Die Versprachlichung von Hass ist kein neues Phänomen. Wie epidemisch sich Hassreden verbreiten, hingegen schon. Was läge daher näher, als einen Prozentsatz jener staatlichen Mittel, die weltweit für den digitalen Wandel bereitstehen, in die Humanisierung des digitalen sprachlichen Miteinanders zu investieren?

Anstatt die Hasssprache aber systematisch und global zurückzudrängen, werden mit unzulänglichen Ressourcen nationale und regionale Scharmützel ausgefochten. Diffuse Plattformregeln samt überforderten Moderatorinnen sperren auf Social-Media-Plattformen Satire-Accounts, während Menschenfeinde weitersenden dürfen. Politikerinnen werden aufs Übelste beleidigt – und Gerichte bewerten das als legitime Meinungsäußerung. Und hat das Netzwerkdurchsetzungsgesetz in Deutschland eigentlich irgendetwas Substanzielles durchgesetzt?

Hassreden waren und sind sprachliche Schatten der menschlichen Kulturgeschichte. Erst vor wenigen Jahrzehnten, als der Zivilisationsprozess bereits weit fortgeschritten schien, geriet die Sprache in den monströsen Würgegriff von Totalitarismen. Der schrecklichsten aller Menschheitskatastrophen ging eine Deformation der Sprache zu hassverzerrtem, rassistischem Wortgut voran.

Die verrohte Diktion der NS-Diktatur zerschlug die Sprache des Deutschen Idealismus. Verbale Umcodierungen und Hasssprache durchsetzten den Alltag. Auf derartiger sprachlicher Kontamination, auf solchen toxischen Resten von ethnisch und religiös herabwürdigendem Vokabular gründet die Hassrede unserer Tage.
Die Sprache des Hasses bewirkt einen Zusammenbruch der Symmetrie bestehender Verhältnisse der Anerkennung. Sprachliche Grenzen werden bedenkenlos übertreten, inhumane Sprachentgleisungen destabilisieren den Diskurs, es triumphiert der rhetorische Effekt.

Und: Hasssprache metastasiert und richtet sich – etwa aus rechtsextremer Sicht – nicht nur gegen jene Menschen, die angeblich das Abendland und die je eigene monokulturell definierte Nation von außen bedrohen, sondern auch gegen jene, die sich als "Verräter am Volk" für die Schutzsuchenden engagieren. Hassreden sind bei Weitem nicht der einzige Grund für die Ereignisse in Chemnitz, in Halle oder den Tod von Walter Lübcke. Doch es wäre ebenso naiv zu behaupten, ein von zahllosen sprachlichen Übertretungen geprägter Alltag hätte keine vorbereitende Wirkung für Handlungen, in denen die Tat das Wort überschreitet.

Dort, wo Sprachhandlungen beginnen, zur Verletzungsgefahr durch Sprache zu werden, brechen Konkurrenzverhältnisse auf zwischen dem Recht auf freie Meinungsäußerung und dem Gebot des Schutzes der Menschenwürde. Ethik und Moral gründen auf der Anerkennung zwischenmenschlicher Grenzen. Das gegenwärtige Problem: Wie verständigt man sich noch über die Grenzen, wenn selbst die US-Administration Social Media als Massenverbreitungswaffe nutzt? Und wer soll dann noch über die Einhaltung der Grenze wachen?

Anstatt das First Amendment einem sanften juristischen Facelifting zu unterziehen, sind die USA und der größte Teil ihrer Staatsbürger stolz auf ihren in die Jahre gekommenen Verfassungszusatz aus 1791, in welchem die freie Rede vor Einschränkungen geschützt wird. Von einigen Ausnahmen, wie etwa der direkten sprachlichen Bedrohung anderer abgesehen, besitzt Free Speech in den USA nahezu unumschränkte Sonderstellung. Eine aus der Perspektive des europäischen Kultur- und Geschichtsverständnisses kaum verdauliche Attitüde.

Unter diesen Voraussetzungen werden sprachliche Sonderdeformationen möglich, sogar offene politische Lügen können jederzeit unter dem Deckmantel der freien Rede zu "Diskussionsbeiträgen" und "Meinungen" emporgehoben werden. Jedwede Extremposition kann als "demokratische Partizipation" bedenkenlos in den Diskurs infiltriert werden – und längst gibt es auch in Europa populistische Kräfte, die vorgeschobene Bedenken, hinter die USA freiheitlich zurückzufallen, nutzen, um Unsagbares sag- und sendbar zu machen.