Was wir vom Geld wissen, aber nicht glauben wollen – Seite 1

Es gibt eine Erkenntnis über das Geld, die ist so schrecklich trivial, dass man sie gar nicht aussprechen mag. Und doch ist ihr genauso wenig zu widersprechen. Dass das Geld aktuell regiert, lässt sich nicht leugnen, und keinem Zweifel kann auch unterliegen, was es ist, das vom Geld regiert wird. Zugleich ist zur Trivialität geworden, wie es um eben die vom Geld regierte Welt mittlerweile steht. Schon Schulkinder können das heute herbeten, und manche sehen gar Anlass, es öffentlich zu tun, weil auch nach Jahrzehnten des Umweltbewusstseins und der Umweltministerien die Vergiftungen und die Zerstörungen der Welt nicht etwa nachgelassen haben, sondern nur immer weiter ausgreifen. Der vom Geld regierten Welt geht es schlecht und schlechter.

Nimmt man aber beides so trivial Offensichtliche zusammen, das Regieren des Gelds und den bedrohlichen Zustand unserer Welt, kann man nur staunen, dass die einfachste Schlussfolgerung daraus so gar nicht in aller Munde ist: Wenn die Welt vom Geld regiert wird und unter seinem Regiment in einen solchen Zustand geraten ist, dann ist dem Regiment des Gelds eben dieser Zustand auch anzulasten. Dann geht dieser Zustand alles in allem auf das Geld zurück. Diese Feststellung ist undifferenziert, ja, aber man könnte die Differenzierungen so weit treiben, wie man nur wollte, und würde nichts anderes feststellen.

Dieser Artikel stammt aus der Dezember-Ausgabe des "Merkur". © Klett-Cotta

Dabei ist nun eines höchst seltsam. An diesem so unschwer zu erreichenden Punkt, wo es um die Folgen der Geldregierung geht, will mit einem Mal niemand mehr etwas davon wissen, dass das Geld überhaupt regiert. Denn nichts anderes bedeutet es, wenn da vor Parlamenten demonstriert wird, um sie zu hinreichenden Maßnahmen etwa gegen den Klimawandel zu bewegen. Sollte das Sinn ergeben, müsste die Annahme gelten, die Parlamente stünden noch über dem Geld, von dem die Menschen zu ihrem klimaschädlichen Handeln gezwungen werden: Eine Staatsregierung könnte über das Geld und darüber, was es den Menschen abverlangt, frei gebieten.

Dabei dürften an dieser Stelle alle sehr leicht klarer sehen. Die Vereinigten Staaten etwa, der unangefochten mächtigste Staat der heutigen Welt, verweigern sich noch dem dürftigsten Klimaabkommen mit einer Begründung, die an Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt: dass sich dergleichen nicht mit den Interessen ihrer "Wirtschaft" verträgt. Und bei einer Wirtschaft, die auf Geld basiert, sind diese Interessen, ob man nun will oder nicht, Geldinteressen.

Dabei gibt es keinen Anlass, auf Politiker zu schimpfen oder von ihnen enttäuscht zu sein, weil sie ihren Auftrag missachten oder verfehlen würden. Nein, sie erfüllen ihren Auftrag getreulich, und wieder weiß jeder, worin dieser Auftrag besteht: für das Staatswohl zu sorgen. Nur dass dieses Staatswohl bekanntlich von eben dem Bereich abhängt, um dessen Wohl und Wehe jeweils nicht nur ein speziell dafür eingerichtetes Ministerium, sondern stets der gesamte Staatsapparat besorgt sein muss: der Wirtschaft – einer über Geld laufenden Wirtschaft.

