Die Gralshüterin – Seite 1

Dieser Artikel ist Teil des ZEIT-ONLINE-Schwerpunktes "Unheimlich schön" aus dem Ressort X. Eine Auswahl weiterer Schwerpunkte finden Sie hier.

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Immer stand da dieser Typ in der Kulisse. Braun gebrannt im Kurzarmhemd, Geheimratsecken, lange Nase, Lachfalten bis zu den Ohren. Allan "Whitey" Snyder, ein Name wie aus einem Mafiafilm. Er war der einzige, der Hand an die schönste Frau der Welt legen durfte. Am Set von Niagara, von Das verflixte 7. Jahr, von Manche mögen’s heiß – wo Marilyn Monroe auftauchte, war Whitey Snyder nicht weit. Die beiden hatten sich 1946 bei Probeaufnahmen in Los Angeles kennengelernt. Monroe hieß damals noch Norma Jeane Baker, ein 20-jähriges Fotomodell mit braunen Locken und runder Nase, das unbedingt berühmt werden wollte. Sie ließ ein Stück von ihrer Nase abtragen, ein Kinnimplantat einsetzen, den leichten Überbiss korrigieren und die Zähne aufhellen. Der herzförmige Haaransatz wurde kaschiert, ihre Locken wurden gebleicht. Blondinen bevorzugt.

Und dann war Whitey am Zug: Vaseline für die glänzende Haut, darüber eine helle Grundierung; unter den Augen, auf den Wangenknochen und am Kinn noch etwas heller. Weißer Lidschatten, schwarzer Lidstrich, Kunstwimpern am Außenrand, um das Auge optisch zu verlängern. Am Unterlid kaum wahrnehmbare braune Farbe, als werfe ihr Schlafzimmerblick einen Schatten. Die Augenbrauen in einem kessen Winkel dunkel ausgefüllt. Eine leichte Schattierung unter den Wangenknochen, um dem Gesicht mehr Struktur zu geben. Die roten Lippen, in mehreren dünnen Farbschichten aufgemalt, am Rand etwas dunkler, in der Mitte heller: Sie sollten voller wirken. Und zum Schluss einen schwarzen Punkt auf die Wange, diese Markierung der Extravaganz, des Vexierspiels von Natur und Künstlichkeit: der Schönheitsfleck.

Whitey Snyder war Marilyn Monroes Visagist und Freund. Er half ihr zwischen den Shootings, das Lampenfieber in den Griff zu bekommen. Wenn das Make-up saß und er ihr den Spiegel vorhielt, ging es ihr gleich etwas besser. Ihm vertraute sie sich an. "Sollte mein Aussehen schwinden, werden es auch meine Fans tun," fürchtete sie. Um auch den Nachruhm zu sichern, hatte Monroe sogar verfügt, dass er eines Tages ihre Leiche schminken solle. Das tat er. Und trotzdem blieb sein Name außerhalb der Filmbranche weitgehend unbekannt. Whitey Snyder starb 1994.

Die Ikonen, die wir anhimmeln, die Idole, die wir bewundern – allesamt Erfindungen von Menschen. Whitey Snyder und Norma Jeane Baker haben die Ikone Marilyn Monroe geschaffen, einen Archetypus der Unterhaltungsindustrie. Ihre platinblonde Femme fatale prägte das weibliche Schönheitsideal des 20. Jahrhunderts wie niemand sonst.

Wenn Schönheit also nicht nur ein Wunsch und eine Vorstellung ist, sondern handfest produziert wird: Wie geht das? Wer gestaltet Menschen und ihre Schönheit? Wer malt Ikonen und prägt damit Ideale des Begehrenswerten?

Müsste man eine Person benennen, die diese Rolle heute einnimmt – man käme schnell auf Lisa Eldridge. Die 45-jährige Britin ist eine der weltweit angesehensten Make-up-Artists. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sie Topmodels wie Claudia Schiffer, Tyra Banks, Kate Moss, Adwoa Aboah oder Bella Hadid für Modezeitschriften geschminkt; Schauspielerinnen wie Cate Blanchett, Isabella Rossellini, Jada Pinkett, Nicole Kidman, Jennifer Lopez oder Vanessa Redgrave auf den großen Auftritt vorbereitet. 1998 sprang sie als junge Assistentin für einen Kollegen ein. Der Auftraggeber: das Elle-Magazin. Das Model: Cindy Crawford. Seitdem läuft's.

