Die stille Macht der Schönheit – Seite 1

Dieser Artikel ist Teil des ZEIT-ONLINE-Schwerpunktes "Unheimlich schön" aus dem Ressort X. Eine Auswahl weiterer Schwerpunkte finden Sie hier.

Die Entdeckung

An den Moment, als Ellen Berscheid der Macht der Schönheit begegnete, erinnert sie sich so: Es war das Jahr 1969, Berscheid war Mitte 30, Forscherin an der Universität von Minnesota. Sie saß in der Bibliothek, einen Stapel Papier vor sich, die Studie einer Doktorandin namens Karen Dion. Als sie die Ergebnisse sah, konnte sie es erst nicht glauben. Heute sagt sie: "Es hat mich angewidert."

Berscheids Doktorandin Dion hatte in der Kita der University of Minnesota untersucht, warum einige Kinder beliebter waren als andere. War es ihre ruhige Art? Ihr freundliches Wesen? Die Erklärung war erschreckend einfach: Je hübscher die Kinder waren, desto beliebter waren sie bei anderen Kindern. Je hübscher sie waren, desto eher wurden sie als genügsam wahrgenommen, umso seltener als Querulanten. Nicht ihr Charakter, nicht ihr Verhalten bestimmten über Sympathie und Antipathie – sondern ihr Aussehen.

Berscheid erinnerte sich an eine Untersuchung der Psychologin Elaine Walster wenige Jahre zuvor. Walster hatte wie viele Sozialpsychologen zu jener Zeit herausfinden wollen, was bei der Partnerwahl den Ausschlag gibt: Die Intelligenz? Die Vertrauenswürdigkeit? Ein tolerantes Wesen?

Die Psychologin Ellen Berscheid © privat

Die Psychologin hatte für ihre Studie einen Ball für Studierende des ersten Semesters veranstaltet. Sie alle mussten einen kurzen Fragebogen über ihre Persönlichkeit und ihre Erwartungen an das Date ausfüllen. Dann bekamen sie ein Date zugewiesen. Anschließend wurden die Teilnehmenden gefragt, wie sie ihren Partner fanden und ob sie ihn gern ein zweites Mal treffen wollten.

Was keiner der Beteiligten wusste: Die Ticketverkäufer am Eingang bewerteten, wie gut die Studierenden aussahen.

"Es war so deprimierend", sagt Berscheid. "Nichts von dem, was den jungen Leuten wichtig war, hatte einen Einfluss darauf, ob sie am Ende ein zweites Date wollten. Was zählte, war einzig, wie hübsch ihr Date war."

Ellen Berscheid ist heute 83 Jahre alt und eine emeritierte Professorin. Sie hat sich aus dem akademischen Leben zurückgezogen und lebt in Wisconsin in der Einsamkeit der Natur. Früh am Morgen steht sie auf, um den Rehen, den Waschbären und dem Igel Futter hinzustellen. Wenn sie heute am Telefon über ihre Studien von vor 50 Jahren spricht, wirkt sie hellwach. Sie sagt: "Die Ergebnisse haben mich damals wahnsinnig gemacht. Aber als Wissenschaftlerin muss man seinen Daten folgen, egal ob sie einem gefallen."

Berscheid, Dion und Walster taten sich zusammen und forschten weiter. Drei Frauen machten sich daran, der Welt zu beweisen, welche Macht die Schönheit über Menschen haben kann. Niemand, sagt Berscheid, habe anfangs glauben wollen, dass Schönheit überhaupt einen nennenswerten Effekt darauf habe, wie wir Menschen wahrnehmen und wie wir uns verhalten. Sie entwickelten eine Studie mit einem noch besseren Aufbau. Wieder waren die Ergebnisse eindeutig. Als die Studie 1972 veröffentlicht wurde, begannen Wissenschaftler zu verstehen, wie groß die Entdeckung war, der die drei Frauen auf der Spur waren.

