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Warum finden wir einen Menschen schön? Ist es die Symmetrie seines Gesichts? Ein Ausdruck von Lebendigkeit, von moralischer Integrität? Schönheit wird bedingt durch unsere subjektive Wahrnehmung. Aber sie lässt sich abbilden. Und wer könnte das besser als Fotografinnen und Fotografen, die sich in ihren Arbeiten immer wieder mit dem Kern des Menschen und seinen vielen Oberflächen auseinandersetzen? Für dieses Projekt haben wir junge herausragende Künstler und bereits vielfach ausgezeichnete Größen des Metiers eingeladen, ihre Perspektive mit uns zu teilen. Vierzehn von ihnen haben uns ihre Fotos und Texte geschickt.

"Monalisen der Vorstädte", Giulia, 2009 © Ute und Werner Mahler/​OSTKREUZ, Monalisen der Vorstädte, Giulia, 2009

Uns haben schon immer Gesichter interessiert, die zeitlos wirken. Die nichts Glattes und Modisches vermitteln, sondern individuell sind. Die dadurch auch lange im Gedächtnis bleiben. Unsere "Monalisen der Vorstädte" haben wir in der Peripherie großer Städte gesucht und wir haben sie gefunden. Frauen, die stark und sensibel, zurückhaltend und fordernd, sinnlich, selbstbewusst und klug sind. Die trotz des Lärms und des Trubels um sie herum hinter keiner Pose verschwinden, sondern die zeigen, wie sehr sie bei sich sind. Die eine große Schönheit haben.

Guilia haben wir in Florenz fotografiert. Ihr Gesicht ist zeitlos schön, ohne einem Ideal zu entsprechen. Man kann es wieder und wieder ansehen. Es lässt einen nicht los, auch weil es nicht alles offenbart. Weil ein Geheimnis bleibt.

Das deutsche Fotografenpaar Ute Mahler (*1949) und Werner Mahler (*1950) hat zu DDR-Zeiten seine humanistische Weltsicht in Fotoprojekten realisiert und nach der Wende die Fotografenagentur Ostkreuz sowie die angeschlossene Schule für Fotografie in Berlin gegründet. Ute Mahler war Professorin für Fotografie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg.

© Alena Schmick

Schönheit ist ambivalent. Sie ist unscharf und verwirrend. Schönheit ist männlich, weiblich, athletisch, träge, sanft, gewalttätig, anmaßend, schüchtern, vulgär und liebevoll. Sie versteckt sich vor den Blicken einiger und andere springt sie an. Schönheit gibt keine Antworten, sie stellt Fragen. Ich suche diese Spannungen und versuche, die Ungewissheit auszuhalten. Ich will in meiner Fotografie den Menschen Raum geben, ihre eigenen Schönheiten zu entdecken, mit ihnen zu spielen, sie zuzulassen – frei von Definitionen, falschen Idealen oder materiellen Oberflächen.

Alena Schmick, *1986 in Russland, wuchs in einem kleinen Dorf in Niedersachsen auf. Sie studierte Fotografie an der Fachhochschule Dortmund. In ihrer Arbeit setzt sie sich überwiegend mit Menschen und Intimität auseinander. Sie lebt in Berlin.

© Rankin

Ich nenne es Haltung! Die hat Amanda reichlich. Während meiner Karriere habe ich Personen, vor allem Models, immer zuerst nach ihrer Attitüde und Persönlichkeit ausgewählt, lange bevor ich ihr Aussehen beurteilt habe. Heute müssen wir, mehr denn je, nach der Wahrheit im Subjektiven suchen. Wir müssen Menschen dafür anerkennen, wer sie wirklich sind. Denn das ist doch das Schönste an Menschen. Dort wohnt ihre Schönheit.

Amanda selbst fasst das am besten zusammen: "Wir alle sollten die engen Definitionen von Schönheit, die uns aus kommerziellen Interessen vorgegeben werden, infrage stellen. Wir sind, wer wir sind, und stolz darauf. Wir mögen Narben haben, aber wir alle sind schön."

Rankin, *1966, ist ein britischer Porträt- und Modefotograf. Er arbeitete unter anderem mit Kate Moss, Heidi Klum, Gisele Bündchen, Keira Knightley, Vivienne Westwood, Madonna und David Bowie und ist Mitbegründer des seit 1991 existierenden Modemagazins Dazed and Confused.

© Roger Ballen

Der Kreislauf des Lebens kann als eine der höchsten Formen poetischer Schönheit gelten, die wir ganz natürlich akzeptieren. Also findet sich Schönheit im Leben genauso wie im Tod.

