More than a feeling – Seite 1

Ich habe lange gebraucht, bis ich mich überhaupt getraut habe, etwas zu fühlen, wenn es um Rassismus ging. Wut, Trauer, Frust. Doch diese Gefühle sind für mich unausweichlich, einfach nur, weil ich so geboren wurde, wie ich bin, als Schwarze Frau. Sie sind unausweichlich, weil die Welt kein gerechter Ort ist für Menschen wie mich. Und auch wenn mir heute oft unterstellt wird, ich mache "ein zu großes Ding" aus "dem Rassismusthema" – die meiste Zeit meines Lebens habe ich damit verbracht, genau das Gegenteil zu tun. Die zahlreichen Sprüche zu meinen Haaren und meiner Haut, die rassistischen Bemerkungen meiner Mitmenschen verdrängte ich. Solange ich nicht vorsätzlich beleidigt oder bedroht wurde, war es kein Rassismus für mich. Mir ging es ja gut. Ich kam klar.

Doch je mehr ich mich mit dem Thema auseinandersetzte, desto mehr merkte ich, dass doch eine Menge unaufgearbeiteter Gefühle in mir schlummerten. Dass diese größtenteils nicht böse gemeinten "Nichtigkeiten" an mir nagten. Sie endlich ernst zu nehmen, nicht zu verstecken und offen zu kommunizieren, war ein wichtiger Schritt für mich.

Der Diskurs über Rassismus ist nicht einfach nur Diskurs. Gerade für Betroffene bedeutet eine Diskussion über dieses Thema einen emotionalen Aufwand, der oft nicht gewürdigt wird. Denn sich mit dem Umstand zu beschäftigen, dass es eine gesellschaftliche Auffassung darüber gibt, man sei weniger wert als andere Menschen, ist schmerzlich.

Irgendwann fing ich an, persönliche Texte über Rassismus zu schreiben. Das tat mir gut. Einmal die Wut hochkochen und raussprudeln, die Tränen in die Augen schießen lassen und sauer sein. Und das nicht versteckt hinter den Wänden meines Schlafzimmers. Sondern laut und für alle sichtbar.

Sobald die Texte in der Welt waren, folgten natürlich die Kommentare von Leser*innen. Von Rassismus Betroffene teilten mir mit, dass sie sich weniger allein fühlten und es befreiend fanden, ihre Gefühle endlich einmal als legitim bewertet zu lesen. Weiße Menschen sagten mir, sie hätten etwas über Rassismus verstanden, was sie vorher nicht verstanden hätten. Ich freute mich, dass sie endlich etwas gegen den Rassismus in unserer Gesellschaft tun wollten. Auf die Frage aber, warum sie nicht mehr rassistisch handeln sollten, antworten viele weiße Menschen: "Weil ich jetzt weiß, dass ich damit andere verletze." Sie wollten künftig verhindern, dass sich jemand schlecht fühlte.

Heißt also: Sie konnten zuvor die Relevanz von Rassismus nicht vollends verstehen. Doch jetzt, wo sie von meinen Verletzungen wüssten, seien sie davon überzeugt, dass sie ihr Handeln ändern müssten. Nicht nur das, ihnen läge auch viel daran, anderen weißen Menschen von meiner Gefühlslage zu berichten. Sie verstünden endlich, dass sie privilegiert seien und niemals am eigenen Leib spüren würden, wie sich Rassismus wirklich anfühlte. Das wiederum verunsicherte sie, weil sie manchmal nicht einschätzen könnten, ob bestimmte Situationen "schlimm" seien oder nicht.

Keine Sache von Höflichkeit

Genau diese Unsicherheit führt dazu, dass weiße Menschen immer wieder meine Gefühlslage zu bestimmten Situationen abfragen. Zum Beispiel wurde ich während eines Interviews gefragt, wie ich es fände, mit weißen Menschen, die Dreadlocks trugen, auf einer Party zu sein. Ob ich mir wünschen würde, dass diese Menschen an der Tür abgewiesen würden, damit ich mich sicherer fühlte. Solche Fragen gehen am Kern von Rassismus vorbei und setzen den falschen Fokus.

Denn Rassismus zu bekämpfen, ist keine Sache von Höflichkeit. Rassismus sollte man unabhängig davon beurteilen können, wie ich oder andere Betroffene sich gerade fühlen. Verhaltensweisen und Aussagen sind nicht deshalb rassistisch, weil sie mich verletzen. Es ist umgekehrt: Sie verletzen mich, weil sie rassistisch sind. Wenn weiße Menschen sich nur an den Gefühlen der Betroffenen orientieren, bringt das Probleme mit sich. Es zwingt all diejenigen, die von Diskriminierung betroffen sind, in einem Zustand der Fragilität zu verharren. Das übt eine Menge zusätzlichen Druck auf sie aus und ist für die meisten nicht alltagstauglich. Würde ich mir all den Rassismus, der mich täglich umgibt, zu Herzen nehmen, würde ich niemals gute Laune haben.

Deshalb ist es mir, wenn ich ehrlich bin, meistens ziemlich egal, ob eine weiße Person Dreads trägt. Ich kann sogar mit einer weißen Person mit Dreadlocks ein nettes Gespräch führen, ohne über ihre Haare nachzudenken. Dass dem so ist, ändert jedoch nichts daran, dass ich ihre Frisur für eine Form der kulturellen Aneignung halte, die problematisch ist. Weiße Menschen sollten in der Lage sein, rassistische Handlungen und Machtstrukturen zu erkennen, ohne dass ich in Tränen ausbreche.

Wer allein mit Gefühlen argumentiert, definiert Rassismus als eine Befindlichkeit. Diskriminierung wird zu einer Art Hypersensibilität. Nach dieser Logik wäre es zum Beispiel nicht rassistisch, Roberto Blanco mit dem N-Wort zu bezeichnen, nur weil er sich angeblich, laut eigener Aussage, nicht daran stört. Genauso müsste man dann diejenigen ernst nehmen, die finden, dass das N-Wort genauso schlimm sei, wie weiße deutsche Menschen als "Kartoffel" zu bezeichnen. Doch Blancos subjektives Empfinden ändert nichts am rassistischen Ursprung des N-Wortes. Und das Wort "Kartoffel" mag vielleicht unhöflich sein, wurde aber im Gegensatz zum N-Wort nicht genutzt, um eine über Jahrhunderte andauernde Entmenschlichung zu rechtfertigen, die ungleiche Machtverhältnisse geschaffen hat und noch lange nicht überwunden ist. 

Mir ist klar, dass es oft zielführender und einfacher ist, Menschen darüber aufzuklären, wie verletzend ihr Verhalten ist, als ihnen Nachhilfe in Kolonialgeschichte zu geben. Emotionen überzeugen oft mehr als logische, faktische Argumente. Es ist ja auch nicht falsch: Denn ja, ich bin verletzt, ich bin wütend und ich bin traurig – und das ist wichtig und relevant. Jedoch ist Empathie nur ein Schritt in die richtige Richtung. Der größere, noch wichtigere Schritt ist Bildung und Aufklärung. Denn Rassismus ist eben kein Gefühl, er ist nicht subjektiv, er ist ein Fakt.