An ihren Fingern die vielen kleinen Edelsteinringe, die sie inzwischen selbst herstellen lässt. In ihren Händen die neuen Lippenstifte, deren Oberfläche matten Samt imitiert.

Was über alle Zeit in allen Kulturen ein Ideal geblieben ist: eine ebenmäßige Haut. Ein ausgeglichener Ton, eine glatte Struktur und ein leichter Schimmer im Gesicht wurden immer als schön empfunden. Evolutionsbiologen meinen, es seien die Jugend und ein gesundes Fortpflanzungsvermögen, die sich darin spiegeln. Und weil Menschen doch nur verfeinerte Affen sind, orientieren sie sich eben daran. Selbst wenn sie sich beim Sex längst nicht mehr nur fortpflanzen wollen.

"Ja, die Jugend schlägt überall durch. Und sobald man Pigmentflecken hat, gilt man nicht mehr als schön", sagt Lisa Eldridge. Wenn sie Kundinnen schminkt, widmet sie die meiste Aufmerksamkeit dem Teint. Haut war schon immer ihr Lieblingsspielfeld. Die Grundierung sollte leicht und fast durchsichtig wirken. Rötungen und Male werden danach mit einem stärker pigmentierten Produkt und einem Präzisionspinsel abgedeckt. Ihr YouTube-Publikum weiß das natürlich, Eldridge nennt diese Technik Pinpoint Concealing.

Wie viel Glanz die makellose Haut haben soll, ist von der Mode abhängig. Zurzeit hört man viel von Glass Skin, die so prall wirkt wie ein Kirmesapfel, oder Yoga Skin, die aussieht, als hätte sie gerade eine schweißtreibende Turnstunde hinter sich. Auch das nur Spielarten des Jugendwahns.

Trotz aller Globalisierung und Vernetzung halten sich aber auch manche Schönheitsideale aus regionalen Kulturen beständig. Hat Lisa Eldridge den Auftrag, für einen Kosmetikkonzern eine neue Produktreihe für einen lokalen Markt zu entwickeln, erforscht sie immer zuerst, wie diese Kultur geprägt ist: Was ist Pop, was läuft im Fernsehen, welche Traditionen werden gepflegt. Französinnen wollen nachlässig sexy aussehen, Japanerinnen eher zuckersüß verführerisch. Katzenaugen sind ein Ideal in westlichen Kulturen, die Ostasiatinnen streben eher nach der runden Form. "In Korea malt man einen Schatten unter die Augen und betont das Unterlid. Dort hält man das für niedlich und jugendlich. In westlichen Ländern empfindet man das als müde und alt. Sie betonen die Schwellung, hier will man sie loswerden."

Wenn so viele körperliche Merkmale an verschiedenen Orten der Welt unterschiedlich bewertet werden, kann man sich fragen, ob es das ultimativ Schöne wirklich gibt. Oder andersherum: Könnte eines Tages der Makel sogar aus der gesellschaftlichen Wahrnehmung ganz verschwinden? Beispiele dafür, dass ein Makel zum Ideal umkodiert werden kann, gibt es viele. Alexandra von Dänemark, die eine Narbe am Hals mit Juwelen verdeckte und wesentlich dazu beitrug, dass Halsbandcolliers Ende des 19. Jahrhunderts in Mode kamen. Oder Cindy Crawford, die sich in jungen Jahren für ihren Leberfleck schämte, bis er zu ihrem Markenzeichen wurde. Oder Cara Delevingnes buschige Augenbrauen, die vor ein paar Jahren einen neuen Trend begründeten.

Lisa Eldridge war daran nicht ganz unbeteiligt, Delevingne ist seit Jahren eine ihrer Stammkundinnen. "In einem meiner allerersten Videos hatte ich ein Model mit dichten Augenbrauen und die Leute kommentierten: ‘OMG, gruselig. Wäre ein guter Look geworden, aber du hättest die Augenbrauen zupfen müssen.’ Ich fand ihre Augenbrauen toll! Ich habe grundsätzlich kein Problem damit, Dinge ein wenig zu formen. Aber starke Korrekturen sind nicht meins." Delevingne sei einfach selbstbewusst genug aufgetreten und habe die Leute davon überzeugt, dass ihr Look gut sei. "Nehmt mich, wie ich bin, oder lasst es. Wenn Menschen es ernst meinen und so auftreten, tun es ihnen andere nach", sagt Eldridge.

Die Schminktäschchen der 1970er-Jahre in einer Schublade. Das britische Topmodel Twiggy (unten im Bild) bekam zu dieser Zeit seine eigene Lidschattenlinie.