Kaum eine schöne, berühmte Frau auf diesem Planeten, die noch nicht auf Lisa Eldridges Stuhl saß. Auf YouTube schminkt sie die Looks der großen Stars nach, an sich selbst, an Freundinnen und manchmal auch an ihren weltbekannten Kundinnen. Ihr Kanal hat fast zwei Millionen Abonnentinnen und Abonnenten, fünf Millionen folgen ihr insgesamt auf allen sozialen Plattformen. Sogar ihre Katzen sind bei Instagram. Wie wichtig soziale Medien für ihr Metier sind, hat Lisa Eldridge früh verstanden. Schönheit herzustellen, den Prozess zu dokumentieren und offenzulegen – das befriedigt nicht nur die Neugier des Illustriertenpublikums, sondern ermutigt die Zuschauenden auch zur Nachahmung.

Aber ist das gut? Ist das Influencertum nicht eine Epidemie unserer Zeit? Geht es da um etwas anderes, als treugläubige Anhängerinnen zum Konsum zu verleiten? Und sollte man nicht dringend damit aufhören, den Menschen unerreichbare Ideale vorzuhalten, unter deren Erfüllungsdruck sie verzweifeln müssen?

Gesichter malen, mit Ölfarbe wie mit Make-up. Rechts ein Blick in das neue Studio von Lisa Eldridge

Genug Fragen für ein Treffen mit Lisa Eldridge in London. In einem alten Backsteingebäude hat sie gerade ihr neues Studio eingerichtet. Zur Straße hin hält sie alles ganz unauffällig. Wenn ihre Follower wüssten, wo sie arbeitet, würden sie wohl den ganzen Tag an der Scheibe kleben. Drinnen stehen rechts die Schreibtische ihrer Assistentinnen, links ein umfunktionierter weißer Küchenblock, Schubladen über Schubladen. An der Seite ein glänzender Schminkspiegel, der an Filmszenen erinnert, in denen verschnupfte Diven in der Garderobe zwischen Rosensträußen weinen.

Lisa Eldridge hat sich heute hübsch gemacht, weil später noch ein Videoshoot für den Kosmetikkonzern Lancôme ansteht. Die Haare fließen über ihre Schultern, sie trägt eine tannengrüne Schluppenbluse, dazu eine erdbeereisfarbene Marlenehose, unter der die Pumps verschwinden. Ihr Make-up ist dezent: leuchtende Haut, ein dunkelbrauner Lidstrich, ihre Lippen mattes Rosenholz. In ihren Videotutorials dreht sie manchmal auf, um zu zeigen, was mit einem vollen Tuschkasten alles möglich ist. Aber bekannt wurde sie mit Looks, die sich auf einen natürlich wirkenden, ebenmäßigen Teint konzentrieren und dann hier und da ein bisschen mit Farbe experimentieren.

Ihr Ideal ist universell, es kann für Menschen aller Hautfarben gelten. "Ich liebe Gesichter! Habe sie schon gezeichnet, als ich ein Mädchen war", sagt Eldridge. Eigentlich sei ihre Arbeit eine Art der Porträtmalerei. Im Museum studiert sie die Werke von Lucian Freud und Jenny Saville – wie viele Töne die verwenden, um Haut lebendig erscheinen zu lassen. "Alle Menschen sind aus denselben Bestandteilen zusammengesetzt. Manche haben größere Poren, andere kleinere, manche mehr, manche weniger Sonnenflecken, manche mehr Rot oder Gelb oder Lila oder Blau oder Grün in ihrem Hautton." Sie schaue sich ein Gesicht an und erkenne, was schön daran sei. Sie weiß auch, was zu tun ist, um den Blick von den weniger schönen Dingen abzulenken.

Influencerin? Nennen Sie mich bloß nicht so!
Lisa Eldridge

Dass es Lisa Eldridge nicht nur darum geht, gut aussehende Menschen noch besser aussehen zu lassen, sondern auch, ihr Wissen über Make-up mit der Allgemeinheit zu teilen, wurde Anfang der Zehnerjahre in der Stylistenbranche pikiert zur Kenntnis genommen: Man arbeitet hinter den Kulissen und erschafft teuerste Illusionen; warum bitte sollte man den Vorhang lüften, um Hinz und Kunz in die Geschäftsgeheimnisse einzuweihen?

