So sehen wir es vor uns: Mit Geldeswert bezahlen wir den Wert der Dinge. Ein Laib Brot mag seine 4,50 kosten und ist sie insofern wert, und wenn wir ihn kaufen, dann mit Geld im Wert von eben diesen 4,50. Beide also haben ihren Wert, Dinge und Geld, und der Wert des Geldes steht für den der Dinge ein. Wieder versteht es sich von selbst: Weil die Dinge etwas wert sind, kosten sie uns Geld. Der Büffel kostet seine 100 € deshalb, weil er so wertvoll ist, denn das ist er zweifellos: wertvoll für die Arbeit auf dem Feld, des Leders wegen, das er spendet, oder vielleicht auch schon als solcher, als dieses große, herrliche Lebewesen. 100 € sind da womöglich lachhaft wenig, sie aber sind sein Wert, wenn für ihn so viel an Geldwert zu zahlen ist. Diesen Wert stellt der Büffel dar, also muss "sein" Wert für ihn gezahlt werden. Und so gilt es bei allem und jedem, so liegt es offenbar in der Natur der Dinge.

Am Anfang stünde also der Wert der Dinge, und er wäre der Grund dafür, dass wir mit Geldeswert für sie bezahlen. Ihr Wert würde es bedingen, dass sie um den Gegenwert in Geld zu kaufen sind. Auch wenn uns öfter fraglich erscheint, ob bestimmte Dinge "wirklich" so viel wert sind, wie sie kosten, stellen wir damit nicht in Frage, dass sie etwas wert sind und deshalb etwas kosten müssen. Wenn wir finden, etwas sei weniger oder auch mehr wert, als aktuell dafür zu zahlen ist, sind wir nur über die angemessene Höhe des Werts im Zweifel, nie darüber, dass wir, angemessen oder nicht, den Wert dessen zahlen, was wir kaufen. Also noch einmal: Geld stellt nur den Wert der Dinge dar, den wir deshalb für sie bezahlen, das scheint klar – und ist doch grundfalsch.

Es soll auch hier nicht um eine gründliche Widerlegung gehen oder darum, die richtige Deutung herzuleiten. Aber es gibt einen einfachen Gedanken, der bloßstellt, was hier falsch ist, auch wenn er dazu auf den ersten Blick allzu harmlos aussieht. Denn wirklich kann schon deshalb nichts an Wert in den Dingen ihre Bezahlung mit Geld erfordern, weil wir Geld zwar für, doch niemals an die Dinge zahlen.

Es ist ja nicht der Wasserbüffel, der sich hinstellt und die 100 € abkassiert, weil er sie als seinen Wert erkannt hätte. Es ist nicht das Brot, an das die überwiesene Spende geht. Es ist nicht der Boden selbst, in den man Geld steckt, und schon trägt er davon Früchte. Natürlich, wäre auch absurd: Wo hätte Brot sein Konto? Was fängt ein Tier mit Geld an? Keinem Tier, keinem Ding kommt der Geldwert zu, den es kostet. Nein, Geld fordern, Geld annehmen und ausgeben, Geld als Geld verwenden, das können ausschließlich Menschen. Und auch sie halten die Hand nicht für die Dinge auf, an deren Stelle und in deren Interesse, als Treuhänder all dessen, was kostbar ist auf dieser Welt. Wer die 100 € für den Büffel einstreicht, gibt sie weder an den Büffel weiter noch an den lieben Gott oder Mutter Natur. Der Wert, der in Geld für etwas gefordert wird, kennt nur einen Weg: Er geht zuletzt an jemanden, der ihn fordert.

Wenn wir für etwas Geld bezahlen müssen, dann nicht, weil der Wert von einem Ding oder wovon auch immer es erfordern würde, sondern einzig, weil Menschen es fordern. Und das wiederum müssen sie, nicht weil die Dinge, sondern weil das Geld es erfordert. In einer Wirtschaft, die über Geld läuft, müssen alle zu Geld kommen, um von dem leben zu können, was dafür zu kaufen ist. Um aber zu Geld zu kommen, muss es jeder von anderen fordern, denn nur von anderen lässt sich Geld bekommen; und muss es jeder für etwas fordern, wofür einer der anderen Geld zu zahlen bereit ist. Diesen bringt der Käufer mit seinem Geld dazu, ihm die Verfügung über das Gekaufte einzuräumen. Mit Geld verfügt also stets jemand genau genommen über jemanden: der Zahlende über den, den er bezahlt. Mit Geld verfügen ausnahmslos Menschen über Menschen.

Die Macht dazu verleiht ihnen das Geld. Diese Verfügungsmacht, zunächst über Dinge, zuletzt jedoch ausnahmslos über Menschen, ist das Geld. Sie ist es, die sich in den Wert verkleidet, den wir so unwillkürlich in den Dingen sehen: als trügen sie ihn in sich und als würden wir seinethalben Geld für sie bezahlen und – immerhin auf Leben oder Tod, Verhungern oder nicht – bezahlen müssen.

Wer aber verleiht dem Geld diese Macht? Was hat sie ihm einmal verschafft? Wie ist das Geld zu ihr gekommen? Niemand hat diese Macht des Geldes erfunden, und niemand hat sich je für sie entschieden. Aber entschieden wird sie heute aufrechterhalten, durch die höchsten sonst existierenden Mächte, die Staaten. Selbst sie können nicht entscheiden, wie es mit Geld zugeht. Daher steht heute sehr viel mehr zur Entscheidung: ob es weiterhin mit Geld zugehen kann.

Dieser Text ist zuerst erschienen in "Merkur", Heft 847/2019.