Eine Szene aus der Londoner Tube, wie sie sich täglich tausendfach ereignet: Im Gang des überfüllten Waggons steht eine junge Frau, zückt einen Handspiegel und wirft einen prüfenden Blick hinein. Auf ihrer Stirn entdeckt sie einen Pickel, den sie dann sorgfältig abdeckt. Farbe auftragen, verteilen, prüfen, tupfen, prüfen, pudern, fertig. Alle können sehen, dass etwas in ihrem Gesicht war, dass da nicht sein sollte. Sie versteckt sich unter den Augen der Öffentlichkeit. Aber vor wem, wenn nicht vor der Öffentlichkeit? "Es ist doch schon mal schön, dass sie keine Angst hat, aus dem Haus zu gehen und Fremden ihr nacktes Gesicht zu zeigen", findet Lisa Eldridge. "Jeder verbindet etwas anderes mit Make-up. Vielleicht sollten wir zusammen durch die U-Bahnen gehen und alle fragen: Warum haben Sie sich heute geschminkt?"

Ja, warum. In den meisten Kulturen waren es Männer, die bestimmt haben, was schön ist und was nicht. Heute scheint es, als hätten Frauen die Wahl, sich jeden Tag neu zu entwerfen. Deshalb hält sich Eldridge in ihren Videos auch mit Regeln und Vorschriften zurück. Davon hätten Frauen schon genug gehört über die Jahrhunderte. Sie macht nur Vorschläge, und selbst die hinterfragt sie. "Man sollte immer viele verschiedene Blickweisen auf Make-up zulassen." Der These, dass Frauen sich seit Beginn der Zivilisation nur für Männer hübsch gemacht hätten, mag sie aber nicht zustimmen. "In Gesellschaften, in denen Frauen Freiheiten und Rechte hatten, wurde mehr Make-up getragen. Sogar von Männern. Ich glaube, wir Menschen haben den Drang, uns zu schminken. So drücken wir aus, wer wir sind und wie wir uns fühlen. Das auch kann ein Strich auf der Stirn sein oder blaue Farbe auf der Nase."

Sollte das ein anthropologisches Grundverständnis sein, das alle Menschen teilen, könnte es erklären, warum sich niemand darum schert, wenn sich die Leute öffentlich schminken, in der Bahn oder auf YouTube. Warum der Effekt der Optimierung nicht geschmälert wird durch das Wissen um seine Machart. Im Gegensatz zu Zaubertricks, die ihren Reiz verlieren, wenn man einmal weiß, in welcher Spiegelkiste die Assistentin hockt. Ein anderer Grund könnte die Auffassung sein, dass man nicht schön geboren sein muss, um schön zu werden. Helena Rubinstein, die in den 1920er-Jahren ihr Kosmetikunternehmen aufbaute, verbreitete den Slogan: "Es gibt keine hässlichen Frauen, nur faule." Und ihre Erzfeindin Elizabeth Arden pflichtete dem gewissermaßen bei, indem sie sagte, eine Frau müsse Geld ausgeben, um Geld zu verdienen.

Aber ist es wirklich so? Ist es die Arbeit und der unbedingte Wille, die Lisa Eldridge in den Menschen sieht, die sie schön findet? "Es klingt schon sehr abgedroschen, zu sagen, dass Schönheit von innen kommt. Aber ich schaue mir auch immer das Gesicht in Bewegung an. Ich möchte die Menschen sehen, wenn sie über etwas sprechen, das ihnen am Herzen liegt. Dann beginnt ihre Haut zu strahlen, die Augen leuchten."

Und Lisa Eldridge erzählt, wie sie mit ihrem Butterfly-Look für Cara Delevingne vor einigen Wochen mal wieder einen Trend gesetzt hat. Und wie sehr sie sich als Mädchen für Theaterschminke begeistern konnte. Und dann öffnet sie die vielen, vielen Schubladen und holt die Lieblingsstücke ihrer historischen Schminksammlung hervor. Und erklärt, warum sie so wahnsinnig gern im Labor mit den Chemikern an neuen Formeln arbeitet. Und von welchen Künstlern sie als junge Frau in Paris gar nicht genug bekommen konnte. Flaubert! Kubrick! Brâncuși! Hitchcock! Ihre Finger klimpern dabei in der Luft, als wollten sie ihre Worte malen. Und ihre Augen, die blitzen die ganze Zeit.

Dieser Artikel ist Teil des ZEIT-ONLINE-Schwerpunktes "Unheimlich schön" aus dem Ressort X. Eine Auswahl weiterer Schwerpunkte finden Sie hier.

Text: Rabea Weihser
Redigatur: David Hugendick, Meike Dülffer
Fotografie: Yumna Al-Arashi

Bildredaktion: Michael Pfister
Design: Christoph Rauscher