Man kann den Mechanismus, den die Psychologinnen entdeckten, den Schön-ist-gut-Effekt nennen. Er ist heute eine der meistzitierten Erkenntnisse der Sozialpsychologie. Will man ihn in einen Satz fassen, ginge dieser so: Wir halten schöne Menschen für bessere Menschen. Für schlauer, moralisch integrer, begabter. Für vertrauenswürdiger und altruistischer. Wir vertrauen ihnen lieber Geheimnisse an. Kommt ein schöner Mensch auf dem Gehweg entgegen, machen wir ihm eher Platz. Richter verhängen mildere Strafen über schöne Menschen. Kinder schneiden in der Schule besser ab, wenn sie hübsch sind, Studierende besser an der Universität. Wir glauben sogar, dass schönere Menschen bessere und treuere Ehepartner sind. "Wie attraktiv wir sind, beeinflusst fast alle Bereiche unseres Lebens", sagt Ellen Berscheid.

Der Befund war so eindeutig, dass sich Forscher bald weitere Fragen stellten: Was, wenn an unseren Urteilen über schöne Menschen etwas dran ist? Wenn sie wirklich besser, moralischer, glücklicher sind?

Die Antwort, die Wissenschaftler seit den Siebzigerjahren bis heute fanden, ist so eindeutig wie der Schön-ist-gut-Effekt selbst: Es ist fast immer ein Irrtum zu glauben, schöne Menschen seien per se kompetenter oder moralisch besser. Genauso wie die Annahme falsch ist, unansehnliche Menschen seien in der Regel dümmer, fauler oder weniger vertrauenswürdig.

Schnell entstanden Hypothesen, die den Schön-ist-gut-Irrtum erklären sollten. Die vielleicht überzeugendste nannten Wissenschaftler den Halo-Effekt. Ein Halo ist auf Deutsch ein Nimbus oder Heiligenschein, und das Bild verdeutlicht gut, worum es geht: Menschen schließen oft unbewusst von einem Merkmal eines Menschen auf andere Merkmale. Wenn jemand etwa saubere, teure Kleidung trägt, denken wir, er sei wohlhabend und ordentlich. Hat er fettige Haare, nehmen wir an, er sei selbstvergessen.

Es ist wie mit dem Heiligenschein: Das Symbol der Rechtschaffenheit überstrahlt alles.

Berscheid, Walster und Dion wussten früh um diese Vorurteile. Als sie ihre Studien veröffentlichten, hatten sie eine Hoffnung. Wenn man den Menschen nur oft genug vor Augen führen würde, wie sehr der Schön-ist-gut-Effekt sie irren lässt, würden sie sich irgendwann davon befreien. Noch Jahre später schrieb Karen Dion über ihre Forschung: "Letztlich hoffe ich, dass dieses Wissen (…) uns Erkenntnisse liefern wird, die helfen, seinen Einfluss zu überwinden."

Das war der Traum des Jahres 1969: eine aufgeklärte Gesellschaft, die lernt, die Macht der Schönheit zurückzudrängen, so, wie sie schon andere Vorurteile bekämpft hat. Nun, da das Wissen in der Welt ist: Warum sollte das nicht möglich sein?

Die Fotos in diesem Artikel zeigen das britische Model Twiggy. In den Sechzigerjahren, als Ellen Berscheid die Macht der Schönheit erforschte, galt ihr Aussehen vielen als Schönheitsideal. © [M] Popperfoto/​Getty Images

Die Industrie

Ein regnerischer Montag im Oktober 2019, ein Glasbau in der Düsseldorfer Vorstadt. Im Foyer hängen Plakate mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Models, festgehalten vom Starfotografen Peter Lindbergh. Flakons, Tuben und Döschen sind in beleuchteten Glasvitrinen ausgestellt wie Kunstwerke in einem Museum. Die Konzernzentrale wirkt makellos wie die Schönheit, die die Firma verspricht, der das Gebäude gehört: Douglas, Marktführer für Kosmetikprodukte in Europa.

