Wer lässt den Mann noch ran? – Seite 1

Was hat unsere Welt in der vergangenen Dekade kulturell geprägt? In der Miniserie "Die Zehner" spüren wir den kleinen und großen Revolutionen dieser Jahre nach. Hier sammeln wir nach und nach alle Artikel zum Thema.

Es ist nicht wegzudiskutieren: Der weltweite Aufstieg homophober, sexistischer und rassistischer Patriarchen, die unablässig mit ihrem Reichtum, ihrer Macht und ihrer Potenz prahlen, von Donald Trump über Boris Johnson bis zu Erdoğan, Salvini und Orbán, hat die Politik der vergangenen Dekade überschattet. Warum sich so viele Menschen – darunter offenkundig auch viele Frauen – nach dieser Art von krumm gehobelten Führerfiguren sehnen, bleibt eines der großen Rätsel der Zehnerjahre. Man konnte eine historische Rückwärtsorientierung von Männern beobachten und auch eine flächendeckende Verwahrlosung, sowohl in ästhetischer Hinsicht wie auch in Bezug auf ihre Manieren und Umgangsformen. Was ist eigentlich los mit der Männlichkeit? Warum wurden erfolgreiche und wirkmächtige Männerbilder zuletzt vor allem von rechts definiert?

Ihr Aufstieg kam freilich nicht aus dem Nichts, er wurde mit einigen Jahren Vorsprung in der Popkultur vorbereitet. Wenn wir auf das Jahr 2010 zurückblicken, stellen wir fest, dass sich das Charaktermodell des politisch inkorrekten Mannes damals gerade auch unter generell liberal gestimmten Beobachtern einer großen Beliebtheit erfreute. Als erfrischend und originell wurden in jener Zeit vor allem Männer betrachtet, die sich in rhetorischer und sozialer Weise gegenüber Frauen grundsätzlich abwertend und abweisend verhalten, wie Dr. House aus der gleichnamigen Serie oder Don Draper aus Mad Men. Es waren Männer, die mit der zivilisatorischen Verfeinerung der Geschlechterverhältnisse in den späten Neunziger- und frühen Nullerjahren grob brachen und entsprechend auch mit dem Verständnis von Männlichkeit. Wie würde man eigentlich Dr. House heute sehen und bewerten, wenn die Serie noch einmal ganz neu ins Programm käme?

Die hegemoniale Männlichkeit verschob sich in den Zehnerjahren aber nicht nur nach rechts; diese Verschiebung verband sich mit einem generellen Verlust an männlichem Stilbewusstsein. Selbst die Nazis sahen ja früher besser aus: Man betrachte beispielsweise noch einmal die Auftritte des Neonaziführers Michael Kühnen in den Achtzigerjahren, es war ein fescher Kerl mit scharfen Zügen und einer ebenso geschnittenen Frisur, der gern in schwarzen Ledermänteln posierte wie kurz vor ihm noch David Bowie als Thin White Duke. Er umgab sich und seine Gefolgschaft mit einer Aura der Gefahr und des Bösen und hörte gern gute Musik von okkultistisch interessierten Neofolkbands wie Death in June. Die Erotik, die Michael Kühnen verströmte, konnte man selbst dann interessant finden, wenn man nicht zur Gruppe der Holocaustleugner gehörte; er war schwul und starb 1991 an Aids.

Hingegen wirken die rechten Männer von heute, die man in der AfD und der Identitären Bewegung findet, bloß noch wie unzufriedene verklemmte Bankangestellte: mit ihren randlosen Brillen und mühsam unterdrückten Gewaltfantasien. Es geht keine Souveränität von ihnen aus – dazu präsentieren sie sich auch allzu ausgiebig als Opfer des Systems, der Eliten, der Lügenpresse und des Feminismus oder von alldem zusammen. Sie werden von keiner Aura des anziehend Bösen umleuchtet, weil sie entweder jammern oder brüllen; sie sind öde angezogen und es umgibt sie nichts Sexuelles. Und wenn sie überhaupt über Sex reden, dann vom "Genderwahn" oder über die schändliche Hyper- oder auch Frühsexualisierung in der Gesellschaft: Sex, das ist für sie etwas, von dem es überall viel zu viel gibt und dessen Herrschaft zurückgedrängt werden muss. Die Männer der Neuen Rechten in Deutschland sind freud- und lustlose Figuren, deren Libido keine Perspektive besitzt außer dem Rücksturz in die Restauration des Patriarchats: Blümchensex bei gelöschtem Licht.

