Meine Stirn, ein Acker. © Sören Kunz für ZEIT ONLINE

Dieser Artikel ist Teil des ZEIT-ONLINE-Schwerpunktes "Unheimlich schön" aus dem Ressort X. Eine Auswahl weiterer Schwerpunkte finden Sie hier.

Es war ganz bestimmt nicht böse gemeint. Und bestimmt war es bloß ein liebevoller Hinweis meiner Kollegen gewesen, als sie mich während einer dieser längeren Themenkonferenzen fragten, ob ich nicht zu einem Selbstversuch bereit wäre: Schönheitsbehandlungen. Sie hielten das für eine gute Idee, da gäbe es doch inzwischen so viele Dinge, und man könnte mal sehen, ob es etwas bringt. Ich hätte die freie Auswahl. Mehr oder weniger.

Und ich sagte, "joa", "ach", "hm", und vielleicht war ich ein bisschen beleidigt, dass ich überhaupt in Betracht gezogen wurde.

Aber gut, richtig gewehrt habe ich mich auch nicht.

Kurz darauf stand ich vor dem Badezimmerspiegel und sah mich an. Bis dahin hatte ich ein recht entspanntes Verhältnis zu meinem Gesicht gehabt, jedoch bemerkte ich nun, dass dies offenbar nicht unbedingt auf Gegenseitigkeit beruhte. Ja, da sind Linien unter den Augen und Äderchen auf den Wangen, es sind ein paar Furchen daneben, entstanden durch etliche unvernünftige Nächte oder schlicht aufgrund allgemeinen Zerfalls. Meine Stirn, ein Acker, sorgfältig gepflügt durch, das redete ich mir natürlich ein, erhebliche Bände der Edition Suhrkamp, vielleicht bloß die Folge eines kritischen Bewusstseins, und überhaupt wäre an einer Stirn, die nicht im fortschreitenden Alter zum CD-Regal umschulen könnte, auch irgendetwas verdächtig.

Dort, wo Stirn und Nase sich treffen, war tatsächlich eine tiefe Falte. Sie lag da wie ein Burggraben oder ein ausgetrockneter, missgünstiger Bach, in dem die Nebelkrähen ihren alten Käse verbuddeln. Und ich könnte mit ihr überzeugend einen moldawischen Nachtclub bewachen oder in einem noch ungeschriebenen Yasmina-Reza-Stück den magenkranken Ägyptologen aus der Upper West Side spielen. Vermutlich sieht man sie auf Google Earth.

Ich guckte wieder, wie ich wohl zu oft gucke, und die Falte legte sich wieder tief zwischen meine Augen. Ich bräuchte wohl mehrjährige Eincremeferien, um dieses Problem allein mit Drogeriewaren zu beheben. Und so fragte mich am nächsten Morgen eine Frauenstimme am Telefon, ob ich schon einmal wegen Botox in ihrer Praxis gewesen sei, und ich sagte nein, und sie sagte: "Kommen Sie doch morgen um halb zwölf."

Im Büro sagte mein Ressortleiter zunächst "hmhmmm", kurz darauf "echt?", und schließlich, ob wir vorher vielleicht doch mit der Versicherung sprechen sollten. "Ach Quatsch", antwortete ich und dachte dabei kurz an die Bilder von Hochglanzprominenten, auf denen sie aussehen, als könnten sie bestenfalls noch als Echnaton zum Fasching gehen.

© Sören Kunz für ZEIT ONLINE

In den Onlinebewertungen meines Botox-Arztes habe ich nur Jubel gelesen: Lob für das Ergebnis. Für die Freundlichkeit und die ausgebliebenen blauen Flecken. Lob auch für die Tiefgarage, vermutlich wegen der Diskretion.

Und hätte ich mal ein Auto gemietet, denke ich, als ich nun am Vormittag eine mehrspurige Straße im Südosten am Berliner Stadtrand herunterlaufe und hoffe, dass ich keinen treffe, den ich kenne. Ich stelle mir ein weißgetünchtes Arkadien vor, das sich gleich vor mir öffnen wird, ein Engelsbezirk der Faltenfreiheit, deren Insassen barfuß in wehenden Gewändern herumlaufen. Menschen, so nagelneu, als hätten sie ihr Leben in Formaldehyd verbracht.