Nicole Nitschke bittet in einen Konferenzraum. Seit rund einem Jahr leitet sie das Deutschland- und Schweiz-Geschäft von Douglas. Man kann mit ihr lange über Schönheit reden, und doch ist es ein anderes Gespräch als mit der Psychologin Ellen Berscheid. Nitschke spricht von Beauty-Intensität, von Multi-Channel-Strategie, vom wachsenden Einfluss der Influencer auf Instagram. Sie erzählt von Teams, die täglich das Netz nach Trends und Bedürfnissen durchsuchen, nach immer neuen Wünschen der Kundinnen, sich zu verschönern und zu gestalten.

Für Nitschke ist die Macht der Schönheit etwas Gutes. Vor wenigen Monaten hat Douglas eine neue Kampagne gestartet, sie heißt #doitforyou. Nitschke sagt, darum gehe es ihren Kundinnen und Kunden – etwas für sich zu tun, sich zu verbessern. "Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, nach einer langen Nacht, dann will ich diese Spuren beseitigen. Weil es mir Sicherheit gibt und ein anderes Selbstwertgefühl." Andere Kunden wollten sich einfach ausprobieren oder schön machen für jemanden, der ihnen wichtig sei. "Wir helfen den Menschen dabei, alles aus sich herauszuholen."

Rund 10,7 Millionen Schönheitsoperationen jedes Jahr

Der Schönheitsmarkt, sagt Nitschke, sei schon länger ein attraktiver Markt, aber nun, mit den Möglichkeiten des Internets, habe sich der weltweite Handel mit Kosmetik noch einmal beschleunigt. Seit 30 Jahren sei sie in dieser Branche tätig, sagt Nitschke, und manchmal fühle es sich im Rückblick so an, "als sei ich 25 Jahre lang mit Handbremse gefahren. Seit fünf Jahren geben wir eigentlich permanent Vollgas."

Als 1969 der Schön-ist-gut-Effekt entdeckt wurde, war Douglas ein kleines Unternehmen mit sechs Filialen. Dann kaufte die ursprünglich auf Süßwaren spezialisierte Hussel AG das Unternehmen und begann mit der Expansion. Und während die drei Wissenschaftlerinnen in den USA hofften, die Schönheit werde an Einfluss auf die Entscheidungen der Menschen verlieren, machte Douglas mit jedem Jahrzehnt mehr Umsatz.

1981: 275 Millionen D-Mark, umgerechnet rund 140 Millionen Euro
2000: 2,1 Milliarden Euro
2018: 3,3 Milliarden Euro

Douglas hat heute keine sechs Filialen mehr, sondern 2.400 in 26 Ländern. In seinem Onlineshop verkauft das Unternehmen mehr als 30.000 verschiedene Produkte. Mehr als die Hälfte sind dazu da, das Gesicht zu verschönern: Cremes, Masken, Toner, Waschgele, Lidschatten, Lippenstifte, Abdeckpasten, Eyeliner. Die Macht der Schönheit hat Douglas zu einem wertvollen Unternehmen gemacht. Zwar will das Unternehmen demnächst 70 Filialen schließen. Doch angetrieben von Influencern hat sich der wachsende Teil des Kosmetikhandels ohnehin längst ins Internet verlegt. Sogar Internetkaufhäuser wie Amazon, Zalando oder Asos versuchen hier, Anteile am Schönheitsmarkt zu gewinnen.

14,7 Milliarden Euro gaben die Deutschen 2018 für Kosmetik- und Pflegeartikel aus. Rein statistisch sind das rund 180 Euro pro Person, rund 17 Euro mehr als vor sechs Jahren. Und das ist nur Deutschland. Weltweit wächst das Geschäft der Kosmetikindustrie um zwei bis drei Prozent pro Jahr, das der dekorativen Kosmetik – Lippenstifte, Eyeliner, Rouge – im Schnitt sogar um fünf Prozent. 210 Milliarden Euro nahmen die Firmen allein im vergangenen Jahr ein. Der weltweite Marktführer, der französische Konzern L’Oréal, Eigentümer von Marken wie Maybelline, Garnier, Lancôme, Kiehl’s, Vichy oder Yves Saint-Laurent, machte zuletzt einen Jahresumsatz von fast 27 Milliarden Euro. Fast neunmal so viel wie Douglas.

