Ich habe lange gebraucht, bis ich mich überhaupt getraut habe, etwas zu fühlen, wenn es um Rassismus ging. Wut, Trauer, Frust. Doch diese Gefühle sind für mich unausweichlich, einfach nur, weil ich so geboren wurde, wie ich bin, als Schwarze Frau. Sie sind unausweichlich, weil die Welt kein gerechter Ort ist für Menschen wie mich. Und auch wenn mir heute oft unterstellt wird, ich mache "ein zu großes Ding" aus "dem Rassismusthema" – die meiste Zeit meines Lebens habe ich damit verbracht, genau das Gegenteil zu tun. Die zahlreichen Sprüche zu meinen Haaren und meiner Haut, die rassistischen Bemerkungen meiner Mitmenschen verdrängte ich. Solange ich nicht vorsätzlich beleidigt oder bedroht wurde, war es kein Rassismus für mich. Mir ging es ja gut. Ich kam klar.

Doch je mehr ich mich mit dem Thema auseinandersetzte, desto mehr merkte ich, dass doch eine Menge unaufgearbeiteter Gefühle in mir schlummerten. Dass diese größtenteils nicht böse gemeinten "Nichtigkeiten" an mir nagten. Sie endlich ernst zu nehmen, nicht zu verstecken und offen zu kommunizieren, war ein wichtiger Schritt für mich.

Der Diskurs über Rassismus ist nicht einfach nur Diskurs. Gerade für Betroffene bedeutet eine Diskussion über dieses Thema einen emotionalen Aufwand, der oft nicht gewürdigt wird. Denn sich mit dem Umstand zu beschäftigen, dass es eine gesellschaftliche Auffassung darüber gibt, man sei weniger wert als andere Menschen, ist schmerzlich.

Irgendwann fing ich an, persönliche Texte über Rassismus zu schreiben. Das tat mir gut. Einmal die Wut hochkochen und raussprudeln, die Tränen in die Augen schießen lassen und sauer sein. Und das nicht versteckt hinter den Wänden meines Schlafzimmers. Sondern laut und für alle sichtbar.

Sobald die Texte in der Welt waren, folgten natürlich die Kommentare von Leser*innen. Von Rassismus Betroffene teilten mir mit, dass sie sich weniger allein fühlten und es befreiend fanden, ihre Gefühle endlich einmal als legitim bewertet zu lesen. Weiße Menschen sagten mir, sie hätten etwas über Rassismus verstanden, was sie vorher nicht verstanden hätten. Ich freute mich, dass sie endlich etwas gegen den Rassismus in unserer Gesellschaft tun wollten. Auf die Frage aber, warum sie nicht mehr rassistisch handeln sollten, antworten viele weiße Menschen: "Weil ich jetzt weiß, dass ich damit andere verletze." Sie wollten künftig verhindern, dass sich jemand schlecht fühlte.

Heißt also: Sie konnten zuvor die Relevanz von Rassismus nicht vollends verstehen. Doch jetzt, wo sie von meinen Verletzungen wüssten, seien sie davon überzeugt, dass sie ihr Handeln ändern müssten. Nicht nur das, ihnen läge auch viel daran, anderen weißen Menschen von meiner Gefühlslage zu berichten. Sie verstünden endlich, dass sie privilegiert seien und niemals am eigenen Leib spüren würden, wie sich Rassismus wirklich anfühlte. Das wiederum verunsicherte sie, weil sie manchmal nicht einschätzen könnten, ob bestimmte Situationen "schlimm" seien oder nicht.