Eine solche Wirtschaft kennt kein Gleichgewicht und keinen Einstand, sondern ist notwendig auf das berühmt-berüchtigte "Wachstum" ausgerichtet, das nicht nachlassen oder gar abreißen darf und das sich, wie schon wieder jeder weiß, nicht eben mit zarter Rücksichtnahme auf das Gedeihen der Welt verträgt. Doch siehe, auch hier erweist sich, wie umstandslos die einfache Erkenntnis, dass das Geld regiert, dem gegenteiligen Glauben weicht. Denn es gibt eine Erklärung für den Wachstumszwang, die so recht jedem einleuchtet: Gier. Die Gier der Menschen nach immer mehr wäre es, so geht der Glaube, durch die die Wirtschaft sich gezwungen sähe, immer mehr zu produzieren und zu verkaufen und darüber nolens volens auch Gewinne zu machen. Nicht vom Geld also ginge der Zwang zu seiner Vermehrung aus, sondern von einem Wahn der Menschen. Würden die nur umdenken, würden sie das richtige Bewusstsein entwickeln, würden sie bescheidener werden, bräuchte es auch kein Wirtschafts‑ und Geldwachstum mehr.

Man erlebt zwar, dass schon ein Wirtschaftswachstum, das zu gering ausfällt, objektiv Krise bedeutet, und dass diese Krise Menschen wirklich statt wahnhaft in tiefere Nöte stürzt. Man weiß zwar, dass Geld wirklich seinen Wert verlieren und auch die gewaltigste Summe sich in nichts auflösen kann, wenn da nicht ständig mehr Geld nach‑ und herauskommt. Hochoffiziell wurde man unterrichtet, dass es Institutionen gibt, die "systemrelevant" sind und nicht aufgegeben werden dürfen, dass also ein ganzes System den Rückgang der Geschäfte nicht vertrüge und die Staaten zwingt, für seinen Erhalt alles zu tun: mit Unmengen zusätzlichen Geldes und mit Maßnahmen, die unter anderem die massenhafte Verschrottung von Autos belohnen, wenn dafür neue gekauft werden. Doch angesichts all dessen anzuerkennen, dass hier eine im Geld selbst gegründete Logik regiert, fällt offenbar zu schwer.

Anscheinend gibt es in Bezug auf Geld eine Reihe von Grundüberzeugungen, die offen einer klareren Erkenntnis widersprechen und denen daher niemand unterliegen muss, die sich aber unwillkürlich aufdrängen. Sie können aufsteigen bis zur bewusst vertretenen Lehrmeinung, in der Regel formulieren sie sich jedoch gar nicht explizit, sondern lassen sich nur erschließen: als unwillkürlich gemachte Voraussetzung. Insbesondere drei von ihnen bilden eine Art Abc der täuschenden Annahmen über das Geld.

Das Abc der Geldirrtümer

Die erste gilt der Frage, wie Geld überhaupt entstanden sei, und ist logische Prämisse für jenen Glauben, die Menschen könnten frei über das Geld und seine Eigenschaften bestimmen: weil sie es nämlich erfunden hätten. Wie jede Erfindung habe also auch das Geld seinen guten Grund und seinen guten Sinn, und wenn es in irgendeiner Hinsicht nicht funktioniert wie gewünscht, müsse sich Geld wie jede Erfindung folglich nach Wunsch verbessern und adjustieren lassen. Erfunden aber hätten es die Menschen, so der gängigste Glaube, zur sinnigen Erleichterung eines allgemeinen Tauschhandels.

Die zweite Annahme rechtfertigt das Geld ebenso als ein hohes Gut: Das einzige Übel, das die Welt bedrohe, sei fehlendes Geld. Nur mit Geld nämlich lasse sich, so wie alles, auch die Wohlfahrt der Welt erreichen. Die Welt mit allem zu versorgen, was ihr und den Menschen not und gut tut, dazu sei das Geld geschaffen, und dazu sei das Geld vonnöten.

Und schließlich erklärt die dritte dieser Annahmen das Geld geradewegs für unverzichtbar: Jedes Ding habe seinen Wert, und diesen Wert darzustellen sei notwendige Leistung und Aufgabe des Geldes. Weil alles seinen Wert habe, brauche es das Geld, um alles nach seinem Wert und damit richtig zu behandeln.

In handliche Glaubenssätze gefasst lautet das Abc dieser Geld-Irrtümer also:

A: Geld beginnt, wenn zwei tauschen.
B: Geld versorgt die Welt.
C: Geld ist der Wert der Dinge

Ihnen argumentativ entgegenzutreten bedeutet noch nicht, dass damit geklärt wäre, wie es historisch wirklich zu Geld gekommen ist, was Geld wirklich mit der Versorgung der Welt zu tun hat und was Geld zuletzt wirklich ist. Doch nichts davon wird sich klären lassen, solange solcher Glaube währt.

