Wenn etwas überhaupt Hermann Ludwig Gremlizas publizistische Haltung beschreiben kann, dann vielleicht, wirklich nur vielleicht, dies: in herzlicher Abneigung verbunden. Und man kann nicht sagen, dass Hermann Gremliza in dem halben Jahrhundert, in dem er die Zeitschrift konkret als Herausgeber und Autor prägte, sich wenige Gegner aufs Herzlichste erkoren hatte. Allen voran das Land, in dem er lebte, in dem er geboren (1940 in Köln), aufgewachsen (Stuttgart) und, wie nun bekannt wurde, vor wenigen Tagen gestorben ist (am 20. Dezember in Hamburg).

Gremliza machte seine konkret zu einem Heft gegen die deutschen Verhältnisse. Ein Heft, das Israel die Solidarität aussprach, ein Heft, das den Kampf gegen den Antisemitismus aufnahm und führte wie kein anderes in Deutschland. Er begriff sich selbst als Kommunist. Er war auch mal Sozialdemokrat, aber nachdem die SPD zur Deutschen Einheit das Deutschlandlied gesungen hatte, trat er aus der Partei aus. Vom Spiegel war er da schon längst geflohen, wo er Mitte der Sechzigerjahre als jüngster leitender Redakteur in der Geschichte des Magazins begonnen hatte. Nach einem Streit mit Rudolf Augstein um redaktionelle Mitbestimmung verließ er das Blatt. Er übernahm 1974 die konkret von Klaus Rainer Röhl, dem Ehemann von Ulrike Meinhof.

Gremlizas Unerbittlichkeit, seine Uneinsichtigkeit und seine Sprachkritik, die er tatsächlich noch als, im Sinne der kritischen Theorie, Ideologiekritik verstand, richteten sich gegen die BRD. In deren Strukturen erkannte er noch viele Verfallsformen des nationalsozialistischen, geschichtsrevisionistischen Denkens. Wer die Verhältnisse ändern will, sollte sich zunächst ihre Sprache genauer ansehen. Und wer in der Rubrik Gremlizas Express landete (traditionell auf der letzten Seite jedes Heftes und allein ein Grund, es zu lesen), konnte sich vielleicht sogar geschmeichelt fühlen, dass Gremliza ihn als erwähnenswert erachtete. Andererseits bekam jeder dort den scharfen Spott zu spüren, den in der deutschen Zeitungslandschaft niemand so gut beherrschte wie der Herausgeber der konkret: die unerbittliche Freude, mit der Gremliza die Stilblüten der anderen besah, sie zitierte und kommentierte mit seiner Abneigung gegen alles Verblasene, Kriegs- und Heimatbesoffene, das Frömmelnde oder einfach nur: gegen das, was er für dumm hielt.

Hier schrieb einer, der es nicht ausstehen konnte, wenn jemand mit "seinem Gymnasium protzte", wenn jemand in einer Rede oder einem Artikel wieder die armen alten Griechen aufmarschieren ließ, mit Latein herumklügelte, wenn schon wieder die Goten am Vesuv standen oder im meteorologischen Metaphernüberschwang "die Winde des Wandels" irgendwelche "Kommandobrücken umtosten" – Hermann Gremliza, ein Leitartikelschreiber von größten Gnaden, las die Leitartikel all jener, die ihm nicht gewachsen waren. 

Und Gremliza selbst zu lesen, bedeutete, aufs Neue Lesen zu lernen. So schreiben wie er, das konnte man eh nicht, auch wenn einige es erfolglos versuchten. Er schrieb einerseits, das wurde einmal über ihn gesagt, in einer "Sprache, die auf Stelzen läuft", und dies im allerbesten Sinn. Es war ein Stil voller Eleganz, voll glühendem Witz, der mehr war als Humor, und einem nahezu unerschöpflichen Reservoir tiefer Gelehrtheit. Gremliza verband Denken und Schreiben auf eine Weise, die selbst von vielen jener geachtet und beneidet wurde, die ihm politisch niemals zugestimmt hätten, die fanden, dass er sich irrte (was er auch bisweilen tat), die ihn für zu radikal hielten oder denen er sonst wie in herzlicher Abneigung verbunden war. Es war ja schwer, seine Texte nicht zu bewundern, egal wo man politisch stehen mochte.

Und er, der sich nie als Feuilletonist bezeichnet hätte, konnte selbst die besten, bösesten Feuilletons schreiben, hinreißende sardonische Porträts des Volksschriftstellers Heinz G. Konsalik, glänzende Verteidigungen von Marcel Reich-Ranicki, lakonische Schriftwechsel mit Daniel Cohn-Bendit, an deren Ende man nur Gremliza als Gewinner sehen konnte. In seinen Glossen und Invektiven (die man auch in seinen Büchern nachlesen kann) entfaltet sich eine ganze kommentierte Ausgabe der BRD seit den Siebzigerjahren.

Er selbst sah sich, in seiner journalistischen Unerschütterlichkeit, in der Tradition von Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky und natürlich Karl Kraus, als dessen solitärer, sprachkritischer Nachfolger Gremliza sich sah. Nicht umsonst trug ein von ihm ausgelobter Preis den Namen von Kraus: 10.000 D-Mark für einen Schreiber, der sich mit der Annahme des Preisgeldes dazu verpflichtete, nie wieder eine Zeile aufs Papier zu bringen. Die Idee wäre übrigens heute noch immer charmant, leider vermutlich, wie damals schon, ohne Aussicht auf Erfolg.

Nun ist der große Stilist, der wohl schärfste und präziseste linke Sprach- und Deutschlandkritiker der vergangenen Jahrzehnte verstorben. Er wurde 79 Jahre alt.