Das Schöne am Nationalismus ist, dass er von allen -ismen der strunzdümmste ist. Solange er nicht zum beherrschenden Diktat wird, schaut man amüsiert zu, denn nichts ist so unterhaltsam wie Nationalisten, die nationalistische Forderungen stellen. Matteo Salvini, Chef der faschistischen Lega, hat während eines Wahlkampfauftritts mitgeteilt, dass er künftig die Nussnougatcreme des italienischen Lebensmittelkonzerns Ferrero boykottieren wird. Die Begründung dafür ist, dass er entdeckt habe, dass Nutella türkische Nüsse verwendet.    

Man fragt sich, was Hobby-Columbus Salvini machen wird, wenn er "entdeckt", dass das ganze Produkt des italienischen Unternehmens mithilfe unitalienischer Lebensmittel zusammengerührt wird. Nutella ist, wie viele andere Süßwaren auch, das Ergebnis von Invasion und open-border. Weder das Palmöl noch die Schokolade, auch der Zucker stammen nicht aus Italien. Jemand muss Salvini auch vorsichtig beibringen, dass Espresso nicht aus Kaffeefrüchten vom ligurischen Lavazzastrauch besteht, sondern ein original afrikanisches Produkt ist. An Ferrero hat er folgenden Appell gerichtet: "Kauft italienischen Zucker, kauft italienische Haselnüsse, kauft italienische Milch." Man könnte natürlich, um ihm den Konsum seiner täglichen Lebensmittel zu erleichtern, auf den türkischen Haselnussplantagen (fast alle Haselnüsse auf dem Weltmarkt stammen aus der nördlichen Türkei) entlang der Schwarzmeerküste die italienische Flagge hissen. Dann bliebe aber immer noch das Problem, dass die Haselnüsse von Muslimen gepflückt wurden. Passt das noch ins enge nationalistische Konzept? 

Es ist immer dasselbe. Alle paar Monate erreicht einen das folkloristisch anmutende SOS irgendeines Hardcore-Nationalisten, der sich aus Gründen der heimischen Kulturpflege der kosmopolitischen Vielfalt entledigen will. Vor allem als Italiener bleibt einem am Ende nicht viel mehr übrig, als eine Tüte Rosinen anzubeten. Die Nudel kommt aus China, Kaffee und Naschwerkkultur aus dem Orient, und gezählt wird nicht in römischen, sondern arabischen Ziffern. Der Italiener wäre ohne die arabische und afrikanische Hilfskultur ein in Römersandalen hungernder Mann. Na gut, seine Fahne, die gehört ihm. Die kann er guten Gewissens den ganzen Tag hissen.

Nationalisten wollen immer säubern. Das ist ihr Urtrauma. Dass sie sich von Fremdheit beschmutzt sehen. 2007 wollte die damalige Lega Nord "eine ethnische Säuberung gegen Schwuchteln durchführen". 2009 hat sie ihre bis dahin größte Ausländeraktion in Coccaglio durchgeführt. Man wollte bis Weihnachten die Stadt von Ausländern "säubern" und nannte den Vorgang "White Christmas". Weiß natürlich nicht im Sinne von Schnee, sondern von heller Hautfarbe. 

Weihnachten ist ja nun von allen religiösen Festen erstens die Erfindung der Patchworkfamilie und zweitens besteht sie aus lauter PoCs. Das war auch das schrecklich alberne an den Pegida-Ossis, die eine Beschmutzung des Abendlandes durch die Orientalen witterten. Das Christentum ist eine orientalische Religion. Jesus kam nicht im Erzgebirge zur Welt. 

Wie unter eine Glocke

Klerikale Hardcore-Nationalisten, wie es sie gerade wieder in Ungarn, Polen, in Italien sowieso und inzwischen häufiger auch wieder in Deutschland gibt, haben übrigens mehrere Spezialitäten. Eine davon ist neben ihrem allgemeinen Rassismus, ihr ausgeprägter Hang zum Antisemitismus. Man kann eigentlich nicht guten Gewissens ein antisemitischer Nationalist sein, der Weihnachten feiert. Es sei denn, man ist völlig plemmplemm. Schließlich feiert man die Geburt eines Juden. Jesus kam als Jude auf die Welt und starb als Jude. Er war ein Orientale und er hatte mit Sicherheit keine blonden Haare und helle Haut, sondern ähnelte phänotypisch eher einem Nafri als einem Deutschen, Tschechen oder Polen.

Die europäische Kultur tut alles, um ihre kosmopolitischen Einflüsse zu vergessen, zu negieren oder umzudeuten. Es gibt auf dieser Welt nur noch sehr wenige Kulturen, die wie unter einer Glocke Jahrtausende unter sich waren und etwas Eigenes bewahrt haben. Die chinesische Kultur zählt vielleicht dazu oder die indische. Aber eigentlich gibt es das nicht. Die Idee, dass ein Mensch mit seinem Blut und seiner Zugehörigkeit, seinen Riten, seiner Religion, Kultur und Sprache sich losgelöst von äußeren Faktoren entwickelte, ist eine zutiefst faschistische Idee. 

Der Faschismus wie auch der Nationalismus funktionieren nur, wenn man die Völkerwanderungen und Vermischungen der Genpools vergessen machen möchte. Wer zu seinem christlichen Gott betet, befindet sich damit im Zentrum des Orient. Jesus sprach aramäisch. Die Sprache des höchsten christlichen Propheten wird nicht in Dresden gesprochen, sondern in Rojava, da wo die syrischen Kurden herkommen, in Syrien, im Irak, in einigen Straßenzügen im Zentrum von Diyarbakir. Wer dahin will, wo Noahs Arche strandete, wo der Heilige Nikolaus zur Welt kam, wo Moses im Körbchen gefunden wurde, wer alles das zurückverfolgen will, was man die christlich-jüdische Kultur des Abendlandes nennt, muss das weiße Europa verlassen.

Auch deshalb kriegen viele Orienteuropäer vor Kopfschütteln manchmal einen steifen Hals. Wenn die ganz Schlauen unter ihnen einem wieder "ihre" christliche Kultur dozieren wollen. Es ist doch alles importiert, will man ihnen zurufen. Die, denen ihr es erklärt, sind doch von dort. Ist wie mit Nutella. Alle Ingredienzien sind ausländischen Ursprungs. Wer etwas originär Polnisches, Ungarisches, Italienisches oder Deutsches anbeten will, müsste einen Altar um eine Handvoll Eicheln bilden. Vielleicht vermischt mit etwas keltischem Klimmbimm. Das wäre in der Tat heimisch. Mehr war hier auf der europäischen Kontinentalplatte erst mal nicht drin. Ist es nicht seltsam, dass die deutschen Faschisten sogar noch zu fantasielos waren, um sich ein eigenes nationalistisches Symbol auszudenken? Selbst dabei mussten sie sich noch von den Ausländern beleihen. Das Hakenkreuz, das man jetzt wieder besonders häufig im öffentlichen Raum sieht, ist das religiöse Symbol der Hindus und davor war es das Sonnenzeichen der Inder. 

Regelmäßig doziert man den hohlen Fahnenstangen ihre eigene Kultur, leitet sie geduldig ab, aber es bringt nichts. Sollen sie halt auf Nutella verzichten und Tannenharz lutschen.