Dass die Nachfrage beinahe auf der ganzen Welt wächst, hat viele Gründe. In China etwa wirkte lange die Kulturrevolution nach. Viele Chinesen hatten verinnerlicht, dass das Gleiche über dem Besonderen zu stehen habe. Sich zu schminken galt als politisch unkorrekt. Doch je mehr sich Chinas Wirtschaftsmacht entfaltete, desto stärker wurde auch das ästhetische Selbstbewusstsein der Menschen. Heute ist der chinesische Markt für Hautpflegeprodukt so groß wie der von Europa und den Vereinigten Staaten zusammen. In vielen Ländern der Welt emanzipieren sich Frauen und fordern ihr Recht auf freie Entfaltung – Schminken kann ein Teil davon sein. Und was alles möglich ist, sehen sie im Internet.

Doch genügt das als Erklärung? Wie kommt es, dass Geringverdiener und Superreiche, Afrikaner genauso wie Europäer und Chinesen immer mehr Geld für Peelings, Seren und Concealer ausgeben? Und immer öfter auch für Schönheitsoperationen?

Gottfried Lemperle hat in seinem Leben viele Menschen kennengelernt, die hohe Summen bezahlt haben, um vermeintlich schöner zu werden. Lemperle, 83 Jahre alt, ist Professor für plastische Chirurgie und eigentlich längst im Ruhestand. Doch weil die Nachfrage nach Schönheits-OPs noch immer so groß ist, arbeitet er weiter, heute meist beratend. Lemperle hat vor Jahrzehnten eine neue Technik der Brustrekonstruktion entwickelt, die ihn bekannt machte, und ist Herausgeber des einzigen Handbuchs über ästhetische Chirurgie in deutscher Sprache.

Als Lemperle seine Karriere in den Fünfzigerjahren in Berlin begann, waren Schönheitsoperationen noch selten. Doch dann erreichte der medizinische Fortschritt auch die plastische Chirurgie. Kleinere Korrekturen des Naturgegebenen wurden plötzlich erschwinglich. Mehr und mehr Menschen konnten "dem Wunsch nachgeben, wenn er einen drückte", sagt Lemperle.

Der Chirurg erlebte, wie es die Menschen immer häufiger drückte. Wie der Markt für Schönheitsoperationen wuchs, Jahr für Jahr. Heute wird mehr gelasert, gespritzt und geschnitten, werden mehr Penisse verlängert, Lider geliftet und Pobacken aufgespritzt als je zuvor. Rund 10,7 Millionen schönheitschirurgische Eingriffe gab es weltweit im Jahr 2017, schätzt die International Society of Aesthetic Plastic Surgery. Die tatsächliche Zahl dürfte noch größer sein, weil viele Eingriffe nicht erfasst werden. Männer lassen vor allem Brustverkleinerungen, Lidschnitte, Fettabsaugungen vornehmen. Frauen wollen Brustvergrößerungen, Lidschnitte und Fettabsaugungen. Am häufigsten wird in den USA operiert, gefolgt von Brasilien. Im Land der Strandschönheiten geht es vor allem um den Hintern.

Lemperle sagt, die Kunden seien heute jünger als früher, manchmal erst 18 oder 20. "Schön wollten die Menschen schon immer sein", sagt er, doch etwas habe sich in den vergangenen Jahren geändert. Für ihn hat das viel mit dem Selfie-Boom zu tun. "Eine Jugend, die sich ständig selbst begutachtet und inszeniert und Fotos von sich öffentlich macht, das gab es so vorher noch nicht."