Das prägendste Männlichkeitsmodell in der gegenwärtigen Popmusik wird – jedenfalls im deutschsprachigen Raum – wiederum von den sogenannten Straßen- oder Gangsterrappern gestellt. Diese inszenieren sich als omnipotente Typen, denen es um nichts anderes geht als um Reichtum, Macht und Statussymbole; um den – gleich mit welchen Mitteln – erzielten Erfolg im unablässigen Kampf aller gegen alle. Anders als bei den Männern der Neuen Rechten wird hier Sex zwar häufig zum Thema, doch geht es dabei nicht um Lust, Genießen oder Erotik, sondern um Sex als Mittel zur Selbstermächtigung und Erniedrigung anderer. Frauen werden hier ausschließlich als Objekte betrachtet, als willige Schlampen oder Prostituierte – oder eben als Anhängsel anderer Männer, deren sexuelle Eroberung oder brutale Behandlung den Konkurrenten hinsichtlich seiner Potenz erniedrigt.

Dass ein unter jungen Hörern derart dominantes musikalisches Genre so flächendeckend patriarchal, sexistisch und homophob geprägt ist – das ist ein in der Geschichte der deutschen Popmusik neuartiges Phänomen, das viel über die Gesellschaft verrät, aus der es erwachsen ist. Neu ist allein schon der Umstand, dass eine ganze Generation junger Männer mit einer Art von Popmusik aufwächst, in der es keine Liebeslieder mehr gibt und auch keine Lieder über Liebeskummer. Die über Jahrzehnte gültige Boy-meets-girl-and-girl-leaves-boy-now-boy-is-very-sad-Formel besitzt hier keine Bedeutung mehr. Männer erscheinen in diesem Genre nicht mehr als Wesen, die lieben und leiden und sich vergebens romantisch verzehren, sondern lediglich als Typen, die mit ihrer Eroberungsfähigkeit und Brutalität prahlen.

Dazu passt, dass zu den beliebtesten Genres in der aktuellen Porno-Bewegtbild-Industrie die cuckold-Filme gehören, in denen der Sex von einem hyperpotenten Mann mit einer Frau vor den Augen deren impotenten Ehemanns vollzogen wird. Wobei dessen Impotenz wahlweise biologisch begründet sein kann (der Betreffende kriegt eben keinen hoch) oder – häufiger – daraus rührt, dass er von dem dominanten Teilnehmer der Szene zum Zuschauen gezwungen und gefesselt oder geknebelt oder sonst wie erniedrigt wird. In der Sprache der Neuen Rechten in den USA – von der Alt-Right-Bewegung bis zum komplizierten Feld der Konkurrenten in Donald Trumps Entourage – hat sich die Rezeption dieses Genres im Begriff des cuckservative niedergeschlagen. Damit sind Konservative gemeint, die nicht potent genug sind, um in der Härte der politischen Auseinandersetzungen ihren Mann zu stehen. Wer wiederum einen Konkurrenten am Aufstieg in höhere politische Positionen zu behindern vermag, darf sich des Cockblockings rühmen, also der Verhinderung des Einsatzes des Schwanzes.

Der Schmerz ständiger Zurückweisung

In den USA sind die Sprache und die Selbstverständigung rechter Männer also weit stärker sexualisiert als in Deutschland. Dort spielt aber auch der maßlos übersteigerte Größenwahn eine stärkere Rolle, also die Frage, wer von allen Männern den Längsten hat. Das gilt in der Politik ebenso wie in der Popkultur: So wie der bedeutendste Politiker in der zweiten Jahrzehnthälfte, Donald Trump, sich unablässig als größten amerikanischen Führer aller Zeiten preist, so wurde der bedeutendste Popstar der ersten Jahrzehnthälfte, Kanye West, nicht müde, sich mit Gott, Jesus Christus, dem Heiligen Geist, dem Heiligen Paulus oder doch wenigstens Pablo Picasso zu vergleichen. Auch ließ er in seinen Selbsteinschätzungen nicht den geringsten Zweifel daran, dass seine Musik besser und bedeutender ist als alles, was jemals zuvor von irgendwem aufgenommen wurde.

