Vergangenes Jahr im Herbst kam der Dokumentarfilm Elternschule in die Kinos. Er zeigt, wie in der Kinderklinik in Gelsenkirchen Familien in Not behandelt werden. Familien, die überlastet sind, deren Kinder viel schreien, Probleme haben, einzuschlafen oder zu essen. Die Süddeutsche Zeitung schrieb: "Für jeden, der selbst Kinder hat, ist dieser Film ein Muss." In den sozialen Medien dagegen dominierte Entsetzen über "Nazi-Erziehungsmethoden", weil Kleinkinder in vergitterten Klinikbetten in dunkle Räume geschoben wurden, um dort ohne ihre Eltern einschlafen zu lernen. Oder weil sie während eines sogenannten Trennungstrainings verzweifelt weinten, während Pflegepersonen scheinbar ungerührt daneben saßen. In den Kinosälen traf nickendes "Genau, man muss konsequent sein" auf erschüttertes "Das darf es heute doch nicht mehr geben!"

Hella Dietz lebt in Berlin. Sie arbeitet als Soziologin und als Familientherapeutin. Beide Tätigkeiten eint das Interesse daran, wie Menschen ihre Welt und ihr Leben erzählen. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Katrin Penschke

Der Film verunsichert noch heute viele Eltern, die Hilfe suchen. Gabriele Koch, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der International Psychoanalytic University (IPU) in Berlin, berichtet, dass sich in Erstgesprächen für eine Eltern-Säugling-Kleinkind-Psychotherapie besorgte Nachfragen häufen: "Werdet ihr uns hier auch so behandeln?" Diese Verunsicherung hilfesuchender Eltern wiegt umso schwerer, weil Studien zufolge nur knapp die Hälfte aller Familien in Not tatsächlich Hilfsangebote in Anspruch nehmen. Die wiederholten Nachfragen hatte die IPU im November zum Anlass genommen, um auf einer Konferenz die Debatte über den Film wieder aufzugreifen und einen "Gegenentwurf zur Elternschule" vorzustellen.

Diese Debatte ist auch deshalb wichtig, weil sich mittlerweile gezeigt hat, dass es auch unter Expertinnen mehr Uneinigkeit gibt als erwartet: Jene kritischen Expertinnen, die in dem Film schwarze Pädagogik am Werk gesehen hatten oder einen "Anfangsverdacht von freiheitsentziehenden Maßnahmen" vermutet hatten, waren offenbar davon ausgegangen, dass es im Grunde gar nichts zu diskutieren gebe, weil die im Film gezeigten Therapiemethoden wie auch die dahinterstehende Erziehungshaltung derart offensichtlich falsch seien, dass man sie schlicht verbieten könne, ja müsse. Dem war nicht so: Die Staatsanwaltschaft Essen entschied im November, keine Anklage zu erheben.

Weiter gab es zwar sehr kritische Stellungnahmen verschiedener Fachgesellschaften, aber auch solche, die die gezeigten Maßnahmen als prinzipiell leitlinienkonform bezeichneten. Kurz: Die im Film zum Ausdruck kommende Haltung ist nicht so marginalisiert, wie es manche Kritiker gehofft hatten. Michael Schulte-Markwort, jener Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, der Anzeige erstattet hatte, sagte dazu im Interview mit ZEIT ONLINE: "Ich dachte, ich würde einer Mehrheit angehören, die für Beziehung statt Erziehung eintritt. Die Reaktionen auf den Film haben deutlich gemacht, dass es momentan eher wieder eine Rückwärtsbewegung und Radikalisierung gerade auch bei jüngeren Fachkräften gibt."

Ähnliches gilt vermutlich auch für die Filmemacher Ralf Bücheler und Jörg Adolph sowie den Produzenten Ingo Fliess, die sich durch den Kinderschutzbund "regelrecht verleumdet" sahen. Gegen einen kritischen Blogbeitrag des Kinderarztes Herbert Renz-Polster erwirkte die für Elternschule verantwortliche Filmfirma Zorro eine Unterlassungserklärung. Doch auch die Kritik ließ sich nicht verbieten. Im Laufe der Monate hatten sich neben dem Kinderschutzbund auch die Fachgesellschaften der systemischen und der analytischen Psychotherapie, der Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Sozialpädiatrie sowie jüngst die German Association for Infant Mental Health (GAIMH) mit gewichtiger Kritik zu Wort gemeldet.

Deshalb ist es wichtig, mit dem Abstand eines Jahres noch einmal neu anzusetzen, um die Alternativen zu einigen der gezeigten Interventionen aufzuzeigen und dabei zugleich jene durch den Film aufgeworfenen inhaltlichen Fragen zu diskutieren, die tatsächlich für alle Mütter und Väter interessant sind: Wie lernen Kinder eigentlich Selbstregulation? Wie können Eltern auf gute Weise Grenzen setzen? Wie viel dürfen sie Kindern dabei zumuten? Wann überfordern sie sie – und wo beginnt Gewalt?