Anfang und Sinn des Geldes, so sehen wir es vor uns, könnten nur in einem höchst vernünftigen Gedanken liegen, den glückliche Menschen irgendwann ein erstes Mal gefasst und umgesetzt hätten. Denn irgendwann, so geht die rasche Schlussfolgerung, müsse einfach jemand auf die Idee gekommen sein, nicht mehr direkt eine Sache gegen die andere zu tauschen, Mammutfleisch gegen Faustkeil, sondern für derlei Tausch Geld einzuführen. Geld habe dieses Tauschen sehr viel leichter gemacht, indem zunächst irgendetwas in Geld und dieses Geld erst, wenn es passte, in etwas anderes zu tauschen war.

Wem die Vorgeschichte unserer Wirtschaft in dieser Weise vor Augen steht, weiß sich unwillkürlich im Recht, und mehr noch, wird darin so recht von allen Seiten bestätigt. Ökonomen vom Fach leiten ihren Gegenstand sogar besonders gerne auf ein so rekonstruiertes Szenario zurück. Paul Samuelson etwa wurde 1970 mit dem Nobelpreis für Wirtschaft geadelt, nachdem er sich mit Sätzen wie diesem dafür qualifiziert hatte: "Darum sind wir jenen beiden Affenmenschen zu großem Dank verpflichtet, die eines Tages die Entdeckung machten, dass sie sich gegenseitig nützen, wenn jeder jeweils auf etwas verzichtete, um dafür etwas anderes einzutauschen."

Zu Anfang hätten also ganze zwei Leutchen mit ihrer Entdeckung dafür gesorgt, dass alsbald jeder mit jedem tauschte, was jeweils sein eigen war und worauf er verzichten konnte, um zu bekommen, womit es dem anderen ebenso erging. Und nachdem sich dies zwar durchgesetzt, bald aber als unsinnig kompliziert erwiesen hätte, wäre man außerdem auf die entscheidende Erfindung gekommen – ob bei den Hominiden oder erst bei den Hochkulturgriechen, tut nichts zur Sache −, nämlich die Erfindung eines speziellen Tauschmittels, womit sich von nun an leichter tauschen ließ: Geld.

Genial. Nur dass es so nicht gewesen sein kann. Vereinzelt wurde das schon vor längerer Zeit festgestellt, seit David Graebers Schulden-Buch jedoch dürfte die Widerlegung auch einem größeren Kreis bekannt sein. Historisch und ethnologisch steht fest: Es hat niemals und nirgends ein Gemeinwesen gegeben, dessen Mitglieder in dieser Weise miteinander Tauschhandel getrieben und von diesem gelebt hätten, bevor sie mit Geld umgingen. Genau umgekehrt: Gemeinwesen mit einem solchen Tauschhandel haben es immer bereits mit Geld zu tun. Erst mit Geld nämlich kommt es überhaupt zu jener Form des Tauschens, die wir unwillkürlich und irrtümlich bereits den Affenmenschen unterstellen und die wir bei "uns" Menschen letztlich schon immer voraussetzen.

Eine menschliche Konstante

Auch in früheren Gemeinwesen kam es zwar zur Übergabe von Dingen, doch mit einem völlig anderen Sinn. Und selbst was sich dort an Kauf und Verkauf ergeben konnte, ergab sich immer nur am Rand, blieb eingeschränkt auf wenige Situationen und bedeutete in keinem Fall, dass die Mitglieder eines solchen Gemeinwesens davon lebten, sich das Benötigte gegenseitig zu verkaufen – so wie wir es vom Geld kennen. Bis ins europäische Mittelalter blieben Kauf und Verkauf überall auf der Welt periphere Ereignisse, und das aus dem offensichtlichen Grund, dass die Verteilung von Gütern und Lebensmitteln konstant auf eine andere Weise eingerichtet war. Gerade vom Mittelalter dürfte sie allgemein bekannt sein: Entlang den Verpflichtungen, die dort zwischen Feudalherren und ihren Leuten oder allgemein zwischen den unterschiedlich gestellten Menschen bestanden, wurden die benötigten Güter einerseits von unten nach oben eingesammelt und andererseits auch von oben nach unten weitergegeben – ohne dass dabei Gut gegen Gut getauscht wurde.