Eldridge bewies als erste Hochglanzvisagistin, dass Wissensvermittlung zum Vorteil aller sein kann. In mehreren Staffeln der britischen Fernsehshow 10 Years Younger verriet sie unscheinbaren Verkäuferinnen und ausgelaugten Müttern, wie sie mit wenigen Handgriffen mehr aus ihrem Typ machen konnten. Die Resonanz war so stark, dass Eldridge eine eigene Website aufsetzte, um Fragen beantworten zu können, die immer wieder gestellt wurden: Was tun gegen Augenringe? Hilfe, ich habe mir meine Augenbrauen weggezupft! Was bringt das Gesicht einer 60-Jährigen zum Strahlen? Dann Ende 2009 ihr erstes Schminkvideo auf YouTube: Wie man sich als morgendliche Partyleiche wieder zurück ins Leben beamt.

Ein Kaleidoskop aus Farben und Gesichtern

Wie machten es die Geishas? Wie tuschte man die Wimpern in den 1930er-Jahren? Eldridge sammelt Zeugnisse der Schönheitsgeschichte.

Innerhalb von zehn Jahren hat sie Looks für Gammeltage, Vorstellungsgespräche, rauschende Feste, erste Dates oder die Rache am Ex-Freund vorgestellt. Nebenbei hat sie im Duktus der interessierten Anthropologin so ziemlich jeden Make-up-Trend der Welt erklärt. In ihrem Kopf ein Kaleidoskop aus Farben und Gesichtern unterschiedlicher Zeiten und Räume.

Mit Ausschnitten davon hat sie eine Wand ihres Studios tapeziert. Titelseiten von Modemagazinen, Porträtfotos, bedeutende Frauen aus vergangenen Jahrzehnten, Make-up-Ideen. Im ganzen Zimmer setzen sich Pop-Art und Art déco, Leoprint und Blütenrausch zu einem dreidimensionalen Moodboard zusammen. Das heiße Wachs der Kerze auf dem Tisch duftet nach Rosenpuder.

Draußen am Camden Market, ein paar Minuten entfernt, ist die Luft erfüllt von Friteusenfett. Zwischen den Läden und Buden versuchen Touristen, mit ihren Smartphones irgendwas Hübsches einzufangen, das Selfie-Lächeln festgefroren, hey, ist das jetzt hier dieser Spirit, von dem alle reden? Camden Town, wo in den Siebzigern aus kulturellem und politischem Widerstand die Punkbewegung entstand, wo man sich Sicherheitsnadeln durch die Ohren zog und Löcher in die Kleidung riss, wo sich Männer und Frauen mit schwarzem Kajal den Blick verdunkelten, liegt heute da wie ein Themenpark. Punk ist Pop und Produkt geworden, hier werden Tattoos, Piercings und Stahlkappenschuhe verramscht.

Und wer bei H&M kein Sex-Pistols-T-Shirt mehr abbekommen hat, der wühlt sich eben auf der Camden High Street durch die unzähligen Memorabilia-Shops: das Dreierpack Ramones, Motörhead und David Bowie für nur 30 Pfund, von S bis XXL. Falls sich jemand auch noch wie Ziggy Stardust anmalen will, muss er nur eine Tür weiter gehen: Zwischen die inszenierte Gegenkultur quetscht sich die glattschwarze Filiale des kanadischen Make-up-Herstellers MAC.

Pop und Schminke sind untrennbar. Ohne Look ist kein Pop zu machen. Und ein Look spielt in den meisten Fällen auch mit Make-up. In den Straßen von Camden ist eine Popikone der jüngeren Zeit allgegenwärtig. Man erkennt sie an ihrem hoch auftoupierten schwarzen Haar, den kirschroten Lippen und dem bumerangförmigen Lidstrich: Amy Winehouse lebte hier bis zu ihrem Tod im Jahr 2011. An mehreren Häuserwänden erinnern Schablonen-Graffiti an die jung verstorbene Soulsängerin.

