In Dresden hat sich ein Busfahrer auf einem Aushang an der Fahrerkabine folgende schlichte Bemerkung erlaubt: "Diesen Bus steuert ein Deutscher Fahrer." Gesetzt hat es der Kamerad in gebrochener Schrift. Konsequenz: Der Deutsche Kraftfahrzeugführer wurde aus dem Verkehr gezogen. Dabei war es eine aparte Geste, apart im Sinne von außergewöhnlich, ausgefallen, nicht zu verwechseln mit Apartheid.     

Diese Kolumne übrigens verfasst eine Deutsche Kolumnistin. Mit Stolz und ohne Vorurteil. Dass das mal bitte klar ist. Vielleicht kann sich zur Abwechslung auch mal die ganze verpiefte Twitter-Provinzialität die Sprüche klemmen. Hä, ist das kein Rechtschreibfehler? Hä, muss Deutsch nicht kleingeschrieben werden? NEIN, MUSS ES NICHT. DEUTSCH WIRD GROSSGESCHRIEBEN. IMMER!

Ständig das gleiche Deutsche Dilemma. Sobald sich jemand zu seiner Bodenzugehörigkeit bekennt, heißt es, wieso, weshalb, warum. Kein Zweifel, es ist in Deutschland wieder soweit. 74 Jahre nach Kriegsende müssen sich Deutsche für ihr Deutschsein rechtfertigen. Werden bald die ersten Alliierten in Pillnitz, Pulsnitz, Pirna landen, um die Deutschen zu befreien? 

Deutsche Bahn, Deutsche Bank, Deutsche Dogge. Kein Problem, oder? Es drängt sich nämlich der Verdacht auf, dass der Zusatz "Deutsch" weniger Aufsehen erregt, wenn es sich um westdeutsche Konzerne, Menschen und Tiere handelt. Hätte man sich über diesen Busfahrer auch aufgeregt, wenn er kein Ostdeutscher wäre? Wohl kaum, wie ein Blick in die neuere Deutsche Geschichte zeigt.    

Das hilft doch nur der AfD!

Als Boris Becker erfolgreich die Weltrangliste im Tennis anführte, trat er dezidiert als Deutscher Spieler an. Niemand schrie auf und sagte: Ach, schau mal an, der Herr Stirnbandführer! Als Drafi Richard Franz "Marmor, Stein und Eisen bricht" sang, hat es niemanden gejuckt, dass er das als Drafi Deutscher tat. Die AfD hat sich übrigens aus lauter Angst vor Stigmatisierung und Diskriminierung Alternative für Deutschland genannt. "Alternative für Deutsche" hätte es korrekterweise heißen müssen, aber mit so was wird man allzu schnell in Ecken gedrängt. 

In Sachsen spielt es eine herausragende Rolle, ob man Deutscher ist oder nicht. Am Tag des Busfahreraushangs wurde bekannt, dass in Dresden ein Heim mit minderjährigen Flüchtlingen angegriffen wurde. Vielleicht wollte der Busfahrer mit seinem Zettelanschlag ein Statement setzen. Vielleicht war seine Botschaft: "Wir Deutschen sind nicht alle rechtsradikal. Manche von uns fahren auch Bus." Dieses Feld der Vorverurteilung, das Zusammenzählen von mehreren Tausend Einzelfällen zu tendenziösen Aussagen über die Gesamtheit einer Bevölkerung ist inakzeptabel. Es spielt nur der AfD in die Hände. ES SPIELT NUR DER AFD IN DIE HÄNDE!     

Jede Angst eines Deutschen muss ernst genommen werden. Die größte Angst ist die der "Überfremdung". In Deutschland leben 81,6 Millionen Menschen. Zehn Millionen von ihnen haben keine Deutsche Staatsangehörigkeit. Die Wahrscheinlichkeit, dass man im Alltag einem Ausländer begegnet, ist nicht hoch, aber real. Für ängstliche Deutsche ist es nicht einfach, einen Mitmenschen anzusprechen und zu fragen: "Sind Sie Deutscher?" 

Wenn es stimmt, dass klare Abgrenzungen zu Deutschtümelei, Fahnenkult, Nationalismus und völkischem Denken zum Rechtsextremismus führen (diese These wird in der Öffentlichkeit gern und oft verbreitet), dann können simple Zettel, Aushänge, Buttons, Schilder einfache, aber effektive Hilfsmittel sein, die zu einer besseren Erkennbarkeit von Deutschsein in einem mehrheitlich von Deutschen bewohnten Deutschland dienen. Alles, wirklich alles – von Musikstücken ("Für Deutsche Elise", "Deutsche Hölle, Hölle, Hölle") bis Buchtitel ("Der Deutsche Turm", "Die Deutsche Wanderhure"), stets mit dem Zusatz "von Deutschen Autoren geschrieben" –, kann die Deutschen daran erinnern, dass sie es wirklich mit etwas Deutschem zu tun haben. Man kann das unendlich so fortführen, auch für Dörfer, Städte, Landstriche ("Deutsches Rothenburg ob der Deutschen Tauber"), selbst an den Grenzübergängen zu Deutschland sind geeignete Erinnerungsstützen denkbar: Deutsche Bundesrepublik Deutschland. Why not? Pardon: Warum nicht?

Die Tendenz ist ohnehin klar. Die Deutschen wollen sich erkennen und zueinanderstehen. Wer ist man, dass man ihnen dabei im Weg stehen will? Solange der Bus nur von einem "Deutschen Fahrer" gesteuert wird, setzt man sich halt rein und fährt mit. Wenn auf dem Schild irgendwann steht "Dieser Bus fährt nur Deutsche", steigt man eben aus, sofern man nicht Deutscher ist. Ist ja nicht so, als wäre das alles so furchtbar neu und nie dagewesen. Ist ja nicht so, als wäre das alles so furchtbar undenkbar. Sollen sie halt laufen. Oder Deutsche sein. Oder nicht da sein. Das ist ja nun wirklich nicht die Aufgabe, dass sich Deutsche auch noch ihre Deutsche Rübe darüber zerbrechen müssen, wie Nichtdeutsche ihr Mobilitätsproblem lösen.

Und der ganze Bums hier heißt schließlich Deutschstunde – demnächst vielleicht sogar Deutsche Deutschstunde – und nicht Nichtdeutschstunde.