Um gleich zu Beginn mal Einigkeit herzustellen: Es geht auch in diesem Text um nichts. Es gibt, eigentlich, keinen Streit, keine Kontroverse, keine Debatte.

Die bekannteste Klimaaktivistin der Welt hat ein Bild von sich aus einem ICE-Türbereich gepostet, und sie hat damit keinerlei Wertung über den Service verbunden. Die PR-Abteilung der Bahn hat sich dennoch bemüßigt gefühlt, in direkter "Liebe Greta"-Ansprache auf die Sonderbehandlung des Stargasts hinzuweisen (Erste Klasse! Sitzplatz! Freundliche und kompetente Betreuung!), und das kam vielleicht – "Noch schöner wäre es gewesen, wenn du zusätzlich auch berichtet hättest..." – etwas pampig rüber, wozu beim Mitbewerber schon alles gesagt wurde.

Greta Thunberg hat daraufhin klargestellt, um dem aufkommenden Fake-Verdacht zu begegnen, dass sie bei ihrer Deutschland-Durchquerung durchaus über weite Strecken auf dem Gang gesessen habe. Und eben, dass sie mit dem Bild keinerlei Wertung verbunden hat. Sie schrieb: "Überfüllte Züge sind ein großartiges Zeichen, weil es bedeutet, dass es große Nachfrage für Zugreisen gibt."   

Wenn dieser banale Austausch nun allerlei gereizte Aufmerksamkeit auf sich zieht, kann man das als sozialmediale Degenerationserscheinung zurückweisen und sich nicht weiter daran beteiligen. Natürlich eskaliert hier mal wieder eine Banalität zu einem "Thema", weil es heute öffentliche Kommunikationsräume gibt, denen die Eskalation einprogrammiert ist. Natürlich fände das alles nicht statt, gäbe es keine Orte, an denen Menschen mit unterschiedlichsten Haltungen und Deutungsparametern auf begrenzter Zeichenzahl und mit begrenzter Aufmerksamkeitsspanne Witze und Meinungen austauschen. Natürlich ist das alles Menschen aus seligen, prädigitalen Zeiten nicht zu erklären.

Der Sog zum Banalen

Alles richtig, das Problem ist nur: Es dient letztlich nur der Selbsterhöhung und trägt genau nichts zur Klärung der Fragen bei, warum eben verhältnismäßig viel Aufmerksamkeit in diese – ähm – Auseinandersetzung fließt und verhältnismäßig wenig in den verheerenden Ausgang der Klimakonferenz in Madrid. 

Die Weltgemeinschaft hat sich in faszinierender Deutlichkeit dazu entschlossen, die Klimakatastrophen kommen zu lassen, und wir reden über Gretas Sitzplatzreservierung? Diesen Satz kann man angewidert betonen oder eben interessiert, auf der vorsichtigen Suche nach zukünftigen Strategien zum Umgang mit derartigem Nonsens. Dann kommt man schnell dahin, dass die Ersatzhandlung psychologisch nur allzu verständlich ist. Dass sich Menschen lieber mit beherrschbaren (Pseudo-)Problemen beschäftigen als mit den unbeherrschbaren Tatsachen, ist nebenbei auch nicht wirklich neu.  

Noch immer als relativ neu wird dagegen empfunden, dass dieser Sog zum Banalen mit den großen Menschheitsthemen unmittelbar um Aufmerksamkeit konkurriert, auf engstem Raum, in gleicher Länge und im gleichen Interface. Wenn bei Twitter das Hashtag greta das Hashtag der Klimakonferenz cop25 um Längen "schlägt", dann ist das eben deutlich trauriger als die Tatsache, dass auch in Zeiten des Nato-Doppelbeschlusses privat über allerhand Quatsch gestritten wurde. Schon allein, weil das eine eben nur eine Tatsache war und das andere als Zeichen lesbar ist.

Man sehnt sich danach (und sollte alles dafür tun), dass die digitale Gesellschaft sich mal wieder grundlegend verändert – mit neuen Netzwerken, neuen Kommunikationsknoten und neuen Diskursordnungen. Bis es aber soweit ist, sollte man sich bei Aufkommen einer Erregung immer bewusst machen: Es ist nichts, und es lohnt sich nicht, an diesem Nichts teilzunehmen. Das wäre immerhin schon etwas.