Roger Ballen, *1950 in New York, lebt seit den Siebzigerjahren in Südafrika und gilt als einer der einflussreichsten Fotokünstler der Welt. Seine Bilder changieren oft zwischen Fiktion und Dokumentation und wurden unter anderem ausgestellt im New Yorker MoMa, im Victoria and Albert Museum in London und im Centre Pompidou in Paris.

"Bildnis einer Marktverkäuferin II", Kaliningrad 2014 © Lia Darjes

Als ich diese Frau am Straßenrand von Kaliningrad eine Handvoll ihrer Datschenernte verkaufen sah, war klar, dass ich sie fotografieren musste. Ich konnte sie mit meinen drei Brocken Russisch noch fragen, ob ich das dürfe, aber ansonsten hüllte sich unser Zusammentreffen in Schweigen. Der Augenblick des Porträtierens ist für mich immer besonders intensiv. In diesem Fall bin ich unter dem Tuch meiner Großformatkamera abgetaucht und konnte mich ganz und gar auf das Gesicht und die Haltung dieser alten Marktverkäuferin konzentrieren. Der Prozess mit so einer Kamera ist wahnsinnig langsam, weil der technische Aufbau so kompliziert ist.

Das erlaubt eine andere Art der Entspannung auf Protagonisten- und auf Fotografenseite. Ihr Gesicht erzählt mir Bände an Geschichten, die Falten, der Silberblick, aber auch wie sich die florale Schürze an den Glanz der Polyesterjacke schmiegt. Die Art, wie sie in sich ruht, macht für mich ihre menschliche Schönheit aus.

Lia Darjes, *1984, studierte bei Ute Mahler. Seit 2018 lehrt sie an der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin. Ihre Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet und international ausgestellt.

© Charlotte Schmitz

"Me siento bonita", ich fühle mich schön, sagt Gianella, während sie ihr Polaroid in der Hand hält. Ihr Gesicht ist mit einem Herz verdeckt, glitzernder Nagellack hebt ihren Körper empor, umhüllt Wand und Bett. Drei Sterne über ihr, einer auf ihrem Bauchnabel, ihr Kopf leicht zur Seite gebeugt. "Ich mag Sterne sehr, sie bedeuten etwas Großes. Etwas Unendliches. Hoffnung … Ein Stern bedeutet Hoffnung für mich." Gianella wählte, in welcher Pose ich sie fotografierte, und bemalte später ihr Polaroid mit Nagellack. Ihre Familie und Freunde wissen nicht, dass sie in einem großen Bordell im Süden Ecuadors arbeitet. Ich habe viel über Schönheit von Gianella und den anderen Frauen in La Puente gelernt. Ihr Foto zeigt, wie sie gesehen werden möchte, nicht wie sie von der Gesellschaft wahrgenommen wird. Mit meinen Arbeiten möchte ich Gedanken vervielfältigen und verstärken, aus den Kulissen des Alltags das Nichtalltägliche aufleuchten lassen. An diesen Rändern des für mich noch Fremden finde ich oft das radikale, relevante Neue: die andere Existenz als lehrreicher Kontrast zur eigenen.

Charlotte Schmitz, *1988, hat Fotojournalismus in Hannover studiert und eine eigene künstlerisch-dokumentarische Haltung in ihrer Bildsprache entwickelt, die aktuelle Themen behandelt. Sie lebt in Berlin. Im November 2019 erschien ihr Buch La Puente.

"Refugee Halfway House, El Paso, Texas", 2017 © Mitch Epstein, Courtesy of Galerie Thomas Zander, Köln

Jeder Mensch verdient einen sicheren und bequemen Schlafplatz. Im Halfway House in El Paso wartet so ein Zimmer auf Fremde, die von weit her kommen und eine beschwerliche Reise auf sich genommen haben, um diese Weggabelung in ihrem Leben zu erreichen. Schönheit zeigt sich in der Wahl der lebhaften Wandfarben und darin, wie das blaue Kissen und das weiße Handtuch auf dem oberen Bett mit dem weißen Kissen und dem grünen Handtuch auf dem unteren Bett korrespondieren. Schönheit zeigt sich in dem Licht, das von den Vorhängen weichgezeichnet wird und den Raum harmonisch stimmt. Die Schönheit in diesem Foto liegt in ganz profanen Details, sie findet ihre Vollendung aber in der Bedeutung, die dieses Zimmer als Zufluchtsort hat.

Mitch Epstein, *1952, gilt als einer der bedeutendsten Farbfotografen der USA. Seine Arbeiten zählen zum Bestand des Museum of Modern Art, des Metropolitan Museum und des Whitney Museum of American Art in New York. Er hat bisher 13 Bücher publiziert.