Viele sähen auf Instagram, wie man seinen Körper verändern könne, sagt Lemperle. Oft werde dann der Wunsch zum Drang. Zahlen des Umfrageinstituts YouGov zeigen, dass der Wille, seinen Körper zu verändern, auch in Deutschland weit verbreitet ist. Rund ein Drittel der Befragten fühlt sich demnach von Schönheitsidealen unter Druck gesetzt, rund zwei Drittel würden gerne etwas an ihrem Körper oder Aussehen ändern. 

Ein umfassendes Facelifting gibt es heute für 5.000 bis 10.000 Euro, eine Brustvergrößerung für 4.500 bis 8.000 Euro. Die Beseitigung überschüssiger Haut am Oberarm kostet bis zu 4.500 Euro. Jede dieser Operationen birgt Risiken. Narben und vorübergehende Taubheitsgefühle gehören eher zu den harmlosen Nebenwirkungen. Bleibende Nervenschäden zu den schweren.

Wenn man Lemperle zuhört, könnte man meinen, die Menschen würden weltweit immer verrückter nach Schönheit – scheinbar gegen jede Vernunft. Und es scheint, als hätten sich die Hoffnungen von Ellen Berscheid und ihren Kolleginnen nicht erfüllt. Womöglich ist in den vergangenen 50 Jahren sogar genau das Gegenteil geschehen: Anstatt sich von der Macht der Schönheit zu befreien, haben sich ihr immer mehr Menschen unterworfen. Statt unabhängiger von ihrem Aussehen zu werden, haben mehr Menschen versucht, davon zu profitieren. Wenn Schönheit Anerkennung und sozialen Aufstieg bedingt: Warum sollte man auch nicht nachhelfen? Und was sind, gemessen an den sozialen Vorteilen, schon ein paar Tausend Euro?

Der Schön-ist-gut-Effekt macht die Welt ungerechter

Natürlich verfolgt nicht jeder, der sich schön macht, einen straffen Karriereplan. Sich zu schminken und damit zu verwandeln, ist für viele Menschen eine Form der Selbstermächtigung. Subkulturen wie die Voguing-Szene gehen mit traditionellen Schönheitsidealen eher spielerisch um und persiflieren sie. Andere haben einfach Spaß daran, sich auszudrücken. Und wieder andere haben noch nie daran gedacht, jemals in einen Cremetiegel zu fassen, um sich den unbewussten Erwartungen anderer anzupassen.

Dennoch gehen Forscher heute davon aus, dass der Schön-ist-gut-Mechanismus unser Leben noch stärker beeinflusst, als es Ellen Berscheid und ihre Kolleginnen anfangs dachten. Er erklärt, warum sich Menschen, die sich für unattraktiv halten, nicht bloß hässlich, sondern auch wertlos und "defekt" fühlen. Er erklärt auch, warum in Ländern wie Südkorea gigantische Schönheitskliniken für Menschen entstehen, die ihre Schönheit als Kapital im Wettbewerb mit anderen begreifen. 

Studien zeigen, dass der Schön-ist-gut-Effekt zudem eine selbsterfüllende Prophezeiung sein kann. Schöne Menschen haben mehr positive Interaktionen mit der Umwelt, mehr Flirts und potenziell mehr Freunde, mehr gute Gespräche mit ihren Chefs, verdienen mitunter sogar mehr Geld. Dieser Automatismus wirkt sich auch auf die Politik aus: Studien aus Finnland und Deutschland zeigen, dass hübsche Politiker im Schnitt mehr Stimmen bekommen.

Ellen Berscheid sagt heute, ihre Hoffnungen von einst seien naiv gewesen. "Ich habe oft darüber nachgedacht, ob wir mit unseren Studien einzig bewirkt haben, eine Multimilliarden-Dollar-Schönheitsindustrie anzukurbeln." Der Schön-ist-gut-Effekt macht unsere Welt sehr viel ungerechter. Und er verführt uns zu schlechten Entscheidungen. Doch wenn wir das seit Jahrzehnten wissen: Warum lassen wir uns von Schönheit so sehr blenden?