Der größenwahnsinnige und hyperpotente Mann findet sein dialektisches Gegenbild im Typus des viktimisierten Mannes. Also in jenem Mann, der sich als Opfer der Umstände und Zustände betrachtet und aus der Empfindung des Zu-kurz-gekommen-Seins die Legitimation für Zorn, Wut, Hass und Gewaltanwendung zieht. In die Opferposition kann man sich beispielsweise dadurch gerückt fühlen, dass einem der nach eigener Ansicht zustehende ökonomische Wohlstand von anderen Männern streitig gemacht wird; dass man also nicht so reich, potent und sorgenfrei leben kann, wie man es eigentlich doch verdient (zum Beispiel qua Herkunft oder Staatsangehörigkeit). Zugleich gibt es bei dieser Viktimisierung eine starke sexuelle Komponente: Diese besteht darin, dass viele Männer sich sexuell zurückgesetzt fühlen und die Schuld daran in der weiblichen Emanzipation der letzten Jahrzehnte suchen. Jedenfalls zählt zu den wesentlichen Konstanten des Männlichkeitsbilds in den – ansonsten ja durchaus unterschiedlich ausgeprägten – Filiationen der Neuen Rechten in den USA und Europa der Hass auf die befreite Frau.

Die US-amerikanische Philosophin Kate Manne ist in ihrem – 2019 auch auf Deutsch erschienenen – Buch Down Girl. Die Logik der Misogynie der Frage nachgegangen, warum der Frauenhass gerade in einer Zeit wieder wächst, in der Frauen immer stärkeren Anteil am gesellschaftlichen und kulturellen Leben gewinnen. Er wächst, so schreibt Manne, gerade deswegen: Misogynie entsteht und verstärkt sich, wenn Frauen auf ein Terrain vordringen, das Männer für sich allein beanspruchen; und wenn Frauen sich nicht mehr so verhalten, wie es von ihnen erwartet wird. In der patriarchalen Gesellschaft sind sie zu fürsorgenden, empathischen, "gebenden" Wesen bestimmt, gleich ob in der Rolle der Mutter, der Sexualpartnerin, der Mitarbeiterin oder der Konkurrentin auf dem Arbeitsmarkt. Wenn sie sich diesen Erwartungen verweigern, wenn sie also selbst nach Souveränität streben oder von Männern das fordern, was in deren Vorstellung bloß die Frauen zu geben haben – dann fühlen sich manche Männer als Opfer, denen etwas genommen wird, das ihnen zusteht. Aus diesem Selbstbild erwächst ein Hass, der sich in verächtlicher Sprache oder sexueller Gewalt bis hin zum Mord manifestieren kann.

Der aus dieser Lage resultierende Typus des nach eigener Ansicht sexuell zu kurz gekommenen Mannes ist in den Zehnerjahren als Incel bekannt geworden: Dieser sieht sich als Opfer eines involuntary celibacy, eines unfreiwilligen Zölibats. Die New Yorker Kulturwissenschaftlerin Angela Nagle hat in ihrem 2017 erschienenen Buch Kill All Normies (in Deutsch 2018 als Die digitale Gegenrevolution) dargelegt, wie die Selbstbemitleidung der Incels im Lauf der Zehnerjahre in Hass umgeschlagen ist und welche Rolle die sich in Internetforen wie reddit aufstachelnden Männer bei der Durchsetzung des Alt-Right-Gedankenguts gehabt haben: "Der Niedergang der Monogamie hat sexuelle Muster hervorgebracht, die für eine Elite von Männern eine größere sexuelle Wahlfreiheit bedeuten, für eine beträchtliche männliche Bevölkerungsschicht am unteren Ende der Hackordnung jedoch zunehmend weniger Sex. Deren Angst und Wut über ihren niedrigen Status sind exakt die Gründe für die harte Rhetorik, mit der sie die Durchsetzung von politischer Hierarchie gegenüber Frauen und Nichtweißen fordern. Der Schmerz ständiger Zurückweisung schwärt in diesen Foren und erlaubt diesen Männern, sich als Meister der grausamen natürlichen Hierarchien zu fühlen, die ihnen so viel Demütigung zugefügt haben." 

