Dieser Artikel ist Teil des ZEIT-ONLINE-Schwerpunktes "Unheimlich schön" aus dem Ressort X. Eine Auswahl weiterer Schwerpunkte finden Sie hier.

Read this article in English

Immer stand da dieser Typ in der Kulisse. Braun gebrannt im Kurzarmhemd, Geheimratsecken, lange Nase, Lachfalten bis zu den Ohren. Allan "Whitey" Snyder, ein Name wie aus einem Mafiafilm. Er war der einzige, der Hand an die schönste Frau der Welt legen durfte. Am Set von Niagara, von Das verflixte 7. Jahr, von Manche mögen’s heiß – wo Marilyn Monroe auftauchte, war Whitey Snyder nicht weit. Die beiden hatten sich 1946 bei Probeaufnahmen in Los Angeles kennengelernt. Monroe hieß damals noch Norma Jeane Baker, ein 20-jähriges Fotomodell mit braunen Locken und runder Nase, das unbedingt berühmt werden wollte. Sie ließ ein Stück von ihrer Nase abtragen, ein Kinnimplantat einsetzen, den leichten Überbiss korrigieren und die Zähne aufhellen. Der herzförmige Haaransatz wurde kaschiert, ihre Locken wurden gebleicht. Blondinen bevorzugt.

Und dann war Whitey am Zug: Vaseline für die glänzende Haut, darüber eine helle Grundierung; unter den Augen, auf den Wangenknochen und am Kinn noch etwas heller. Weißer Lidschatten, schwarzer Lidstrich, Kunstwimpern am Außenrand, um das Auge optisch zu verlängern. Am Unterlid kaum wahrnehmbare braune Farbe, als werfe ihr Schlafzimmerblick einen Schatten. Die Augenbrauen in einem kessen Winkel dunkel ausgefüllt. Eine leichte Schattierung unter den Wangenknochen, um dem Gesicht mehr Struktur zu geben. Die roten Lippen, in mehreren dünnen Farbschichten aufgemalt, am Rand etwas dunkler, in der Mitte heller: Sie sollten voller wirken. Und zum Schluss einen schwarzen Punkt auf die Wange, diese Markierung der Extravaganz, des Vexierspiels von Natur und Künstlichkeit: der Schönheitsfleck.

Whitey Snyder war Marilyn Monroes Visagist und Freund. Er half ihr zwischen den Shootings, das Lampenfieber in den Griff zu bekommen. Wenn das Make-up saß und er ihr den Spiegel vorhielt, ging es ihr gleich etwas besser. Ihm vertraute sie sich an. "Sollte mein Aussehen schwinden, werden es auch meine Fans tun," fürchtete sie. Um auch den Nachruhm zu sichern, hatte Monroe sogar verfügt, dass er eines Tages ihre Leiche schminken solle. Das tat er. Und trotzdem blieb sein Name außerhalb der Filmbranche weitgehend unbekannt. Whitey Snyder starb 1994.

Die Ikonen, die wir anhimmeln, die Idole, die wir bewundern – allesamt Erfindungen von Menschen. Whitey Snyder und Norma Jeane Baker haben die Ikone Marilyn Monroe geschaffen, einen Archetypus der Unterhaltungsindustrie. Ihre platinblonde Femme fatale prägte das weibliche Schönheitsideal des 20. Jahrhunderts wie niemand sonst.

Wenn Schönheit also nicht nur ein Wunsch und eine Vorstellung ist, sondern handfest produziert wird: Wie geht das? Wer gestaltet Menschen und ihre Schönheit? Wer malt Ikonen und prägt damit Ideale des Begehrenswerten?

Müsste man eine Person benennen, die diese Rolle heute einnimmt – man käme schnell auf Lisa Eldridge. Die 45-jährige Britin ist eine der weltweit angesehensten Make-up-Artists. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sie Topmodels wie Claudia Schiffer, Tyra Banks, Kate Moss, Adwoa Aboah oder Bella Hadid für Modezeitschriften geschminkt; Schauspielerinnen wie Cate Blanchett, Isabella Rossellini, Jada Pinkett, Nicole Kidman, Jennifer Lopez oder Vanessa Redgrave auf den großen Auftritt vorbereitet. 1998 sprang sie als junge Assistentin für einen Kollegen ein. Der Auftraggeber: das Elle-Magazin. Das Model: Cindy Crawford. Seitdem läuft's.

