Franka Lu ist eine chinesische Journalistin und Unternehmerin. Sie arbeitet in China und Deutschland. In dieser ZEIT-ONLINE-Serie berichtet sie kritisch über Leben, Kultur und Alltag in China. Um ihr berufliches und privates Umfeld zu schützen, schreibt sie unter einem Pseudonym.

Du bist ein ganz normaler Junge, geboren in grauer Vorzeit in China auf dem Land. Eines Tages zerstören böse Teufel dein Dorf und töten alle Bewohner außer dir und deinem besten Freund. Meister des Buddhismus und Daoismus retten dich und schenken dir magische Gong-Fu-Kräfte. Obwohl anfangs nichts Ungewöhnliches an dir war, wächst du zum größten Meister der Kunst des magischen Gong Fu heran, begegnest vielen schönen Mädchen und besiegst viele böse Geister. Am Ende hast du mit deinen Freunden den grausamen Krieg gegen die Teufelstruppen gewonnen, ziemlich genau so wie in Herr der Ringe. Du kehrst heim zu dem Mädchen, das du am meisten liebst, und ihr lebt glücklich und zufrieden bis ans Ende eurer Tage.

Oder: Du bist ein Waisenmädchen und wirst von einem hübschen jungen Mann gerettet, der in Wahrheit ein Gott ist. Du verliebst dich in ihn, ohne zu wissen, dass du nicht nur für ihn ein Fluch bist, sondern für die ganze Welt. Du folgst ihm überall hin und wirst mehrere Male beinahe von anderen Göttern getötet. Dein Retter bringt es nicht über sich, dich umzubringen, weil er sich in dich verliebt hat. Am Ende beschließt du, dich selbst zu töten, um ihn und die ganze Welt zu retten. Auf eigenen Wunsch geht er mit dir in den Tod.

Fantasy, ein scheinbar unschuldiger Zeitvertreib

Diese rauschhaften Teenie-Geschichten stammen aus zwei der beliebtesten neueren chinesischen Fantasyromane, Jade Dynasty und Journey of Flower. Fantasy gehört auf dem chinesischen Literaturmarkt zu den populärsten Genres, als willkommene Zuflucht für die jüngeren Generationen, die in der repressiven und konkurrenzorientierten chinesischen Gesellschaft unter Stress leiden. Doch noch im scheinbar unschuldigen Zeitvertreib der Fantasylektüre bleiben der Druck der Märkte und der der politischen Zensur spürbar.

Das Faszinierendste an der chinesischen Fantasyliteratur ist, dass das gesamte Phänomen aus dem Netz stammt, es wächst und gedeiht dort. Die Verkaufszahlen von gedruckten Büchern gehen in China drastisch zurück, die meisten Romane werden digital gelesen. Mehr und mehr Bücher erscheinen ausschließlich online, als Internetliteratur (网络文学).

Die Geschichte der chinesischen Onlineliteratur begann auf den Bulletin-Boards der Neunziger. Als erster Meilenstein des Genres wird allgemein eine Liebesgeschichte mit dem Titel Der erste intime Kontakt aus dem Jahr 1998 betrachtet: Zwei Fremde begegnen sich in einem Chatroom. Wir haben es hier mit der Demokratisierung der Literaturproduktion zu tun, heute kann praktisch jeder oder jede ein Autor oder eine Autorin werden.

Mit der Zeit brachten Techfirmen Schreibportale für Onlineautoren auf den Markt – zu den beliebtesten Plattformen gehören heute qidian.com und jjwxc.net. Die meisten Content-Lieferanten sind großstädtische Freizeitautorinnen und -autoren. Viele von ihnen lesen nicht einmal selbst viel Literatur, sie lernen das Geschichtenerzählen vom Fernsehen oder nutzen ihre Tagträumereien als Material. Das ist unter anderem auch eine sportliche Herausforderung: Die Werke werden gleichsam in Echtzeit veröffentlicht, während sie noch entstehen. Die chinesische Leserschaft ist so ungeduldig, dass sie tägliche Updates verlangt. Erfolgreiche Autorinnen und Autoren müssen täglich 7.000 bis 10.000 chinesische Zeichen schreiben (das sind etwa doppelt so viele, als würden sie auf Englisch schreiben), und zwar das ganze Jahr über, nonstop. Sie werden als "Schreibmaschinen aus Menschenfleisch" verspottet.