"Sleeping Beauty" © Donna Ferrato 2019

Bevor meine Mutter starb, lebte sie auf. Sie akzeptierte das Vergnügen um seiner selbst Willen und ergab sich ihrer Lage, in der sie nur mehr Fürsorge empfangen konnte, anstatt sie zu geben. Meine Aufgabe war es, ihr zu dienen. Ihr Wunsch war diese Groucho-Marx-Brille.

Sie zeigte ihrer Enkelin und ihrem Urenkel, was für eine dickköpfige Frau sie war. Sie erzählte von ihrer Liebe zu einem Teufel, die so weit ging, dass seine Lügen sie beinahe getötet hätten.

Und sie machte sich bereit, ihre Flügel auszuspannen, sie wollte etwas mit ihrer Familie unternehmen – Kekse essen oder bei Mondschein im Garten sitzen. Wir krochen zurück in den Mutterleib.

Als sie einmal ein Nickerchen machte, sah ich ein Licht in ihrem Innern, das mich zum Lächeln brachte. Voilà: ein Foto meiner ganz eigenen "sleeping beauty".

Donna Ferrato, *1949 in Waltham in Massachusetts ist eine Fotojournalistin und Aktivistin, bekannt für ihre Berichterstattung über häusliche Gewalt und ihre Dokumentation des New Yorker Stadtviertels Tribeca. Im Jahr 2016 zeichnete das Time Magazine ein Bild von ihr, auf dem eine Frau von ihrem Ehemann geschlagen wird, als eines der "100 einflussreichsten Fotos aller Zeiten" aus.

"Banned Beauty" © Heba Khamis

Dieses Bild stammt aus der Serie Banned Beauty. Wenn Mädchen in Kamerun zwischen sieben und zwölf Jahren alt sind, massieren die Mütter ihnen die Brüste mit harten oder erhitzten Kochutensilien. Damit soll das Wachstum der Brüste hinausgezögert werden, um unerwünschte sexuelle Aufmerksamkeit von Männern und Jungs abzuwehren. Die Mütter verstecken weibliche Schönheit, um die Mädchen zu beschützen. Ungeachtet des Leids, das den jungen Körpern zugefügt wird, verstehen die Frauen, die ich getroffen habe, diese Praxis als Schutz vor dem Leben, das die Mädchen erwartet: Vergewaltigungen und Kinderheirat sind übliche Bedrohungen, jede fünfte Minderjährige ist Mutter. Manche Mädchen "bügeln" sich selbst, aus Angst um ihre Sicherheit.

Ich bat diese Mädchen, sich selbst zu zeichnen, und konnte daraus ablesen, wie ihre Schönheitsideale von der Umgebung beeinflusst sind. Auf allen Bildern sah ich Prinzessinnen mit schicken Kleidern, hohen Schuhen, Schmuck, geschorenen Köpfen, flachen Brüsten und großen Hintern. Weibliche Schönheit wurde durch verschiedene Praktiken neu gestaltet.

Heba Khamis, *1988 in Ägypten, dokumentierte als junge Fotojournalistin die Revolutionen in Ägypten und deren Folgen. Sie gewann 2018 einen World Press Photo Award, arbeitet für Save The Children und lebt in Amsterdam.

© David Uzochukwu

Über eine gemeinsame Freundin lerne ich Ilka Brühl kennen, bei einem Künstlertreffen, irgendwo in Belgien. Ich habe das Gefühl, dass mir jemand Reserviertes gegenübersteht, der sich selbst zu schützen weiß. Wir kennen uns kaum. Trotzdem setzt sich Ilka mit mir ins nasse Gras und träufelt sich wiederholt Pfützenwasser ins Gesicht, während ich hinter meiner Kamera verschwinde.

Ilka leuchtet mir im Abendlicht praktisch entgegen. Ihre Sommersprossen sehen aus, als seien sie farblich auf ihr Haar abgestimmt. Ihre Oberlippe zieht sich leicht hinauf, ihre Augen sind eindrücklich: groß, tief, ozeanfarben.

Sie bedankt sich freundlich, als wir aufstehen. Ich danke ihr.

David Uzochukwu, *1998, ist ein österreichisch-nigerianischer Künstler und Autodidakt. In seinen Arbeiten versucht er oft, die Schönheit und Tragik des Lebens zu vereinen. Er studiert Philosophie in Berlin.

"Nonnie Louise Bonito, April 3, 2016, right before her 104th birthday" © Lynsey Addario

Meine Nonnie.