Wichtiger jedoch, als einen urtümlich-ursprünglichen Tauschhandel zwischen Affenmensch und Affenmensch zu widerlegen, ist für jetzt die Erklärung, weshalb wir bis hinauf zum Nobelpreiskomitee so unverbrüchlich an ihn glauben. Es muss ein starker Zwang sein, der hier wirkt, und der geht vom Geld selber aus. Denn so selbstverständlich erscheint uns die Welt inzwischen in genau der Form, die ihr das Regiment des Geldes aufzwingt, dass es uns nicht gelingen will, vom Geld überhaupt noch abzusehen. Wenn wir also versuchen, uns die Welt ohne Geld vorzustellen, setzen wir Geld unwillkürlich schon voraus und sehen es zwingend in diese vorgestellte Welt hinein. Wir glauben Geld aus den frühen Verhältnissen wegzudenken und unterstellen doch Verhältnisse, wie sie erst das Geld ergeben hat und wie sie nur mit Geld bestehen können.

Wenn nämlich der Tausch zuletzt zu der Erfindung von Geld geführt haben soll, setzen wir damit, ohne uns dessen bewusst zu sein, bei weitem mehr voraus als den harmlosen Tausch zwischen Zweien.

Wir sehen jeweils zwei Leute vor uns, die miteinander tauschen, setzen aber voraus, dass nicht nur diese beiden, sondern grundsätzlich alle innerhalb dieses Gemeinwesens tauschen. Denn nur bei einem Tauschhandel unter mehr oder weniger allen könnte es Sinn ergeben, Geld einzuführen; zwei einzelne Tauschende könnten kein Geld gebrauchen. Und schon haben wir also vorausgesetzt, dass innerhalb einer solchen "Gesellschaft" ganz allgemein Käufe und Verkäufe vollzogen werden.

Des Weiteren setzen wir voraus, dass dort jeder tauscht, weil er braucht, was er über Tausch bekommt. Alle wären auf den Tausch angewiesen, und nur darum hätten sie jeweils die mühsame Suche nach einem passenden Tauschpartner auf sich genommen. Wir setzen also voraus, die Versorgung wäre in einer solchen Gesellschaft ganz allgemein von Käufen und Verkäufen abhängig gewesen: über einen gesellschaftsweiten Markt.

Und wenn dieser allgemeine Gütertausch später mit Geld getätigt worden sein soll, setzen wir drittens voraus, man hätte schon die Güter jeweils als gleiche Werte getauscht: Gut gegen Gut als Wert gegen gleiche Menge Wert. Bei dem gedachten Tauschhandel von Gut gegen Gut wäre es bereits um die Menge eines Werts in allen Gütern gegangen. Ein solcher Wert aber ist schon so gut wie Geld: Jede Ware, die man nach einem so vorausgesetzten Wert gegen eine andere tauschen wollte, würde bereits als Geld fungieren. In einer Gesellschaft, wie wir sie zu seiner Herleitung voraussetzen, wäre das Geld also bereits da und müsste gar nicht mehr erfunden werden: Es bräuchte nur ehrlicherweise noch diesen Namen.

Nichts von dem, was wir hier voraussetzen, legen wir bewusst in unsere Vorstellung einer Gesellschaft, die von geldlosem Gütertausch gelebt hätte − und die es nie gegeben hat. Darin zeigt sich unser Denken vielmehr bestimmt von dem, was wir heute um uns vorfinden: eine so tief vom Geld bestimmte Welt, dass wir das vom Geld Bestimmte für ursprüngliche Natur halten. Auch gewaltigste Auswirkungen des Geldes – etwa die Form unserer heutigen Gesellschaft, in der die Menschen allen Ernstes davon leben, sich gegenseitig zu verkaufen, was sie zum Leben brauchen – wollen wir deshalb keinesfalls als Auswirkung des Geldes erkennen. Stattdessen glauben wir im Geld eine menschliche Konstante zu sehen.

