Auch in früheren Gemeinwesen kam es zwar zur Übergabe von Dingen, doch mit einem völlig anderen Sinn. Und selbst was sich dort an Kauf und Verkauf ergeben konnte, ergab sich immer nur am Rand, blieb eingeschränkt auf wenige Situationen und bedeutete in keinem Fall, dass die Mitglieder eines solchen Gemeinwesens davon lebten, sich das Benötigte gegenseitig zu verkaufen – so wie wir es vom Geld kennen. Bis ins europäische Mittelalter blieben Kauf und Verkauf überall auf der Welt periphere Ereignisse, und das aus dem offensichtlichen Grund, dass die Verteilung von Gütern und Lebensmitteln konstant auf eine andere Weise eingerichtet war. Gerade vom Mittelalter dürfte sie allgemein bekannt sein: Entlang den Verpflichtungen, die dort zwischen Feudalherren und ihren Leuten oder allgemein zwischen den unterschiedlich gestellten Menschen bestanden, wurden die benötigten Güter einerseits von unten nach oben eingesammelt und andererseits auch von oben nach unten weitergegeben – ohne dass dabei Gut gegen Gut getauscht wurde.

Wichtiger jedoch, als einen urtümlich-ursprünglichen Tauschhandel zwischen Affenmensch und Affenmensch zu widerlegen, ist für jetzt die Erklärung, weshalb wir bis hinauf zum Nobelpreiskomitee so unverbrüchlich an ihn glauben. Es muss ein starker Zwang sein, der hier wirkt, und der geht vom Geld selber aus. Denn so selbstverständlich erscheint uns die Welt inzwischen in genau der Form, die ihr das Regiment des Geldes aufzwingt, dass es uns nicht gelingen will, vom Geld überhaupt noch abzusehen. Wenn wir also versuchen, uns die Welt ohne Geld vorzustellen, setzen wir Geld unwillkürlich schon voraus und sehen es zwingend in diese vorgestellte Welt hinein. Wir glauben Geld aus den frühen Verhältnissen wegzudenken und unterstellen doch Verhältnisse, wie sie erst das Geld ergeben hat und wie sie nur mit Geld bestehen können.

Wenn nämlich der Tausch zuletzt zu der Erfindung von Geld geführt haben soll, setzen wir damit, ohne uns dessen bewusst zu sein, bei weitem mehr voraus als den harmlosen Tausch zwischen Zweien.

Wir sehen jeweils zwei Leute vor uns, die miteinander tauschen, setzen aber voraus, dass nicht nur diese beiden, sondern grundsätzlich alle innerhalb dieses Gemeinwesens tauschen. Denn nur bei einem Tauschhandel unter mehr oder weniger allen könnte es Sinn ergeben, Geld einzuführen; zwei einzelne Tauschende könnten kein Geld gebrauchen. Und schon haben wir also vorausgesetzt, dass innerhalb einer solchen "Gesellschaft" ganz allgemein Käufe und Verkäufe vollzogen werden.

Des Weiteren setzen wir voraus, dass dort jeder tauscht, weil er braucht, was er über Tausch bekommt. Alle wären auf den Tausch angewiesen, und nur darum hätten sie jeweils die mühsame Suche nach einem passenden Tauschpartner auf sich genommen. Wir setzen also voraus, die Versorgung wäre in einer solchen Gesellschaft ganz allgemein von Käufen und Verkäufen abhängig gewesen: über einen gesellschaftsweiten Markt.

Und wenn dieser allgemeine Gütertausch später mit Geld getätigt worden sein soll, setzen wir drittens voraus, man hätte schon die Güter jeweils als gleiche Werte getauscht: Gut gegen Gut als Wert gegen gleiche Menge Wert. Bei dem gedachten Tauschhandel von Gut gegen Gut wäre es bereits um die Menge eines Werts in allen Gütern gegangen. Ein solcher Wert aber ist schon so gut wie Geld: Jede Ware, die man nach einem so vorausgesetzten Wert gegen eine andere tauschen wollte, würde bereits als Geld fungieren. In einer Gesellschaft, wie wir sie zu seiner Herleitung voraussetzen, wäre das Geld also bereits da und müsste gar nicht mehr erfunden werden: Es bräuchte nur ehrlicherweise noch diesen Namen.

Nichts von dem, was wir hier voraussetzen, legen wir bewusst in unsere Vorstellung einer Gesellschaft, die von geldlosem Gütertausch gelebt hätte − und die es nie gegeben hat. Darin zeigt sich unser Denken vielmehr bestimmt von dem, was wir heute um uns vorfinden: eine so tief vom Geld bestimmte Welt, dass wir das vom Geld Bestimmte für ursprüngliche Natur halten. Auch gewaltigste Auswirkungen des Geldes – etwa die Form unserer heutigen Gesellschaft, in der die Menschen allen Ernstes davon leben, sich gegenseitig zu verkaufen, was sie zum Leben brauchen – wollen wir deshalb keinesfalls als Auswirkung des Geldes erkennen. Stattdessen glauben wir im Geld eine menschliche Konstante zu sehen.

Brot für die Welt: Das ist der schöne sprechende Name einer modernen Organisation. Schön ist er dank seines Programms, dass jeder auf der Welt genug zu essen haben sollte – was offensichtlich nicht der Fall ist. Vielmehr hungern heute weltweit so viele Menschen, dass diese Organisation Anlass sieht, darauf hinzuweisen: "Grundnahrungsmittel müssen dauerhaft in ausreichender Menge vorhanden sein, damit alle Menschen aktiv und gesund leben können." So informiert ein Flyer der Organisation, die ihrerseits aktiv wird, indem sie Spenden sammelt. Für deren Empfang aber muss "Brot für die Welt" nichts weiter angeben als eine Kontonummer.