Weihnachten 1989, die Berliner Mauer war seit Kurzem Geschichte und wurde Stück für Stück an amerikanische Touristen verkauft. Meine ersten Reisen von Ostberlin in den Westen wurden aus den Erlösen dieser persönlichen Maueraufarbeitung finanziert. Dabei gab es eigentlich gar keinen Grund mehr wegzugehen. Praktisch jeden Tag passierte etwas Außergewöhnliches, bis dahin völlig Unvorstellbares. Einstmals mächtige Männer wurden über Nacht zu Karikaturen ihrer selbst. Neue Männer brachten Bananen, Wahlen und die D-Mark. Meine Stadt war über Monate in einer unfassbaren Aufbruch- und Feierstimmung. Theater, Universitäten, Marktplätze wurden zu Pop-up-Foren für eine neue Demokratie. Rockbands trommelten die Beats des Wandels dazu. Immobilienhaie und -hechte unterteilten die Stadt in Monopolyzonen und fingen an zu spielen. Ich wusste auf einmal, dass nichts mehr unmöglich sein würde. Die Hoffnung hatte gewonnen. Nach Deutschland würde sich auch Europa in Frieden vereinen. Ich ging nach London, um Europa zu studieren und in den folgenden drei Jahrzehnten ein praktizierender Europäer mit einer britisch-deutschen Familie zu werden, der in sechs europäischen Ländern leben würde. Alles war gut.

Weihnachten 2019, die Berliner Mauer ist lange weg. Wo früher ostdeutsche Flüchtlinge erschossen wurden, wird heute touristischer Schnickschnack verkauft. Nach 30 Jahren hat die Berliner Mauer ihre abschreckende Wirkung verloren. Weltweit gibt es eine Mauerrenaissance. Einer der größten Fans ist Präsident der USA. Und er hat noch andere Gemeinsamkeiten mit den mächtigen Männern von damals.

Ich erinnere mich an das euphorische Gefühl der unendlichen Möglichkeiten. Heute ist diese Euphorie verflogen. Wer hätte gedacht, dass ein Trump möglich wäre? Während vor 30 Jahren die Hoffnung Mauern niederriss, baut die Angst heute neue auf. Eine ungekannte Art der Polarisierung zerklüftet unsere Gemeinschaften und bedroht die Erfolge von Jahrzehnten europäischer Zusammenarbeit. Inakzeptable Ungleichheiten untergraben das Vertrauen in die mächtigen Männer und Frauen von heute. Die Stadt gehört den Monopolyspielern. Unsere Umwelt heizt sich von Tag zu Tag auf. Nicht nur politisch, sondern auch ganz real klimatisch. Kein Wunder, dass wir auf dystopische Literatur zurückgreifen, um die Ereignisse von heute zu verstehen, und kein Wunder, dass viele von uns nicht dieselbe Hoffnungsstimmung empfinden wie vor 30 Jahren.

Wenn ich an 1989 zurückdenke, scheint es mir bemerkenswert, wie der öffentliche Raum – Marktplätze, Theater, Stadien, Bahnhöfe – von den Kräften der Hoffnung besetzt wurden. Überall tauchten Graffiti auf, Flugblätter wurden verteilt. Satire und Humor waren großartige Ressourcen, die mit starker Wirkung eingesetzt wurden. Avantgarde, Popkultur, Radio und Fernsehen, Rock 'n' Roll und Streetart spielten eine große Rolle bei der Ausweitung des öffentlichen Raums.

Heutzutage schrumpfen öffentliche und zivilgesellschaftliche Räume zusehends, sind immer stärker segregiert, werden kommerzieller und sind mit Werbung zugepflastert. Wenn Regierungen dann auch noch autokratisch werden, sind öffentliche Räume besonders anfällig für Überwachungsmissbrauch und -manipulation.

Künstlerinnen und Kulturschaffende spielten während des Umbruchs Ende der Achtzigerjahre eine ganz zentrale Rolle. Ich denke an den Theaterschauspieler Ulrich Mühe, der auf der Bühne für eine friedliche Revolution eintrat und später in dem Oscar-prämierten Film Das Leben der Anderen einen Stasioffizier spielte. Ich denke an André Herzberg, Sänger der Band Pankow, der Rolling Stones der DDR, deren Konzerte und Lieder stets Aufrufe zu Rebellion und Freiheit waren. Ich denke an Václav Havel, der es vom dissidenten Dramatiker zum tschechischen Präsidenten geschafft hat. Sie waren ungehorsam, forderten die damals Mächtigen mit den Mitteln der Kunst und Kultur heraus, strahlten Hoffnung und innere Stärke aus und ermutigten Menschen, die oft schon lange in der inneren Emigration waren, sich dem erdrückenden Status quo entgegenzustellen. 1989 war auch eine Kulturrevolution.

Was ist in den vergangenen 30 Jahren passiert? Haben Künstler, haben wir alle, den kreativen Druck aufrechterhalten oder sind wir in Selbstzufriedenheit versunken?

Was ist in den vergangenen drei Jahren seit Trump, Brexit und dem Erstarken der AfD passiert? Wo ist die Kulturbewegung, die wirksamen Widerstand leistet und sich nicht nur in guttemperierten Konferenzzimmern beim Mittagsbuffet echauffiert? Gibt es eine kulturelle Massenbewegung für irgendetwas?

Ich glaube, wir können die Hoffnung des Jahres 1989 nur zurückgewinnen, wenn wir die Zukunft Europas als eine kulturelle Aufgabe verstehen. Denn Europa ist mehr als die Endlosschleife von Brexit-Gipfeltreffen, Wachstumsdiagrammen, Monopolyspielchen und der tatenlosen Aufregung über Umweltzerstörung. Unser modernes Europa ist ein einzigartiges Kulturprojekt, dessen Leitmotiv die Kooperation, die Kultur des Teilens ist. Ja, dieses Europa ist unperfekt und muss dringend verbessert werden, aber es ist auch bei Weitem das Beste, was uns in unserer bisherigen turbulenten Geschichte gelungen ist. Nostalgische Gefühle für die Nationalismen des 20. Jahrhunderts können wir uns jedenfalls nicht leisten. 

Was tun?