Winehouses Look war eine Hommage an die Doo-Wop-Sängerinnen der Fünfzigerjahre. Sie liebte deren Frisuren, die Pumps und Petticoats. Statt Schönheitsfleck trug sie einen Edelstahlknopf über ihrer Lippe, und den markanten Lidstrich malte sie einfach noch ein bisschen dicker und länger, als ihn zum Beispiel Audrey Hepburn trug. Und auch die ist längst eine Popikone, Milliardenmal vervielfacht und doch unverkennbar. Zwischen den Fressbuden verkauft eine Boutique ihr berühmtes Portrait als Holly Golightly im Film Breakfast at Tiffany’s auf eine Jerseybluse gedruckt, kombiniert zu pseudomilitanten Tarnfleckhosen. Camden Style.

Gäbe es etwas, das die Feinheit, die zurückhaltende Eleganz, die einerseits so natürliche, andererseits wohl komponierte Schönheit von Audrey Hepburn hätte einkapseln können, es wäre wohl von unschätzbarem Wert. Wieder und wieder hat sich Lisa Eldridge ihre Filme angesehen und ihr Gesicht studiert. Die Rehaugen, der Abstand zwischen den starken Brauen, der große Mund, die Oberlippe breiter als die Unterlippe. Was daran war Hepburn gegeben und was hatte ihr Visagist Alberto de Rossi hinzugefügt? Lisa Eldridge verrät es ihrem Publikum. Das Einmaleins der Holly Golightly ist, nach der Entzauberung von Marilyn Monroe, bis heute eines ihrer meistgesehenen Videos.

Nicht das Gold oder der Saphir machen diese Lippenstifthülle so wertvoll. Es ist die Aura von Audrey Hepburn, die darin verschlossen ist.

Vor zwei Jahren versteigerte das Auktionshaus Christie’s einige der privaten Habseligkeiten von Audrey Hepburn, darunter eine wiederbefüllbare Lippenstifthülle aus 18-karätigem Gold, besetzt mit einem Saphir, die der Juwelier Cartier Anfang der Fünfzigerjahre als Unikat für die Schauspielerin angefertigt hatte. Eldridge musste mitbieten.

Sie hatte sich eine Grenze von 18.000 Euro gesetzt, wie sie aufgeregt in einem ihrer Videos erklärt: "Audrey Hepburns Lippenstifthülle sollte auf dieser Welt nur einer einzigen Person gehören. Mir nämlich!" Ihr Wunsch ging in Erfüllung, allerdings für 65.000 Euro. Sie öffnete das Goldröhrchen, "schaute hinein und wollte sterben". Was der Auktionskatalog verschwiegen hatte: Es befand sich noch ein winziger Rest Farbe darin. "Ihre Lippen sind da abgedrückt, ihre DNA ist da drauf!" So konnte Lisa Eldridge den Lieblingston von Audrey Hepburn reproduzieren, ein echtes Lachsrosa, aus einer echten Reliquie. Sie verwahrt sie heute in einem Tresor.

Wenn Eldridge erzählt, wie sie diese Partikel einer Ikone in ihren Besitz gebracht hat, scheint sie von einer fast religiösen Beseeltheit ergriffen zu sein. Und man muss keine Blasphemikerin sein, um anzuerkennen, dass Berühmtheiten und Popstars in einer säkularen Welt mitunter den Status von Heiligen eingenommen haben. Sie werden geliebt und verehrt, Menschen opfern ihr Hab und Gut, um ihnen näher zu sein.

Eldridge selbst ist vielen ein Idol, aber sie bleibt auch ein Fan.

Audrey Hepburns Lippenstifthülle sollte auf dieser Welt nur einer einzigen Person gehören. Mir nämlich!
Lisa Eldridge

Eine Frau unter gesellschaftlicher Beobachtung kann durch die Gestaltung ihres Körpers großen Einfluss entfalten. Ob man es als Selbstermächtigung begreift oder als Kapitulation vor überkommenen Geschlechterstereotypen: Der Effekt lässt sich nicht wegargumentieren.

Kim Kardashian und Heidi Klum haben auf ihr Aussehen Imperien gebaut; ein paar Modezyklen vor ihnen waren es Marie-Antoinette mit dem Pastellteint und den knallroten Wangen oder Elizabeth I. mit ihrer bleiweißen Haut und der feurigen Perücke. Sie alle sind gewissermaßen Testimonials für eine bestimmte Schönheitspraxis und die entsprechenden Mittelchen, die man dazu braucht. Es ist kein Zufall, dass just in den Jahren, als Marilyn Monroe Hollywood eroberte, die ersten Blondierungscremes in den Drogerien landeten. So vollzieht sich die Popularisierung und Demokratisierung von sozialem Kapital, oder zumindest das Versprechen darauf.

