Ich habe zur Kirche ein schwieriges Verhältnis: Als Pfarrerssohn habe ich
die christlichen Werte kennen und schätzen gelernt, weiß um die zahlreichen
positiven Einflüsse der Kirche und die tatkräftige soziale Arbeit vieler ihrer
Mitglieder. Auf der anderen Seite komme ich mir manchmal vor, als müsste ich
Teile der Kirche und viele selbst ernannte Christen schütteln und an ihre
eigenen Glaubenssätze erinnern.
Dass in unserer Kultur eine spürbare Diskrepanz zwischen den gelehrten und
den gelebten christlichen Werten besteht, ist weder ein Geheimnis noch eine
Neuigkeit. Und wenn ich behaupten würde, dass die evangelische und katholische Kirche zu manchen wichtigen weltlichen Themen wie der Klimakatastrophe kaum
klare Standpunkte hätten und sich lieber in vagen Grundsatzreden zur Bewahrung
der Schöpfung statt mit scharfer Kritik an den politisch Handelnden äußern,
würdet ihr es mir glauben, oder?
Allerdings bringen uns pauschale Bewertungen von "den Christen" genauso
wenig weit wie
Verallgemeinerungen über "die Gamer" oder andere Demografien mit hoher
Diversität. Kritik sollte stets belegt werden und nicht nur auf Bauchgefühlen beruhen, insofern wollte ich mir die offiziellen
Äußerungen der beiden größten deutschen christlichen Institutionen zum
Klimawandel ansehen – und war überrascht. Um nicht sogar zu sagen: Mit jeder
Stunde, die ich auf kirchlichen Websites verbracht habe, schrumpfte mein
Vorwurf, man wäre da irgendwie nicht deutlich genug.
So ist Klimawandel auf der offiziellen Website der Evangelischen
Kirche in Deutschland (EKD) eines der sichtbaren Hauptthemen. Man spricht sich
gut informiert für umfassendere und
sozialere CO2-Preise aus, die in ihrer Höhe ein Vielfaches von dem betragen sollen, was die
Regierung nach wie vor plant. Erst kürzlich forderte der
EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm von der Bundesregierung explizit
eine Nachbesserung des Klimapaketes, und seine Stellvertreterin Annette
Kurschus bezeichnet Klimastreiks, an denen sich die Kirchen übrigens auch
beteiligen, im Mai als "legitime
Regelverletzung angesichts dessen, was auf dem Spiel steht". Wer das Ganze aus dem
Glauben heraus begründet sehen will, kann sich das 78 Seiten
umfassende Impulspapier zur "Agenda 2030" durchlesen.
Wokeness auch bei der katholischen Kirche: In der
Enzyklika Laudato
si von 2015 wurde der Klimawandel zu einem zentralen Thema gemacht und die
Beschreibung der Lage war wissenschaftlich
korrekt. Außerdem ermahnt der Papst regelmäßig die Verfehlungen verschiedener
Staaten bezüglich der Klimaschutzziele, zuletzt erst wieder zur Klimakonferenz in Madrid. Weiter geht es auf nationaler Ebene: Der Rat der Deutschen
Bischofskonferenz hat Anfang des Jahres "Zehn Thesen zum
Klimaschutz" verabschiedet, in denen sich klare Positionen finden: Deutschland soll
sich zum Beispiel für striktere Emissionsziele in der EU einsetzen und selbst
eine Vorreiterrolle in der Welt einnehmen, der CO2-Preis soll erhöht werden und
klimaschädliche Subventionen sollen abgebaut werden. Im Herbst richtete
die Deutsche
Bischofskonferenz außerdem einen offenen Brief an den UN-Gipfel mit der Aufforderung,
endlich die nötigen "konkreten gesetzlichen Regelungen, spürbaren
Verpflichtungen und ordnungspolitischen Maßnahmen" zu verabschieden, denn es
sei "die Zeit, in der wir handeln müssen, in der wir nicht länger nur
Beschlüsse fassen können".
Nun ist es natürlich das eine, auf UN-Ebene etwas anzumahnen,
oder als katholische Kirche in Deutschland der Partei mit dem großen C
beziehungsweise deren Vertretern in der Bundesregierung an den Karren zu
fahren. Aber auch hier kein Mangel an Klarheit: In einer Stellungnahme des
Kommissariats der deutschen Bischöfe wurde das Klimapaket der
Bundesregierung detailliert zerpflückt. Auf acht Seiten liest man kompetente
Einschätzungen und klare Kritik auf wissenschaftlicher Basis.
Falls euch diese deutlichen
Standpunkte nicht so bewusst waren, geht es euch nicht nur wie mir. Auch meinen
Eltern, die beide Pfarrer sind, war dieses Ausmaß nicht klar. Das ist doch
merkwürdig: Da positionieren sich zwei riesige moralische Institutionen, denen
laut den aktuellsten Zahlen noch immer über die Hälfte aller Deutschen
angehören, so klar und dringlich zu einem der politisch und
gesellschaftlich relevantesten Themen – und wir merken es alle gar nicht.
Woran liegt das? Eine These wäre, dass wir zumindest
in Bezug auf das Klima kein Problem mit der Kirche haben, sondern gemeinsam mit
der Kirche ein Medienproblem. Selbst bei aktiver Suche nach Artikeln habe ich
fast keine große Zeitung gefunden, die über die "Zehn Thesen zum Klimaschutz",
den offenen Brief an die UN oder die Stellungnahme gegen die Klimapolitik der
Bundesregierung berichtet hat. Dabei sind das berichtenswerte Nachrichten, die
vielleicht nicht die meisten Klicks generieren, aber mit möglichen Überschriften wie "Katholische Kirche kritisiert Klimapaket der CDU" auch nicht völlig
aufmerksamkeitslos untergehen würden. Also, liebe Zeitungen, da geht mehr. Kann
echt nicht sein, dass ihr über einzelne Tweets von mir zig Artikel
schreibt, darüber aber kaum berichtet.