Ich weiß nicht, ob Schönheitsinstitute so sind. Ich weiß nicht einmal, ob ich schick genug angezogen bin und die Schuhe anlassen darf. Ich weiß nur, auch wenn Aktivisten, Forscher und kulturkritische Aufrüttel-Essays inzwischen ständig sagen, wir müssten endlich raus aus dem Schönheitswahn: Ich muss da nun rein.

Es ist eine normale Arztpraxis, mit Arztpraxisfliesen, Arztpraxiskinderspielecken und dem üblichen Schnupfenpublikum. Wo sonst auf Krankenkassenpostern vitale Pensionäre vor Freude über ihre gestiegene Lebenserwartung in die Luft springen, guckt eine junge Frau von einem Plakat, darauf der Satz: "Entfalten Sie die Kraft der natürlichen Schönheit." Auf dem Tisch liegen Dekosand und Dekomuscheln, damit es nach mehr als dem gewöhnlichen Leistungskatalog aussieht, der ebenfalls an der Wand hängt: Lungenfunktionstest, Krebsvorsorge, EKG.

"Herr Hugendick dann bitte?"

Ein Arzt ruft mich in ein Zimmer. Ich soll auf einem Sofa Platz nehmen. Auf einem Glasregal stehen Sektflaschen, und ich frage mich, ob Patienten, oder sagt man Kunden, erst einmal einen Schluck trinken, bevor der Arzt ihnen den Spiegel hinstellt und fragt: Worum geht’s denn? Ich zeige zwischen meine Augen, und er sagt, ach, die gute alte Zornesfalte, und malt mit einem Schönheitsarztstift ein weißes Dreieck auf meine Stirn.

"Na, sind Sie denn oft wütend?"
"Nein, nur verzweifelt."

Der Arzt hingegen ist erstaunlich fröhlich dafür, dass er mir gleich etwas spritzen wird, das dem Kriegswaffenkontrollgesetz unterliegt. Ich solle mir jedoch überhaupt keine Sorgen machen. Was die meisten Menschen abschrecke, sei die Silbe "Tox", weil sie wie etwas Gefährliches klänge. Er könne mich beruhigen: Im Jahr stürben 1.000 Menschen an Aspirin, an Botox bisher noch keine, sagt der Arzt vergnügt. Er mache das 20- oder 30-mal am Tag. Meine Muskeln über den Augen werden hinterher bloß fünf Monate gelähmt sein, das ganze Gesicht werde sich durch das Gift entspannen. Sogar 18-Jährige kämen zu ihm, insgesamt weitaus mehr Frauen, "ach, das schöne Geschlecht" sagt er, und ich sage nichts, denke nur, dass Meg Ryan und ich gleich zum ersten Mal etwas gemeinsam haben.

Meine Schuhe darf ich anbehalten. Auf meiner Stirn liegt ein kalter Lappen. Der Arzt zieht die Spritzen auf. Es sind am Ende vier Stiche oder auch zwölf, warum sollte man so was zählen. Wie eine Impfung gegen ein finsteres Gesicht. Ich hätte es mir glamouröser vorgestellt, und die Sektflaschen im Regal hätten es sich das sicher auch.

"So, das war’s schon", sagt der Arzt nach ein paar Minuten. "Botox to go!" Es könne sein, dass sich die Augenbrauen in den kommenden Wochen etwas hochziehen, sagt der Arzt, "ein wenig wie bei Mephisto", und das immerhin klingt ganz verlockend. Außerdem könne es sein, dass meine Stirnmuskeln die frühere Mimik verlernen, was möglicherweise auch verlockend ist.

Ich zahle mit Kreditkarte. Er sagt "Bis zum nächsten Mal" und lacht. 95 Prozent aller Erstkunden würden letztlich zu "Wiederholungstätern".

Ein paar Minuten später sitze ich wieder in der S-Bahn, es ist ein Dienstagvormittag im Herbst, ich fahre an unbehandelten Industriebrachen vorbei und verabschiede mich im Fensterspiegelbild von ungefähr 31 Gesichtsausdrücken wie von alten Freunden.

Auf Wiedersehen, "Danke, ich möchte lieber nicht".
Auf Wiedersehen, "Sie stehen leider sehr umständlich im Weg".
Auf Wiedersehen, "Könntest du bitte leise deine Rohkost essen?"
Auf Wiedersehen, "Ich kann leider kein Wort verstehen".
Auf Wiedersehen, "Entschuldigung, ich lese gerade wirklich seeeehr konzentriert in meinem Hölderlin".
Na ja, und so weiter.