Aus dem ideologischen Gehege der Incels ist eine Vielzahl von brutalen, misogynen Shitstorms gegen emanzipierte Frauen hervorgegangen. Die ersten und prominentesten davon richteten sich gegen Journalistinnen und auch gegen Softwaredesignerinnen, die es wagten, in die von diesen Männern exklusiv für sich beanspruchte Gamingwelt einzudringen (wie etwa 2014 gegen die Spieleentwicklerin Zoë Quinn). Außerdem tauchte die Incel-Ideologie zunehmend in den Pamphleten rechts geprägter, mordender Männer auf, wie bei dem Studenten Elliot Rodger, der 2014 versuchte, die Bewohnerinnen eines kalifornischen Studentinnenwohnheims zu massakrieren, oder zuletzt in Deutschland bei dem Attentäter in Halle, der sich unter anderem als Vorreiter einer weltweiten "Incel-Rebellion" beschrieb.

Diese Art der Maskulinität wird auf der anderen Seite des politischen Spektrums als toxisch bezeichnet. Hier finden sich all jene Männer, die ihre Sexualität einem detox unterziehen, also von jeder Art der Gewalttätigkeit und Dominanz befreien wollen. Auch hier lässt sich ein buntes Sammelsurium von Typen beschreiben, vom Metrosexuellen über den Hafermilchmann bis zu den Trägern antitoxischer Bärte. Alle diese Männer wollen weich, gefühl- und verständnisvoll wirken. Darum haben sie – anders als die meist glatt rasierten Männer der Neuen Rechten – auch ein derart ausgeprägtes Faible für buschigen Gesichtsbewuchs. Ihre Bärte tragen sie, zumindest in christlich geprägten Gesellschaften, gerade nicht als Ausweis einer naturbelassenen Virilität, sondern als paradoxes Zeichen der Verweiblichung und Verweichlichung: Wichtig ist nicht die maskuline Potenz, die sich in der archaischen Behaarungsanmutung zeigt, sondern die im gewachsenen Bart zur Erscheinung gelangende Dauer des Wachsens selbst. Es sind Bärte der Renitenz und der Prokrastination; sie stehen für ein lustvolles Sich-nicht-entscheiden-Können und passives Gewährenlassen. Prägende Träger solcher Bärte des Werdens und Wartens sind seit Mitte der Nullerjahre Neofolksänger wie Devendra Banhart, Bonnie "Prince" Billy oder die Fleet Foxes. Der bedeutendste neue Bartträger, der in den Zehnerjahren erstmals die Bühne betreten hat, entspringt wiederum dem Feld der Literatur: Es handelt sich um den norwegischen Schriftsteller Karl Ove Knausgård, der mit seiner melancholischen Virilität und seinen ebenso radikal entschleunigten wie endlos wuchernden Büchern zum meistangeschmachteten Sexsymbol der gebildeten Mittelschichtsfrauen wurde.

"Snowflakes" und verunsicherte Neosofties

Nicht alle Bärte bezeugen natürlich eine antitoxische Männlichkeit oder liberale Gesinnung. Ebenfalls in den Zehnerjahren ist der aufwendig und regelmäßig gestutzte, geölte und behandelte sogenannte Hipsterbart zum Supersymbol pseudoindividualistischer Angepasstheit an die neoliberale Wettbewerbsgesellschaft geworden. Der gegenwärtig bekannteste deutsche Träger eines neoliberalen Chef- und Untertanenbarts ist der Start-up-Unternehmer und neue Verleger der Berliner Zeitung, Holger Friedrich. Und natürlich kann man den Bartbewuchs auch zum populistischen Zeichen des heroischen Widerstands gegen die hyperkulturalisierten und von der wahren Welt entfremdeten Eliten umwidmen, wie es zum Beispiel in Italien von Matteo Salvini von der Lega praktiziert wird.