Manche Ideale sind unvergänglich: Nofretete und Sophia Loren in Eldridges Buch. Rechts zeigt sie eine Make-up-Schatulle für unterwegs aus den 1920er-Jahren.

In ihrem Buch Face Paint. Make-up gestern – heute – morgen, 2016 auf Deutsch erschienen, durchmisst Lisa Eldridge Jahrhunderte der Schönheitsproduktion. Neben der roten und der weißen Farbe widmet sie dem Schwarz ein eigenes Kapitel. Von Kim Kardashian und Sophia Loren über Elizabeth Taylors Cleopatra-Gesicht über Nofretetes Büste zurück zu den Selbstbildnissen der alten Ägypter: Das dunkel konturierte, große mandelförmige Auge ist seit 4.500 Jahren ein Schönheitsideal. Wissenschaftler vermuten, dass die Bewohner des Nildeltas aus Schutz vor Wüstensandkörnern und Bakterien eine desinfizierende Paste aus Metallstaub, Mineralien und Asche anrührten, mit der sie ihre Augen umrandeten. Das war die Geburt des Khôl, auch Kajal genannt. Aus einer Alltagsmedizin entwickelte sich ein Alltagsdekor. Seitdem ist die Betonung der Augen eine Konstante in der Kosmetikgeschichte.

Auf 240 Seiten erzählt Eldridge von Schminktechniken und deren anthropologischer, psychologischer und sozialer Bedeutung. Reich bebildert mit historischen Zeugnissen, Gemälden, Fotografien und mit Artefakten aus ihrer eigenen Sammlung. Sie habe sich immer gefragt, wer Frauen dazu brachte, sich zu verändern, ob es ihre eigene Vorstellung war oder aus einer männlichen Perspektive kam. Wie machten es die Geishas? Warum war unter Königin Victoria Schminke verpönt? Was hatte Josephine Baker an sich? Was änderte sich, als Twiggy plötzlich die Szene betrat? Ihre Kenntnis dieser Idole und ihrer Entstehung grundiert Eldridge immer mit dem Wissen um einen Markt, der Schönheit zu Geld zu machen versteht.

Sie selbst ist längst Teil dieses Marktes. Für den japanischen Konzern Shiseido, die britische Drogeriemarke Boots und die französische Luxusmarke Lancôme hat Eldridge Kosmetiklinien entwickelt. Für Chanel hat sie Produktvideos gedreht. Ihr Buch, ein New-York-Times-Bestseller, soll demnächst für einen großen amerikanischen Streaminganbieter verfilmt werden. Seit einem Jahr produziert sie Lippenstifte unter ihrem Namen, bald will sie Teintprodukte herausbringen. Und eine eigene Schmuckkollektion verkauft sie auch – weil ihre Zuschauenden so begeistert von den Ringen waren, die während ihrer Schminkvideos immer so hübsch in die Kamera klimpern. Lisa Eldridge prägt die öffentliche Wahrnehmung von Schönheit, zeigt ihre Machbarkeit, und sie lebt davon. Ist sie damit nicht eine multidimensionale Beauty-Influencerin?

"Nennen Sie mich bloß nicht so!" erwidert sie. "Mein Publikum ist schon etwas kritischer und hoffentlich nicht von mir beeinflusst, sondern inspiriert." Ihr ist klar, dass auch Inspiration heute eine Währung ist und sie Verantwortung gegenüber ihren Zuschauerinnen und Zuschauern trägt. Sie möchte sie nicht zum Konsum verleiten: "Make-up wird immer teurer. Noch ein Grund, warum meine eigenen Videos nicht gesponsert sind." Und dann erzählt sie, wie schwer es Marketinginteressenten wie Lancôme oder Chanel verständlich zu machen war, dass sie in den Tutorials auf ihrem Kanal ausschließlich Produkte verwendet, die sie wirklich getestet und für gut befunden hat. Die Lieblingsgeste der Beauty-Influencer, das Tubenindiekamerahalten, gehört nicht zu ihrem Repertoire. Marken nennt sie vergleichsweise selten, meist werden die beiläufig eingeblendet. Die von YouTube überwiesenen Werbeeinnahmen spendet sie wohltätigen Zwecken. Ihre Videos sind eher Meisterklassen des dekorativen Handwerks, viele ihrer Kolleginnen veranstalten Dauerwerbesendungen.