Die Falte hier ist weg.« – »Wusste gar nicht, dass da eine war.

Auf der Homepage des Arztes steht, man sei nach der Behandlung sofort wieder "gesellschaftsfähig". Ich kann die Einstiche, die Blutpunkte auf meiner Stirn sehen. Vermutlich haben die anderen Fahrgäste mich längst enttarnt oder sie halten mich für einen gewöhnlichen Heroinsüchtigen, der sonst keine Stelle mehr findet. Wobei: Der Einzige, der anderen forsch auf die Stirn schaut, bin ich. Hat die auch schon einmal? Wäre es für den da drüben nicht an der Zeit? Ich gucke noch einmal so, wie ich bald nicht mehr gucken kann, so wütend, wie ein Ohrensesselrentner, der die Moderne anwettert und sich dabei den Cord von der Hose rubbelt.

Vielleicht ist ja der Aufstieg der Emojis auch mit dem Aufstieg von Botox zu erklären, gewissermaßen als semiotische Ersatzhandlung für alle herbeigespritzten mimischen Unmöglichkeiten. Und vielleicht müsste man die beliebten Schriften zum Wohlfühlkapitalismus nur lang genug schütteln, bis der Gedanke herausfiele, dass Botox aus den Gesichtern den letzten Funken gerechtfertigter Negativität herausredigiert.

Ich nicke zwei jungen Frauen mit sehr ebenen Stirnen zu, als seien wir im selben Club.

Am Abend fragt mich eine Kollegin bei einem Essen, ob ich frisch verliebt sei, ich sähe ja so ungewohnt fröhlich aus.

Und obwohl der Arzt sagte, ich werde frühestens in ein, zwei Wochen eine Veränderung bemerken, sage ich: Du, ich habe etwas machen lassen.

Ich habe keine Ahnung, ob man so was sagt.

So vergehen ein paar Tage.

Ich schaue Menschen länger an, wenn ich mit ihnen rede. Vielleicht hoffe ich, dass sie etwas merken, Kollegen, Freunde. Das läuft dann ungefähr so:

"Was guckst du denn so?"
"Fällt dir nichts auf?"
"Nö."
"Die Falte hier ist weg."
"Wusste gar nicht, dass da eine war."

Abends stehe ich oft blöde vor dem Spiegel.

Vielleicht sieht man wirklich keinen Unterschied. Ich kann es schwer sagen. Ich kann allerdings nicht mehr verzweifelt gucken. Dabei gäbe es, je länger ich mein Gesicht überprüfe, wohl Gründe dafür. Womöglich liegt es bloß am ungnädigen Licht.

Gottfried Benn hat geschrieben, dass Dämmerung ja die eigentliche Menschheitsbeleuchtung sei. Eventuell hat er das gar nicht als todessehnsüchtiger Dichter gesagt, sondern weil er Dermatologe war. Leider findet sich in seiner Gesamtausgabe kein Wort zu gesunder Hautpflege.

Im Badezimmerschrank meiner Freundin steht dagegen eine Menge. Jedes Fläschchen wie ein Vorwurf. Jeder Cremetiegel wie eine vertane Chance. Jede Beschriftung eine hieroglyphe Ansammlung von Säuren, Ölen, Vitaminen. Wäre ich doch nur vor fünfzehn Jahren drauf gekommen. Mein Hautbild ist allenfalls ein schlecht restauriertes Gemälde.

Ich weiß nicht einmal, welcher Hauttyp ich bin. Ich tippe auf fettiges, gereiztes Sandpapier, das man auf einem verlassenen Garagenhof gefunden hat. Vielleicht ist meine Internetsuche zu spezifisch. Ich finde nichts.

Ich kenne viele Leute, die hin und wieder Beautyvideos auf YouTube ansehen, in denen die Moderatorinnen immer "Hey Guys" sagen und unentwegt Produkte in die Kamera halten, die meistens sehr "awesome" oder sehr "amazing" sind.

Ich googele verstohlen die Namen irgendwelcher Pflegeprodukte und stoße auf Cremes, die man aus dem eigenen Blut herstellen kann, vermutlich für vermögende Ministerialgattinnen in Düsseldorf. Irgendeine Schauspielerin wasche sich ihr Gesicht nur mit dem Mineralwasser einer bestimmten Firma. Und ich habe sogar überlegt, welche der Kardashians ich am besten finde.