Sie ist jetzt 106 Jahre alt. Ihr Alter, ihre Weisheit, ihre Erfahrungen und ihre persönlichen Geschichten bedeuten für mich Schönheit. Nicht viele Menschen haben ein so langes Leben – erleben all die Erfindungen eines Jahrhunderts, Armut und Herzschmerz, und überleben als alleinerziehende Mutter von fünf Kindern in den Vierziger- und Fünfzigerjahren, als Tochter italienischer Einwanderer. Solange ich denken kann, stand Nonnie über den Herd gebeugt, kochte Pasta für ihre Kinder und Kindeskinder, die Verlobten und alle, die zum Sonntagsessen vorbeikamen. Ihr Leben hat eine Tradition aus harter Arbeit, Liebe, gutem Essen und Familiensinn begründet. Und sie wohnt immer noch zu Haus – mit ihrem 79-jährigen Sohn. Das Geheimnis ihrer Ausdauer? Verzeihen. "Keinen Groll hegen." Wir alle können von 106 Jahren Weisheit lernen.  

Lynsey Addario, *1973 in Connecticut, dokumentiert seit Beginn der Neunzigerjahre in Afghanistan, dem Irak oder Darfur die Folgen von Krieg und Vertreibung. Sie zählt zu den wichtigsten Kriegs- und Krisenfotografinnen der vergangenen 25 Jahre. 2009 erhielt sie als Mitglied eines Teams der New York Times den Pulitzerpreis.

© Stefanie Moshammer

An einem warmen Sommertag im Juni 2017. Claire und Madita in meinem Garten, beide kurz vor ihrer Geburt. Alles an diesem Bild und seiner Entstehung verkörpert für mich Schönheit. Der Lauf der Zeit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereint. Die Magie des weiblichen Körpers, wenn ein Mensch darin heranwächst und reift. Das bevorstehende Leben und die damit einhergehende Vorfreude und Ungewissheit.

Stefanie Moshammer, *1988, ist eine österreichische Fotokünstlerin. In ihren Arbeiten mischen sich ihre persönlichen Eindrücke mit einer poetischen Umsetzung. Sie wurden unter anderem ausgestellt im C/O Berlin, Foam Amsterdam und Photo London.

"The Shed", 2013 © Gregory Crewdson /​ Courtesy Gagosian

The Shed zeigt eine Frau während eines Rituals, worum es dabei geht, bleibt ein Mysterium. Ihre Hände halten zerknickte Blumenstiele, auf ihrem Nachthemd Spuren von Erde, als wäre sie eine Schlafwandlerin. Ein Türrahmen umgibt sie und erweckt auf den Betrachter den Eindruck von Befremden oder sogar Abschottung. Die Frau auf diesem Bild ist meine Partnerin Juliane, es ist zugleich eine erfundene Geschichte und ein Porträt. Ich habe dieses Foto auf dem Grundstück ihres Elternhauses gemacht – die Querverbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Fiktion und Realität, Leben und Kunst, Schönheit und Traurigkeit werden offenbar.

Gregory Crewdson, *1962 in New York, machte sich einen Namen mit aufwendigen Inszenierungen des nordamerikanischen Kleinstadt-Milieus. Seine Arbeiten werden international ausgestellt, er lehrt Fotografie an der Yale School of Art.

"Witness Change" © Robin Hammond

Schönheit ist wesentlich für Tashas Identität. Aber wie sie sich präsentiert, bringt sie in Gefahr. Als Transperson wurde sie in ihrem Heimatland Uganda verfolgt, jetzt sucht sie Asyl in Kenia. Für mein Projekt Where Love Is Illegal habe ich die Geschichten von LGBTQI+-Überlebenden dokumentiert. Für die Schönheit, die sie zu dem macht, was sie sind, zahlen viele von ihnen einen hohen Preis. Sie wurden von ihren Familien geächtet, verhaftet aufgrund von Gesetzen, die eigentlich ihre Sicherheit gewährleisten sollten, und geschlagen von Leuten, die sie gar nicht kannten. Ihre Geschichten mögen tragisch sein, aber sie beweisen Mut, indem sie sie erzählen; und Schönheit durch die Art, wie sie sich auf diesen Porträts zeigen. Diese Schönheit möchte mit diesem Projekt einfangen, damit es nicht nur tragische Geschichten sind, sondern auch Geschichten von Liebe und Überleben.

Robin Hammond, *1975, beschäftigt sich in seinen Langzeitprojekten mit den Menschenrechten. Für seine Arbeiten wurde er unter anderem mit dem World Press Photo Award und vier Amnesty International Awards for Human Rights Journalism ausgezeichnet. Er lebt in Großbritannien.

Idee: Caroline Scharff
Redaktion:
Caroline Scharff, Rabea Weihser
Übersetzungen: Daryl Lindsey, Rabea Weihser
Design: Christoph Rauscher

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Dieser Artikel ist Teil des ZEIT-ONLINE-Schwerpunktes "Unheimlich schön" aus dem Ressort X. Eine Auswahl weiterer Schwerpunkte finden Sie hier.