Dabei ist auch zu beobachten, wie schleichend das Gift des Verbalradikalismus wirkt: Bereits bevor die Sprache rhetorisch umschlägt und in veränderter Wort- und Satzsemantik sichtbar wird, also in offen rassistischer, herabwürdigender oder gewaltlegitimierender Sprache, existiert bereits die Intention eines sprachlichen Missbrauchs. Überall dort, wo Sprache den Modus des Allgemeinen verlässt und in einen "Modus der Anrede" (Judith Butler) wechselt, kann Hasssprache entstehen. Sobald der Sprechende beginnt, sein Gegenüber zu bestimmen und auf bestimmte Identitäten festzulegen, übertritt er eine bedeutsame Grenze. Letztlich fehlt nur noch die explizite Herabwürdigung und das Definieren des Anderen als Gefahr für das je Eigene, damit definitiv Verletzungsgefahr besteht – sei es durch Sprache (zunächst) und physisch (in der Folge).

Der Übergang vom Wort zur Tat bleibt jedoch ein qualitativer Sprung. Dieser ist nicht aus einer einzigen Ursache herleitbar, sondern entspricht Vorgängen von sich gegenseitig verstärkenden Sprechakten, kumulativen Wirkungen von Sprachhandlungen, aus semantischen Auf- und Überladungen und aus daraus ableitbaren Handlungsanweisungen. Der latente Hass wird durch die Sprache aufgeweckt, er wird manifest und immer weiter gesteigert bis zu seiner Entladung, denn eines kann die Hasssprache ja eben nicht: sich selbst mäßigen und disziplinieren. 

Langfristig ist die Investition in politische Bildung die wirksamste und günstigste Präventivmaßnahme gegen Hassrede – allerdings jene Form der geistigen Festigung, die von humanistischen Werten durchdrungen ist und weder der verbalen Ausgrenzung noch der Perfidie rhetorischer Entgrenzung dient. 

Mittelfristig wären behutsame gesetzliche Regelungen und deren Kontrolle wünschenswert. Aber Vorsicht: Das Risiko der Beschädigung von Meinungsfreiheit ist beträchtlich, wenn staatliche Organe darüber entscheiden, ob Hasssprache vorliegt, oder auch, ob (etwa von einer Social-Media-Plattform) systematisch Hass und Lügen verbreitet werden. Entscheiden Rechtsprechende dann basierend auf ihrer subjektiven Lesetradition und Bildung oder etwa auf der Grundlage von Checklisten darüber, was Hassrede ist? Und was davon wäre uns künftig lieber? Überhaupt: Können einzelne Richter darüber entscheiden, wie verletzend verbale Aggression auf eine konkrete Person (mit ihrer individuellen Vorgeschichte) in einer bestimmten Situation gewirkt hat? Oder bedarf es dafür mindestens einer Hass-Jury samt Sachverständigen?

Kurzfristig wäre die Vorbildfunktion von Politikern, Medien und all jenen Menschen von eminenter Bedeutung, die als gesellschaftliche Multiplikatoren wirken. Vorbildwirkung ist im Unterschied zu staatlicher Repression kostenlos. Nicht erst die nächste Legislaturperiode, sondern bereits die nächste Parlamentsrede und der nächste Wahlkampf bieten Gelegenheit zu verbaler Deeskalation im Sinne politischer Sprachkultur. Gleichzeitig weist dieser Vorschlag auch schon auf eine Schwäche der Herangehensweise: Es macht Hassrede ja gerade so attraktiv für bestimmte Charaktere, dass sie – anders als zurückgenommene Sprache – Aufmerksamkeit erzeugt. Die kultivierte Gegenrede ist stets argumentierend, begründend und erklärend, daher ist und bleibt sie rhetorisch-wirkungspsychologisch im Nachteil gegenüber der kurzen, scharfen, schneidenden Hassrede.

Gerade weil Hasssprache aufgrund vielfältigster Ursachen entsteht, greifen eindimensionale Lösungsansätze – wie bei allen komplexen Problemen – zu kurz. Weder die Strafrechtsverschärfung allein noch einzelne Präventivmaßnahmen werden das vielgestaltige Phänomen unter Kontrolle bringen. Nur das Zusammenwirken von lang- mittel- und kurzfristigen Maßnahmen kann, wie ein komplementärer Therapieansatz, die Hassrede in ihrer Gesamtheit erfassen, fixieren und allmählich auf ein sozial erträgliches Maß eindämmen. Das klingt sperrig und wird anstrengend – denn die Hassrede wird sich mit Verweis auf die (falsch verstandene) Freiheit gegen jede Maßnahme zu immunisieren versuchen. Doch ohne alle erdenklichen Schritte und Manöver entfaltet sie schon bald ihr ganzes zerstörerisches Potenzial.