Brot für die Welt: Das ist der schöne sprechende Name einer modernen Organisation. Schön ist er dank seines Programms, dass jeder auf der Welt genug zu essen haben sollte – was offensichtlich nicht der Fall ist. Vielmehr hungern heute weltweit so viele Menschen, dass diese Organisation Anlass sieht, darauf hinzuweisen: "Grundnahrungsmittel müssen dauerhaft in ausreichender Menge vorhanden sein, damit alle Menschen aktiv und gesund leben können." So informiert ein Flyer der Organisation, die ihrerseits aktiv wird, indem sie Spenden sammelt. Für deren Empfang aber muss "Brot für die Welt" nichts weiter angeben als eine Kontonummer.

Kein Geld, kein Brot

Versteht sich: eine Kontonummer, die braucht es für die Spenden. Wer demnach Brot für diese Welt spendet, der spendet gar kein Brot. Er spendet weder Grund‑ noch andere Nahrungsmittel, er lässt lediglich eine Zahl von seinem Konto abziehen und sie einem anderen addieren. Doch wenn alles gut geht, werden sich Menschen von dieser Zahl nähren. Das ist seltsam, doch wie das zugeht und dass es so zugehen muss, versteht sich heute ganz von selbst.

Selbstverständlich spendet da niemand Brot, man spendet Geld für die Welt. Und mit diesem Geld wird irgendwo und irgendwann erst jenes Brot gekauft, das hoffentlich den Hunger stillt: ein kleiner, wenn auch folgenreicher Umweg. Selten wohl wird das Geld dabei namentlich für Brot ausgegeben, sinnvoller kauft man etwas, das nachhaltiger zu Nahrung verhilft, zum Beispiel: "100 € ermöglichen die Anschaffung eines Wasserbüffels für die Feldarbeit auf den Philippinen", so der Flyer. Doch dabei klärt sich noch eine andere Selbstverständlichkeit: Es mangelt gar nicht an Brot und Nahrung für diese Welt − sie sind ja da, sie lassen sich anschaffen! Getreide, Tatkraft, Wasserbüffel, alles, was die Menschen für ihr täglich Brot benötigen, gibt es auf der Welt, es muss bloß noch gekauft und bezahlt werden, dann kann es Hunger stillen.

Folglich müsste niemand hungern − weshalb muss dann jemand hungern? Weil erst Geld die Welt mit Brot versorgt? Weil erst Geld dafür da sein muss, um alles das zu kaufen? Weil zuerst Geld das eine große Lebensmittel ist, mit dem sich alle anderen besorgen lassen? Ja, eben deshalb: In dieser Welt wird gehungert, nicht weil Brot, sondern weil das Geld fehlt.

Es hängt am Geld, das versteht sich. Und es bedeutet: Die 100 € braucht es, um den Büffel anzuschaffen, nicht jedoch, um ihn zu schaffen. Im Moment fehlen lediglich diese 100 €, die deshalb jemand spenden soll, aber es fehlt nicht der Wasserbüffel. Er steht ja zum Verkauf, es gibt ihn, jetzt, er lebt: Er steht sozusagen schon mit zweien seiner vier Beine auf dem philippinischen Feld. Nur loslegen kann er erst, wenn die 100 € kommen, dann und nur dann gibt es ihn auch wirklich − "für die Feldarbeit auf den Philippinen". Ohne die 100 € gilt, dass es den Büffel, den es gibt, nicht gibt. Wenn das Geld nicht aufgebracht wird, wird es ihn für die nicht geben, denen er Nahrung und Überleben bedeutet. Kein Geld, kein Brot – auf dieser Welt.

Daraus ziehen wir eine simple Schlussfolgerung: Es bräuchte nur genug Geld, und niemand müsste hungern. Geld schafft die Lebensmittel, denn es schafft sie an, und je mehr Geld, desto mehr vermag es anzuschaffen. Das ist wohl wahr − und ist doch entsetzlich falsch.