Auf Instagram existieren Marketing, professionelle Artistik und privates Schminkvergnügen nebeneinander. Die einen malen sich Licht- und Schattenzonen ins Gesicht, bis sie aussehen wie kakaobestäubte Dachse – genannt Contouring, Produkte und Hersteller werden eifrig markiert. Die anderen wollen aussehen, als seien sie ungeschminkt, und schminken sich dafür eine Stunde lang – genannt No-Make-up-Make-up. Einige malen sich Augenbrauen in Form eines Schokoriegels – passend zum Kakaostaublook, genannt Instabrows. Andere legen Wert darauf, dass die Brauen in die Form eines Federfächers gebracht werden – mit der Soap-Brows-Methode.

Wenn ich Mädchen mit bescheuertem Make-up sehe, wünsche ich ihnen viel Spaß!
Lisa Eldridge

Dazwischen immer mehr Leute, denen dieses Sperrfeuer von Eitelkeiten ziemlich auf die Nerven geht und die stattdessen innere Werte propagieren: Sind nicht alle von Natur aus schön? Groß, klein, dick, dünn, hell, dunkel, ganz egal. Die Macht der Schönheit, pah! Geht es nicht darum, gesellschaftliche Teilhabe durch Toleranz des Andersartigen zu ermöglichen? Sollte der zivilisierte Mensch nicht das Primat des Aussehens den Primaten überlassen?

"Die sozialen Medien haben in vielerlei Hinsicht einen sehr negativen Einfluss, aber man muss ihnen zugutehalten, dass sich endlich viele repräsentiert fühlen", sagt Eldridge. In den Neunzigern, der Ära der Supermodels, habe man in den Medien kaum People of Colour gesehen, keine Frauen über Größe 42, niemanden mit Piercings. Mädchen, die einfach etwas anders waren als der Durchschnitt in ihrer Kleinstadt, hätten sich oft allein gefühlt. Online finden sie heute Tausende, die ähnlich denken, ähnlich aussehen, ähnliche Interessen haben. Es gründen sich neue Gruppen, die nicht mehr lokal, sondern global organisiert sind. Eldridge nennt sie Stammesgemeinden, tribes.

"Schönheit wird immer tribal sein, weil der Ursprung von Make-up zuerst im Ritual, dann in der Religion lag. Ich habe das Gefühl, dass sich der tribale Aspekt heute noch verstärkt hat. Es gibt die Kardashian-Look-Gemeinde, die ungeschminkte Gemeinde, die Gemeinde der ungeschminkt Geschminkten. Wir sehen, was koreanische, chinesische oder australische Bloggerinnen machen. Und jede kann den Stil ausprobieren, der ihr gefällt." Nie würde sie einen Teenager davon abhalten, sich mit Farbe zu verunstalten. "Wenn ich Mädchen mit bescheuertem Make-up sehe, wünsche ich ihnen viel Spaß!" Es gehe ja darum, in all dem, was möglich ist, das zu finden, was einem entspricht. Und das kann morgen auch schon wieder ganz anders aussehen.

Schöne Haut bleibt

An ihren Fingern die vielen kleinen Edelsteinringe, die sie inzwischen selbst herstellen lässt. In ihren Händen die neuen Lippenstifte, deren Oberfläche matten Samt imitiert.

Was über alle Zeit in allen Kulturen ein Ideal geblieben ist: eine ebenmäßige Haut. Ein ausgeglichener Ton, eine glatte Struktur und ein leichter Schimmer im Gesicht wurden immer als schön empfunden. Evolutionsbiologen meinen, es seien die Jugend und ein gesundes Fortpflanzungsvermögen, die sich darin spiegeln. Und weil Menschen doch nur verfeinerte Affen sind, orientieren sie sich eben daran. Selbst wenn sie sich beim Sex längst nicht mehr nur fortpflanzen wollen.

