Die erste gilt der Frage, wie Geld überhaupt entstanden sei, und ist logische Prämisse für jenen Glauben, die Menschen könnten frei über das Geld und seine Eigenschaften bestimmen: weil sie es nämlich erfunden hätten. Wie jede Erfindung habe also auch das Geld seinen guten Grund und seinen guten Sinn, und wenn es in irgendeiner Hinsicht nicht funktioniert wie gewünscht, müsse sich Geld wie jede Erfindung folglich nach Wunsch verbessern und adjustieren lassen. Erfunden aber hätten es die Menschen, so der gängigste Glaube, zur sinnigen Erleichterung eines allgemeinen Tauschhandels.

Die zweite Annahme rechtfertigt das Geld ebenso als ein hohes Gut: Das einzige Übel, das die Welt bedrohe, sei fehlendes Geld. Nur mit Geld nämlich lasse sich, so wie alles, auch die Wohlfahrt der Welt erreichen. Die Welt mit allem zu versorgen, was ihr und den Menschen not und gut tut, dazu sei das Geld geschaffen, und dazu sei das Geld vonnöten.

Und schließlich erklärt die dritte dieser Annahmen das Geld geradewegs für unverzichtbar: Jedes Ding habe seinen Wert, und diesen Wert darzustellen sei notwendige Leistung und Aufgabe des Geldes. Weil alles seinen Wert habe, brauche es das Geld, um alles nach seinem Wert und damit richtig zu behandeln.

In handliche Glaubenssätze gefasst lautet das Abc dieser Geld-Irrtümer also:

A: Geld beginnt, wenn zwei tauschen.
B: Geld versorgt die Welt.
C: Geld ist der Wert der Dinge

Ihnen argumentativ entgegenzutreten bedeutet noch nicht, dass damit geklärt wäre, wie es historisch wirklich zu Geld gekommen ist, was Geld wirklich mit der Versorgung der Welt zu tun hat und was Geld zuletzt wirklich ist. Doch nichts davon wird sich klären lassen, solange solcher Glaube währt.

Anfang und Sinn des Geldes, so sehen wir es vor uns, könnten nur in einem höchst vernünftigen Gedanken liegen, den glückliche Menschen irgendwann ein erstes Mal gefasst und umgesetzt hätten. Denn irgendwann, so geht die rasche Schlussfolgerung, müsse einfach jemand auf die Idee gekommen sein, nicht mehr direkt eine Sache gegen die andere zu tauschen, Mammutfleisch gegen Faustkeil, sondern für derlei Tausch Geld einzuführen. Geld habe dieses Tauschen sehr viel leichter gemacht, indem zunächst irgendetwas in Geld und dieses Geld erst, wenn es passte, in etwas anderes zu tauschen war.

Wem die Vorgeschichte unserer Wirtschaft in dieser Weise vor Augen steht, weiß sich unwillkürlich im Recht, und mehr noch, wird darin so recht von allen Seiten bestätigt. Ökonomen vom Fach leiten ihren Gegenstand sogar besonders gerne auf ein so rekonstruiertes Szenario zurück. Paul Samuelson etwa wurde 1970 mit dem Nobelpreis für Wirtschaft geadelt, nachdem er sich mit Sätzen wie diesem dafür qualifiziert hatte: "Darum sind wir jenen beiden Affenmenschen zu großem Dank verpflichtet, die eines Tages die Entdeckung machten, dass sie sich gegenseitig nützen, wenn jeder jeweils auf etwas verzichtete, um dafür etwas anderes einzutauschen."

Zu Anfang hätten also ganze zwei Leutchen mit ihrer Entdeckung dafür gesorgt, dass alsbald jeder mit jedem tauschte, was jeweils sein eigen war und worauf er verzichten konnte, um zu bekommen, womit es dem anderen ebenso erging. Und nachdem sich dies zwar durchgesetzt, bald aber als unsinnig kompliziert erwiesen hätte, wäre man außerdem auf die entscheidende Erfindung gekommen – ob bei den Hominiden oder erst bei den Hochkulturgriechen, tut nichts zur Sache −, nämlich die Erfindung eines speziellen Tauschmittels, womit sich von nun an leichter tauschen ließ: Geld.

Genial. Nur dass es so nicht gewesen sein kann. Vereinzelt wurde das schon vor längerer Zeit festgestellt, seit David Graebers Schulden-Buch jedoch dürfte die Widerlegung auch einem größeren Kreis bekannt sein. Historisch und ethnologisch steht fest: Es hat niemals und nirgends ein Gemeinwesen gegeben, dessen Mitglieder in dieser Weise miteinander Tauschhandel getrieben und von diesem gelebt hätten, bevor sie mit Geld umgingen. Genau umgekehrt: Gemeinwesen mit einem solchen Tauschhandel haben es immer bereits mit Geld zu tun. Erst mit Geld nämlich kommt es überhaupt zu jener Form des Tauschens, die wir unwillkürlich und irrtümlich bereits den Affenmenschen unterstellen und die wir bei "uns" Menschen letztlich schon immer voraussetzen.