Seit langem schon tut Geld, was wir da als Rettung imaginieren, und wird erfolgreich mehr und mehr. Käme es wirklich auf die Menge Geld an, die wäre längst groß genug, um allen Hunger dieser Welt zu stillen. Er wurde aber nicht gestillt. Denn nicht zu wenig, seltsamerweise gibt es gar zu viel des Geldes. Zu viel davon ist unterwegs, denn das bemisst sich nicht am Hunger, bemisst sich nicht an der Menge von Lebensmitteln, die davon anzuschaffen wären, sondern bemisst sich ganz allein am Geld selbst. Bei der immensen Menge, in der das Geld heute weltweit unterwegs ist, findet es zwar noch immer lohnende Anlagen, in die es "gehen" kann, aber nicht genug, um – was es muss − ausreichend mehr zu werden: Dafür gibt es zu viel Geld. Dieses Zuviel sorgt nicht für einen Überfluss, der dem Hunger ein Ende setzen würde.

Dass es so sein muss, zeigen schon die 100 € für den Büffel. Denn Geld, dasselbe Geld, von dem die Menschen leben müssen, scheidet sie zuvor von dem, was sie zum Leben brauchen. Bevor Geld die Lebensmittel verschafft, schließt es jeden, der nicht zahlen kann, von ihnen aus. Die Lebensmittel gibt es nur für die, die sie kaufen, und also nicht für die, die sie nicht kaufen können. So existiert der Büffel und existiert er zugleich nicht. Geld ist nur Geld, indem es als Schranke fungiert. Den Zwang, etwas zu kaufen, setzt das Geld so weit wie nur möglich vor alles, was man brauchen oder wünschen kann, und wäre es die Nahrung, ohne die ein Mensch verhungert. Gebieterisch und unerbittlich erhebt sich das Geld vor allem, was man gegen Geld bekommt, und schließt erst einmal alle davon aus: damit sie es nur gegen Geld bekommen.

Geld schließt aus von dem, was Geld verschafft, damit es Geld ist, was alles das verschaffen kann. Zum Füllhorn wird das Geld allein durch diesen Ausschluss, durch einen Mangel, den allein das Geld erzwingt. Die kleine, tödliche Einschränkung – es gibt den Büffel, aber nur dann, wenn – spricht das Wesen des Geldes aus.

Chemie ist die Wissenschaft von den Eigenschaften, der Zusammensetzung und der Umwandlung von Substanzen und ihren Verbindungen. Eine Chemie des Geldes muss es geben, wenn zutrifft, was die meisten werden glauben wollen: dass es der Wert der Dinge sei, den man mit Geldeswert bezahlt. Dann nämlich müsste sich Wert als eine Art Substanz nachweisen lassen, im Geld sowohl als in den Dingen.

Wer verleiht dem Geld diese Macht?

So sehen wir es vor uns: Mit Geldeswert bezahlen wir den Wert der Dinge. Ein Laib Brot mag seine 4,50 kosten und ist sie insofern wert, und wenn wir ihn kaufen, dann mit Geld im Wert von eben diesen 4,50. Beide also haben ihren Wert, Dinge und Geld, und der Wert des Geldes steht für den der Dinge ein. Wieder versteht es sich von selbst: Weil die Dinge etwas wert sind, kosten sie uns Geld. Der Büffel kostet seine 100 € deshalb, weil er so wertvoll ist, denn das ist er zweifellos: wertvoll für die Arbeit auf dem Feld, des Leders wegen, das er spendet, oder vielleicht auch schon als solcher, als dieses große, herrliche Lebewesen. 100 € sind da womöglich lachhaft wenig, sie aber sind sein Wert, wenn für ihn so viel an Geldwert zu zahlen ist. Diesen Wert stellt der Büffel dar, also muss "sein" Wert für ihn gezahlt werden. Und so gilt es bei allem und jedem, so liegt es offenbar in der Natur der Dinge.