Kaum eine schöne, berühmte Frau auf diesem Planeten, die noch nicht auf Lisa Eldridges Stuhl saß. Auf YouTube schminkt sie die Looks der großen Stars nach, an sich selbst, an Freundinnen und manchmal auch an ihren weltbekannten Kundinnen. Ihr Kanal hat fast zwei Millionen Abonnentinnen und Abonnenten, fünf Millionen folgen ihr insgesamt auf allen sozialen Plattformen. Sogar ihre Katzen sind bei Instagram. Wie wichtig soziale Medien für ihr Metier sind, hat Lisa Eldridge früh verstanden. Schönheit herzustellen, den Prozess zu dokumentieren und offenzulegen – das befriedigt nicht nur die Neugier des Illustriertenpublikums, sondern ermutigt die Zuschauenden auch zur Nachahmung.

Aber ist das gut? Ist das Influencertum nicht eine Epidemie unserer Zeit? Geht es da um etwas anderes, als treugläubige Anhängerinnen zum Konsum zu verleiten? Und sollte man nicht dringend damit aufhören, den Menschen unerreichbare Ideale vorzuhalten, unter deren Erfüllungsdruck sie verzweifeln müssen?

Gesichter malen, mit Ölfarbe wie mit Make-up. Rechts ein Blick in das neue Studio von Lisa Eldridge

Genug Fragen für ein Treffen mit Lisa Eldridge in London. In einem alten Backsteingebäude hat sie gerade ihr neues Studio eingerichtet. Zur Straße hin hält sie alles ganz unauffällig. Wenn ihre Follower wüssten, wo sie arbeitet, würden sie wohl den ganzen Tag an der Scheibe kleben. Drinnen stehen rechts die Schreibtische ihrer Assistentinnen, links ein umfunktionierter weißer Küchenblock, Schubladen über Schubladen. An der Seite ein glänzender Schminkspiegel, der an Filmszenen erinnert, in denen verschnupfte Diven in der Garderobe zwischen Rosensträußen weinen.

Lisa Eldridge hat sich heute hübsch gemacht, weil später noch ein Videoshoot für den Kosmetikkonzern Lancôme ansteht. Die Haare fließen über ihre Schultern, sie trägt eine tannengrüne Schluppenbluse, dazu eine erdbeereisfarbene Marlenehose, unter der die Pumps verschwinden. Ihr Make-up ist dezent: leuchtende Haut, ein dunkelbrauner Lidstrich, ihre Lippen mattes Rosenholz. In ihren Videotutorials dreht sie manchmal auf, um zu zeigen, was mit einem vollen Tuschkasten alles möglich ist. Aber bekannt wurde sie mit Looks, die sich auf einen natürlich wirkenden, ebenmäßigen Teint konzentrieren und dann hier und da ein bisschen mit Farbe experimentieren.

Ihr Ideal ist universell, es kann für Menschen aller Hautfarben gelten. "Ich liebe Gesichter! Habe sie schon gezeichnet, als ich ein Mädchen war", sagt Eldridge. Eigentlich sei ihre Arbeit eine Art der Porträtmalerei. Im Museum studiert sie die Werke von Lucian Freud und Jenny Saville – wie viele Töne die verwenden, um Haut lebendig erscheinen zu lassen. "Alle Menschen sind aus denselben Bestandteilen zusammengesetzt. Manche haben größere Poren, andere kleinere, manche mehr, manche weniger Sonnenflecken, manche mehr Rot oder Gelb oder Lila oder Blau oder Grün in ihrem Hautton." Sie schaue sich ein Gesicht an und erkenne, was schön daran sei. Sie weiß auch, was zu tun ist, um den Blick von den weniger schönen Dingen abzulenken.

Influencerin? Nennen Sie mich bloß nicht so!
Lisa Eldridge

Dass es Lisa Eldridge nicht nur darum geht, gut aussehende Menschen noch besser aussehen zu lassen, sondern auch, ihr Wissen über Make-up mit der Allgemeinheit zu teilen, wurde Anfang der Zehnerjahre in der Stylistenbranche pikiert zur Kenntnis genommen: Man arbeitet hinter den Kulissen und erschafft teuerste Illusionen; warum bitte sollte man den Vorhang lüften, um Hinz und Kunz in die Geschäftsgeheimnisse einzuweihen?

Eldridge bewies als erste Hochglanzvisagistin, dass Wissensvermittlung zum Vorteil aller sein kann. In mehreren Staffeln der britischen Fernsehshow 10 Years Younger verriet sie unscheinbaren Verkäuferinnen und ausgelaugten Müttern, wie sie mit wenigen Handgriffen mehr aus ihrem Typ machen konnten. Die Resonanz war so stark, dass Eldridge eine eigene Website aufsetzte, um Fragen beantworten zu können, die immer wieder gestellt wurden: Was tun gegen Augenringe? Hilfe, ich habe mir meine Augenbrauen weggezupft! Was bringt das Gesicht einer 60-Jährigen zum Strahlen? Dann Ende 2009 ihr erstes Schminkvideo auf YouTube: Wie man sich als morgendliche Partyleiche wieder zurück ins Leben beamt.