"Ja, die Jugend schlägt überall durch. Und sobald man Pigmentflecken hat, gilt man nicht mehr als schön", sagt Lisa Eldridge. Wenn sie Kundinnen schminkt, widmet sie die meiste Aufmerksamkeit dem Teint. Haut war schon immer ihr Lieblingsspielfeld. Die Grundierung sollte leicht und fast durchsichtig wirken. Rötungen und Male werden danach mit einem stärker pigmentierten Produkt und einem Präzisionspinsel abgedeckt. Ihr YouTube-Publikum weiß das natürlich, Eldridge nennt diese Technik Pinpoint Concealing.

Wie viel Glanz die makellose Haut haben soll, ist von der Mode abhängig. Zurzeit hört man viel von Glass Skin, die so prall wirkt wie ein Kirmesapfel, oder Yoga Skin, die aussieht, als hätte sie gerade eine schweißtreibende Turnstunde hinter sich. Auch das nur Spielarten des Jugendwahns.

Trotz aller Globalisierung und Vernetzung halten sich aber auch manche Schönheitsideale aus regionalen Kulturen beständig. Hat Lisa Eldridge den Auftrag, für einen Kosmetikkonzern eine neue Produktreihe für einen lokalen Markt zu entwickeln, erforscht sie immer zuerst, wie diese Kultur geprägt ist: Was ist Pop, was läuft im Fernsehen, welche Traditionen werden gepflegt. Französinnen wollen nachlässig sexy aussehen, Japanerinnen eher zuckersüß verführerisch. Katzenaugen sind ein Ideal in westlichen Kulturen, die Ostasiatinnen streben eher nach der runden Form. "In Korea malt man einen Schatten unter die Augen und betont das Unterlid. Dort hält man das für niedlich und jugendlich. In westlichen Ländern empfindet man das als müde und alt. Sie betonen die Schwellung, hier will man sie loswerden."

Wenn so viele körperliche Merkmale an verschiedenen Orten der Welt unterschiedlich bewertet werden, kann man sich fragen, ob es das ultimativ Schöne wirklich gibt. Oder andersherum: Könnte eines Tages der Makel sogar aus der gesellschaftlichen Wahrnehmung ganz verschwinden? Beispiele dafür, dass ein Makel zum Ideal umkodiert werden kann, gibt es viele. Alexandra von Dänemark, die eine Narbe am Hals mit Juwelen verdeckte und wesentlich dazu beitrug, dass Halsbandcolliers Ende des 19. Jahrhunderts in Mode kamen. Oder Cindy Crawford, die sich in jungen Jahren für ihren Leberfleck schämte, bis er zu ihrem Markenzeichen wurde. Oder Cara Delevingnes buschige Augenbrauen, die vor ein paar Jahren einen neuen Trend begründeten.

Lisa Eldridge war daran nicht ganz unbeteiligt, Delevingne ist seit Jahren eine ihrer Stammkundinnen. "In einem meiner allerersten Videos hatte ich ein Model mit dichten Augenbrauen und die Leute kommentierten: ‘OMG, gruselig. Wäre ein guter Look geworden, aber du hättest die Augenbrauen zupfen müssen.’ Ich fand ihre Augenbrauen toll! Ich habe grundsätzlich kein Problem damit, Dinge ein wenig zu formen. Aber starke Korrekturen sind nicht meins." Delevingne sei einfach selbstbewusst genug aufgetreten und habe die Leute davon überzeugt, dass ihr Look gut sei. "Nehmt mich, wie ich bin, oder lasst es. Wenn Menschen es ernst meinen und so auftreten, tun es ihnen andere nach", sagt Eldridge.

Die Schminktäschchen der 1970er-Jahre in einer Schublade. Das britische Topmodel Twiggy (unten im Bild) bekam zu dieser Zeit seine eigene Lidschattenlinie.