Am Anfang stünde also der Wert der Dinge, und er wäre der Grund dafür, dass wir mit Geldeswert für sie bezahlen. Ihr Wert würde es bedingen, dass sie um den Gegenwert in Geld zu kaufen sind. Auch wenn uns öfter fraglich erscheint, ob bestimmte Dinge "wirklich" so viel wert sind, wie sie kosten, stellen wir damit nicht in Frage, dass sie etwas wert sind und deshalb etwas kosten müssen. Wenn wir finden, etwas sei weniger oder auch mehr wert, als aktuell dafür zu zahlen ist, sind wir nur über die angemessene Höhe des Werts im Zweifel, nie darüber, dass wir, angemessen oder nicht, den Wert dessen zahlen, was wir kaufen. Also noch einmal: Geld stellt nur den Wert der Dinge dar, den wir deshalb für sie bezahlen, das scheint klar – und ist doch grundfalsch.

Es soll auch hier nicht um eine gründliche Widerlegung gehen oder darum, die richtige Deutung herzuleiten. Aber es gibt einen einfachen Gedanken, der bloßstellt, was hier falsch ist, auch wenn er dazu auf den ersten Blick allzu harmlos aussieht. Denn wirklich kann schon deshalb nichts an Wert in den Dingen ihre Bezahlung mit Geld erfordern, weil wir Geld zwar für, doch niemals an die Dinge zahlen.

Es ist ja nicht der Wasserbüffel, der sich hinstellt und die 100 € abkassiert, weil er sie als seinen Wert erkannt hätte. Es ist nicht das Brot, an das die überwiesene Spende geht. Es ist nicht der Boden selbst, in den man Geld steckt, und schon trägt er davon Früchte. Natürlich, wäre auch absurd: Wo hätte Brot sein Konto? Was fängt ein Tier mit Geld an? Keinem Tier, keinem Ding kommt der Geldwert zu, den es kostet. Nein, Geld fordern, Geld annehmen und ausgeben, Geld als Geld verwenden, das können ausschließlich Menschen. Und auch sie halten die Hand nicht für die Dinge auf, an deren Stelle und in deren Interesse, als Treuhänder all dessen, was kostbar ist auf dieser Welt. Wer die 100 € für den Büffel einstreicht, gibt sie weder an den Büffel weiter noch an den lieben Gott oder Mutter Natur. Der Wert, der in Geld für etwas gefordert wird, kennt nur einen Weg: Er geht zuletzt an jemanden, der ihn fordert.

Wenn wir für etwas Geld bezahlen müssen, dann nicht, weil der Wert von einem Ding oder wovon auch immer es erfordern würde, sondern einzig, weil Menschen es fordern. Und das wiederum müssen sie, nicht weil die Dinge, sondern weil das Geld es erfordert. In einer Wirtschaft, die über Geld läuft, müssen alle zu Geld kommen, um von dem leben zu können, was dafür zu kaufen ist. Um aber zu Geld zu kommen, muss es jeder von anderen fordern, denn nur von anderen lässt sich Geld bekommen; und muss es jeder für etwas fordern, wofür einer der anderen Geld zu zahlen bereit ist. Diesen bringt der Käufer mit seinem Geld dazu, ihm die Verfügung über das Gekaufte einzuräumen. Mit Geld verfügt also stets jemand genau genommen über jemanden: der Zahlende über den, den er bezahlt. Mit Geld verfügen ausnahmslos Menschen über Menschen.

Die Macht dazu verleiht ihnen das Geld. Diese Verfügungsmacht, zunächst über Dinge, zuletzt jedoch ausnahmslos über Menschen, ist das Geld. Sie ist es, die sich in den Wert verkleidet, den wir so unwillkürlich in den Dingen sehen: als trügen sie ihn in sich und als würden wir seinethalben Geld für sie bezahlen und – immerhin auf Leben oder Tod, Verhungern oder nicht – bezahlen müssen.

Wer aber verleiht dem Geld diese Macht? Was hat sie ihm einmal verschafft? Wie ist das Geld zu ihr gekommen? Niemand hat diese Macht des Geldes erfunden, und niemand hat sich je für sie entschieden. Aber entschieden wird sie heute aufrechterhalten, durch die höchsten sonst existierenden Mächte, die Staaten. Selbst sie können nicht entscheiden, wie es mit Geld zugeht. Daher steht heute sehr viel mehr zur Entscheidung: ob es weiterhin mit Geld zugehen kann.

Dieser Text ist zuerst erschienen in "Merkur", Heft 847/2019.