Identität. Die Antwort auf die unabdingbare Frage, wer man selbst und wer die anderen sind. Es geht um nichts weniger als um die Echtheit der eigenen Person. Die Summierung jeder einzelnen Eigentümlichkeit zur Kennzeichnung der Entität. Es geht um Abgrenzung. Von anderen Individuen. Abgrenzung bedeutet Zugehörigkeit. Bedeutet Anerkennung. Bedeutet das eigene Sein. Verstehen.

Grenzen ziehen, festhalten, was niemandem gehört, zusammenhalten, was kunstvoll als Zusammenhalt bestimmt wird. Heimat ist Zufall. Ein zufälliges Ereignis an einem zufälligen Ort zu einer zufälligen Zeit. Ein merkwürdiger Zufall, der wie ein Verdienst gefeiert wird. Kann jemand verdient deutsch sein? Verdient Europäer? Verdient Mensch? Verdient sicher? Kaum. Identität ist genauso künstlich wie die Abgrenzung, die Zugehörigkeit, die aus ihr resultiert. Einzig aus dem menschlichen Grundbedürfnis heraus, jemand zu sein, der oder die zu sein. Dazuzugehören. Nicht, nie allein zu sein. Dort oder hier zu sein. Nicht der oder die zu sein.

1976 in Mannheim geboren. Studium der Betriebswirtschaftslehre in Ludwigshafen a. R. Arbeitet als freie Autorin für verschiedene deutschsprachige Print- und Onlinemedien. Aktuell beschäftigt sie sich mit dem international ausgelegten Projekt "Europa wie ich es schreibe". Darin porträtiert sie Autor*Innen aus politisch instabilen Ländern. Zuletzt erschien ihr Buch "JAN" (KUUUK Verlag), wofür sie mit dem Berliner Literaturstipendium der Senatsverwaltung für Kultur und Europa ausgezeichnet wurde. Der Roman wird derzeit als Theaterstück adaptiert. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8".

Ich gehöre nicht dazu, weder hier noch dort. Es ist reiner Zufall, dass ich hier, nicht dort bin. Doch hier ist es besser. Keine Frage, der Zufall hat es gut mit mir gemeint, ohne auch nur eine Sekunde etwas zu meinen. Kismet? Wo wir unser Leben beginnen. Wer unsere engsten Verwandten sind, ob wir welche haben, an wessen Brust wir uns schmiegen oder nicht schmiegen dürfen. Weder verdient noch unberechtigt. Lediglich eigenartig zufällig. Einzig der Merkwürdigkeit des Lebens zuzuordnen. Und doch bin ich hier. Und sie ist dort. Wenngleich wir uns am selben Ort befinden.

Lange, dunkle Haare. Wacher Blick. Die Finger tasten nach der Zigarettenschachtel auf dem Tisch. Im Café. Am Maybachufer, im Herzen Kreuzbergs. Das Feuerzeug flammt auf. Sie inhaliert. Tief. Schließt die Augen dabei. Für einen kurzen Moment. Sie sitzt mir gegenüber. Schwäne passieren wie selbstverständlich den Kanal. Spätherbst beschreibt die Jahreszeit. Buntes Stimmengewirr um uns herum. Arabisch. Englisch. Spanisch. Hier und da auch deutsch. Der Kellner fragt, wir bestellen. Kaffee. Ich mit Hafermilch. Sie trinkt ihn schwarz. Sie ist keine Vegetarierin, ihre Tochter wurde jüngst zur Vegetarierin. Zu einer von denen, die sich erlauben dürfen, an Tierschutz zu denken. Wie ich. Ihre Augen sind so schwarz wie meine. Ich verstehe ihre Sprache, gerade so. Genug, um zu vertrauen? Frage ich. Genug, ihr Lächeln zu verstehen. Weiß ich. Sie vermisst ihr zu Hause, sie sagt, Berlin ist so weit weg. Von Diyarbakır. Ihrer Heimat. Sie sagt Heimat und meint die Hauptstadt eines Landes, das es offiziell nicht gibt. Kurdistan.

Ich war einige Wochen zuvor auf die Schriftstellerin Yıldız Çakar aufmerksam geworden. Recherche. Für mein Buchprojekt. Europa wie ich es schreibe. Es beschäftigt sich mit Menschen wie Yıldız oder Roja, wie ihr kurdischer Geburtsname lautet, der ihr von der türkischen Regierung aberkannt wurde. Ich treffe Schriftsteller*Innen, deren Redefreiheit bedroht wird. Die unmittelbar unter dem Aufstieg von Rechtspopulismus und den weltweiten medienfeindlichen Tendenzen leiden. Ich besuche Autor*Innen aus politisch instabilen Gebieten. Bin auf der Suche nach homosexuellen Schriftstellern aus Russland, um über ihr Schreiben und Leben sprechen. Ich möchte Lyriker aus dem Separatistengebiet der Ukraine zu Wort kommen lassen, feministische und kurdische Autorinnen aus dem Grenzgebiet zu Syrien zur aktuellen Lage befragen. Sie treffen. Verstehen. Was ist Identität? Was geschieht mit einem Menschen, wenn das subjektive Innen und das gesellschaftliche Außen so weit auseinanderklaffen, dass eine individuelle soziale Verortung nicht mehr möglich ist? Oder ist sie möglich? Gibt es Heimat?

Ich will Menschen porträtieren. Menschen wie Yıldız. Deswegen schrieb ich ihr. Sie ist skeptisch, stellt viele Fragen. Ist auf der Hut. Auch im Exil. Immer wird sie auf der Hut sein. Sie willigt letztendlich ein, mich zu treffen. Vielleicht wegen der Schwärze meiner Augen? Ich weiß es nicht.

Ich befrage Yıldız darüber, was, seit wann und warum sie schreibt. Ich möchte einen Einblick in ihre Kultur, die auch meine hätte sein können. Wenn der Zufall es nicht anders bestimmt hätte, ohne je zu bestimmen. Der Zufall kennt die Berechnung nicht. Wenn meine Eltern nicht nach Deutschland ausgewandert wären. Jeder für sich. Zu jener Zeit, als die Deutschen luden. Mit Gastgeschenk und fetter Mitgift. Wenn sie sich in der Stadt der Quadrate nicht über den Weg gelaufen wären. Wenn. Sie nicht hätten. Dann.

Yıldız spricht. Zunächst mit Vorsicht. Tastende Worte. Ist mir zu trauen? Verhaltener Rauch. Rote Glut. Wieder und erneut. Die zweite Tasse Kaffee auf dem Tisch. Sie erzählt mir vom politischen Klima in der Türkei. Über die Stimmung im Grenzgebiet zu Syrien. Aus ihrer Sicht. Sie berichtet von einem Leben im Ausnahmezustand. Ihrem Leben im Ausnahmezustand. Im nicht enden wollenden. Zustand. Auch in Berlin. Überall auf der Welt, egal wohin sie flieht, ihr Leben wird sie stets begleiten. Vor der Ausnahme lässt sich nicht mehr fliehen. Sie erzählt von Folter. Erklärt mir, weshalb sie für ihre künstlerische und persönliche Meinung bedroht wurde und immer bedroht werden wird. Denn sie würde sich nicht beugen, würde ihre Meinung kundtun bis zu ihrem letzten Tag. Sagt sie. Auch von Berlin aus. Versichert sie. Über alle Grenzen hinweg würde sie Widerstand leisten. Für die Sache. Für das, woran sie glaubt. Die Menschlichkeit.