unfähig und also einfach in allem denkbar ungeeignet für das Amt des US-Präsidenten – aber er ist eine Schau. Er hat Wirkung, zumindest bei Auftritten vor Fans in MAGA-Caps. Er hat die Politik der grievances, der Klage, ins Weiße Haus getragen und hat damit bewiesen: Sogar der mächtigste Mensch der Welt kann so klein sein, sich in einem fort darüber zu beschweren, nicht zu kriegen, was ihm angeblich zusteht. Trump ist der stumpf glänzende Solitär, der dunkle Magnet, um den herum sich alle gruppieren, abstoßen, dann doch polarisieren. Er ist weder Ursache noch Symptom einer größeren Entwicklung. Donald Trump verweist auf nichts, außer sich selbst. Er ist auch bloß er selbst. Der brüllende Chefkommentator seines erstaunlichen Daseins.

Ziemlich sicher haben rassistische Motive in einem Teil der US-Wählerschaft eine Rolle gespielt bei Trumps Wahlsieg 2016. Und dazu noch all die Dinge, über die sich politische Strategen, Politikwissenschaftler, Soziologen, Medienwissenschaftler, Historiker und Journalisten beiderlei Geschlechts seither den Kopf zerbrechen: die Desinformationskampagne Russlands auf Social Media, die geringen Sympathien für Trumps Gegenkandidatin Hillary Clinton, strategische Fehler ihres Wahlkampfteams, das bedenkliche Agieren des FBI gegenüber beiden Kampagnen (Trumps wie Clintons), ein allgemeiner Verdruss in der Wählerschaft gegenüber Eliten, das schwindende Vertrauen in Institutionen, dazu Medienleute, die gegen Clinton anschrieben und zugleich nicht wussten, wie sie über das Phänomen Trump berichten sollten und vom absurden Schauwert dieses Mannes fasziniert waren. Selbstverständlich lag auch vor Donald Trump in Politik und Gesellschaft der USA vieles im Argen.

Und dann ist der Spuk plötzlich vorbei

Dessen Wahl kann eben auch die Verkettung irrer Umstände gewesen sein, ein unerklärlicher freak incident, eine böse Laune, mit der nicht einmal Donald Trump selbst gerechnet hatte. Die Konstruktion des Electoral College in den USA ermöglichte es, dass an einem Tag im November 2016 wenige Zehntausend Stimmen in drei US-Bundesstaaten den Ausschlag dafür gaben, dass eine Minderheit der Wahlbevölkerung Trump zum Präsidenten machte.

Ebenso gut ist möglich, dass die Welt am 3. November 2020 miterleben wird, wie Trump von einer Herausforderin oder einem Herausforderer der Demokraten haushoch geschlagen wird. Und wie dann mit einem Mal der ganze Spuk vorbei sein wird und die Vereinigten Staaten es mit den Folgen dieser dann vier Jahre kurzen, aber quälend lang wirkenden Horrorshow zu tun bekommen. Schön werden die Aufräumarbeiten bestimmt nicht.

Man wird dann auf das Jahrzehnt der Zehner zurückschauen und sagen: Bis zum Wahljahr 2016 waren die USA auf einem guten, keineswegs perfekten Weg einer verantwortungsbewussten Supermacht, die sich in geopolitisch neuen Zeiten mit einem Herausforderer namens China auseinandersetzen musste; dann nahmen sich die Amerikaner eine verantwortungslose Auszeit, während der die Welt sich fragte, was nur aus ihr werden soll; und dann kamen die USA wieder zu Sinn und Verstand.

Es kann natürlich auch alles anders ausgehen. Von der Furcht davor bei vielen und von der Vorfreude darauf bei wenigen werden die nächsten elf Monate Wahlkampf in den USA handeln. Und mit der Furcht und der Vorfreude, dass etwas ähnliches noch einmal passieren könnte, in den USA oder anderswo, und dass dann Donald Trump erfolgreicher sein könnte oder später einmal ein talentierterer Populist als er ans Werk gehen könnte, wird die Welt noch lange zu tun haben.