Eine Szene aus der Londoner Tube, wie sie sich täglich tausendfach ereignet: Im Gang des überfüllten Waggons steht eine junge Frau, zückt einen Handspiegel und wirft einen prüfenden Blick hinein. Auf ihrer Stirn entdeckt sie einen Pickel, den sie dann sorgfältig abdeckt. Farbe auftragen, verteilen, prüfen, tupfen, prüfen, pudern, fertig. Alle können sehen, dass etwas in ihrem Gesicht war, dass da nicht sein sollte. Sie versteckt sich unter den Augen der Öffentlichkeit. Aber vor wem, wenn nicht vor der Öffentlichkeit? "Es ist doch schon mal schön, dass sie keine Angst hat, aus dem Haus zu gehen und Fremden ihr nacktes Gesicht zu zeigen", findet Lisa Eldridge. "Jeder verbindet etwas anderes mit Make-up. Vielleicht sollten wir zusammen durch die U-Bahnen gehen und alle fragen: Warum haben Sie sich heute geschminkt?"

Ja, warum. In den meisten Kulturen waren es Männer, die bestimmt haben, was schön ist und was nicht. Heute scheint es, als hätten Frauen die Wahl, sich jeden Tag neu zu entwerfen. Deshalb hält sich Eldridge in ihren Videos auch mit Regeln und Vorschriften zurück. Davon hätten Frauen schon genug gehört über die Jahrhunderte. Sie macht nur Vorschläge, und selbst die hinterfragt sie. "Man sollte immer viele verschiedene Blickweisen auf Make-up zulassen." Der These, dass Frauen sich seit Beginn der Zivilisation nur für Männer hübsch gemacht hätten, mag sie aber nicht zustimmen. "In Gesellschaften, in denen Frauen Freiheiten und Rechte hatten, wurde mehr Make-up getragen. Sogar von Männern. Ich glaube, wir Menschen haben den Drang, uns zu schminken. So drücken wir aus, wer wir sind und wie wir uns fühlen. Das auch kann ein Strich auf der Stirn sein oder blaue Farbe auf der Nase."

Sollte das ein anthropologisches Grundverständnis sein, das alle Menschen teilen, könnte es erklären, warum sich niemand darum schert, wenn sich die Leute öffentlich schminken, in der Bahn oder auf YouTube. Warum der Effekt der Optimierung nicht geschmälert wird durch das Wissen um seine Machart. Im Gegensatz zu Zaubertricks, die ihren Reiz verlieren, wenn man einmal weiß, in welcher Spiegelkiste die Assistentin hockt. Ein anderer Grund könnte die Auffassung sein, dass man nicht schön geboren sein muss, um schön zu werden. Helena Rubinstein, die in den 1920er-Jahren ihr Kosmetikunternehmen aufbaute, verbreitete den Slogan: "Es gibt keine hässlichen Frauen, nur faule." Und ihre Erzfeindin Elizabeth Arden pflichtete dem gewissermaßen bei, indem sie sagte, eine Frau müsse Geld ausgeben, um Geld zu verdienen.

Aber ist es wirklich so? Ist es die Arbeit und der unbedingte Wille, die Lisa Eldridge in den Menschen sieht, die sie schön findet? "Es klingt schon sehr abgedroschen, zu sagen, dass Schönheit von innen kommt. Aber ich schaue mir auch immer das Gesicht in Bewegung an. Ich möchte die Menschen sehen, wenn sie über etwas sprechen, das ihnen am Herzen liegt. Dann beginnt ihre Haut zu strahlen, die Augen leuchten."

Und Lisa Eldridge erzählt, wie sie mit ihrem Butterfly-Look für Cara Delevingne vor einigen Wochen mal wieder einen Trend gesetzt hat. Und wie sehr sie sich als Mädchen für Theaterschminke begeistern konnte. Und dann öffnet sie die vielen, vielen Schubladen und holt die Lieblingsstücke ihrer historischen Schminksammlung hervor. Und erklärt, warum sie so wahnsinnig gern im Labor mit den Chemikern an neuen Formeln arbeitet. Und von welchen Künstlern sie als junge Frau in Paris gar nicht genug bekommen konnte. Flaubert! Kubrick! Brâncuși! Hitchcock! Ihre Finger klimpern dabei in der Luft, als wollten sie ihre Worte malen. Und ihre Augen, die blitzen die ganze Zeit.

Dieser Artikel ist Teil des ZEIT-ONLINE-Schwerpunktes "Unheimlich schön" aus dem Ressort X. Eine Auswahl weiterer Schwerpunkte finden Sie hier.

Text: Rabea Weihser
Redigatur: David Hugendick, Meike Dülffer
Fotografie: Yumna Al-Arashi

Bildredaktion: Michael Pfister
Design: Christoph Rauscher