Nicht nur politisch, auch als Mann erscheint Barack Obama mit seinen guten Manieren, der gepflegten Sprache, den gut sitzenden Anzügen und seiner zurückhaltenden, aber dadurch interessanten erotischen Ausstrahlung wie die größte denkbare Antithese zu seinem Nachfolger Donald Trump. Andererseits kann man Obama in einer bestimmten Hinsicht gerade auch als Vorläufer Trumps und der größenwahnsinnigen Männer der Gegenwart betrachten: nämlich als messianischen Typus, der immerhin seinerseits nicht weniger versprach als eine grundstürzende Veränderung der globalen Verhältnisse zum Besseren hin. Wie es mit solchen Versprechen ist, erweisen sie sich alsbald als nicht einzuhalten; nach dem Ende von Obamas zweiter Amtszeit 2016 ging der Messianismus in der Politik an Kinder und Frauen über. Eine Zwergenvariante dieses Messianismus in der deutschen Politik findet sich bei Robert Habeck, der in seinem Natürlichkeit symbolisierenden Bartfrisurstil und seinem hemdsärmeligen Auftreten in stilistischer Hinsicht seinem scheinbaren Politik-Antipoden Salvini übrigens erstaunlich nahekommt.

Die wichtigsten Fortschritte in der sexuellen Emanzipation haben wir in den Zehnerjahren natürlich der #MeToo-Bewegung zu verdanken; hier waren es ausschließlich Frauen, die die Impulse setzten. Wenn Männer im #MeToo-Zusammenhang auftauchten, dann als Täter oder Leugner oder eingebildete Opfer – oder als verständnisvolle, aber auch fundamental verunsicherte Neosofties, die sich in die neuen Verhältnisse einzufügen versuchten durch den Beweis besonderer Sensibilität, sexueller Unauffälligkeit und Zurückhaltung. Damit passen sie perfekt zu jener Generation, für die in den Zehnerjahren der Begriff snowflake gängig geworden ist. Das Collins English Dictionary, das ihn 2016 erstmals verzeichnete, definiert "Schneeflocken" als Angehörige einer Alterskohorte, die "als weniger belastbar und anfälliger für Beleidigungen angesehen wird als frühere Generationen".

Auf den Bühnen der deutschen Popkultur gab es wenigstens in der ersten Hälfte der Zehnerjahre eine Konjunktur solcher männlichen Snowflakes, sie hießen beispielsweise Tim Bendzko, Philipp Poisel und AnnenMayKantereit; lauter Typen, die in etwa so wirkten, als seien sie als antimachistische Idealtypen von einem feministischen Uniseminar ausgedacht worden. Doch gerade damit waren die feministischen Kommentatorinnen nun auch wieder nicht zufrieden. So Nina Pauer im Jahr 2012 in der ZEIT, unter lautem Beifall ihrer Leserinnen: "Auf die junge Frau wirkt die neue männliche Innerlichkeit, das subtile Nachhorchen in die tiefsten Windungen der Gefühlsregungen, schrecklich kompliziert. Und auf die Dauer furchtbar unsexy."

Wie man es macht, macht man es eben falsch. Tatsächlich ist es ja keine triviale Aufgabe, wenn man die männliche Sexualität einem detox unterziehen und zugleich den Eindruck einer erotisch anziehenden Souveränität wahren will. In den Zehnerjahren ist dies nur wenigen Heterosexuellen gelungen: Sicher gehört dazu Adam Driver, der die maskulinen Prägungen aus seiner Vergangenheit bei den Marines in anregender Weise mit den Selbstzweifeln des antitoxischen Neosofties verbindet. Diesen dialektischen Männlichkeitsentwurf, der gleichermaßen intro- wie extrovertiert, passiv wie souverän erscheint, hat er gerade in dem von Kritik und Publikum so sträflich unterschätzten neuen Star-Wars-Film Der Aufstieg Skywalkers zu einer Paraderolle auszubauen verstanden. Ansonsten wurden nennenswerte Modelle von origineller, reflektierter und anziehender Männlichkeit in den letzten zehn Jahren vor allem von schwulen, transgender oder sonst wie queer geprägten Männern entwickelt, beispielsweise von Frank Ocean und Harry Styles, von Lil Nas X, Anohni und Conchita Wurst.

Für den bekennendermaßen heterosexuellen und zugleich nicht reaktionären Mann sind die Zehner eine schwierige Dekade gewesen. Alle scheinbaren Selbstverständlichkeiten gerieten von rechts wie von links unter Druck; in gewisser Hinsicht ist er im letzten Jahrzehnt an den Nullpunkt seiner Performance gelangt. Dass es von dort aus nur wieder nach oben oder wenigstens irgendwo anders hingehen kann – das ist das matte Versprechen, mit dem wir in die Zwanziger wechseln.