© [M] Popperfoto/​Getty Images

Der Optimist

In einem gläsernen Krankenhaus-Komplex im Zentrum von Philadelphia arbeitet ein Mann, der sich mit dieser Frage beschäftigt. Er heißt Anjan Chatterjee und ist Professor für Neurowissenschaften an der University of Pennsylvania.

Chatterjee hat viele Jahre seines Lebens erforscht, was in unseren Gehirnen geschieht, wenn wir schöne Menschen sehen. Er findet den Schön-ist-gut-Effekt auch nicht fair, aber er wollte zuallererst wissen: Was finden denn die meisten Menschen an anderen schön?

Seine Ergebnisse decken sich mit Untersuchungen auf der ganzen Welt. Menschen nehmen Gesichter als schön wahr, die möglichst symmetrisch sind. Und sie halten solche Gesichter für optisch attraktiv, die dem statistischen Durchschnitt dessen entsprechen, was sie kennen. Als schön gelten auch Merkmale, die auf einen hohen Spiegel des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen und des männlichen Hormons Testosteron deuten. Bei Frauen: große Augen, makellose Haut, kleines Kinn, breite Hüften, schlanke Taille, volle Lippen, große Brüste, hohe Wangenknochen. Bei Männern: starker Kiefer, prominente Augenbrauen, hohe Statur, breite Schultern.

Der Hirnforscher Anjan Chatterjee © Anjan Chatterjee

Wann immer Chatterjee seinen Probanden im Labor schöne Menschen zeigte, sprangen bei ihnen zwei Kreisläufe im Gehirn an. Jener Teil, der verantwortlich ist für das Erkennen von Gesichtern und jener, der das Belohnungssystem steuert, und zwar unabhängig davon, ob man sie gebeten hatte, das Aussehen der gezeigten Personen zu beurteilen oder nicht. "Menschen reagieren auf Schönheit selbst dann, wenn sie sich dessen gar nicht bewusst sind", sagt Chatterjee. Auch in seinem Labor waren die Probanden schnell dabei, das Aussehen von Personen mit moralischen Urteilen zu verknüpfen. Chatterjee findet es nicht verwunderlich, dass die Ware Schönheit so extrem gefragt ist. "Es gibt für all das gute Gründe."

Chatterjee machte auch Testreihen mit Bildern von Personen, deren Gesicht deformiert ist, etwa durch Narben. Er konnte dann messen, dass plötzlich Regionen im Hirn stillstehen, die normalerweise aktiviert werden: solche, die für Empathie und Mitgefühl zuständig sind. Daraus schließt er, dass wir dazu neigen könnten, Menschen mit Deformationen weniger als gleichberechtigte menschliche Wesen zu akzeptieren.

"Unsere erste Reaktion muss nicht unsere letzte bleiben"

Ist das nicht zum Verzweifeln? Wenn unsere Auffassung von Schönheit so tief verwurzelt ist, wie können wir sie jemals ablegen? Chatterjee sagt: "Natürlich gibt es Gründe, pessimistisch zu sein. Ich bin aber eher optimistisch."

Sein Argument: Eben weil unsere Urteile so archaisch seien, hätten die Menschen gute Chancen, ihnen zu entkommen. Asymmetrische Gesichter etwa seien in früheren Zeiten oft ein Hinweis auf parasitäre Krankheiten gewesen. Kaum jemand sterbe jedoch in hochentwickelten Ländern noch an Parasiten. Es sei schlicht nicht mehr so wichtig, das Gesicht darauf abzuscannen. Auch ein hoher Hormonspiegel sei angesichts der Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin nicht mehr so relevant wie früher. Viele der Kriterien, sagt Chatterjee, nach denen wir noch immer Menschen in Schön und Hässlich aufteilen, passten eigentlich nicht mehr in unsere moderne Zeit.

© [M] Bert Stern/​Condé Nast/​Getty Images

Auch gesellschaftlich spräche vieles dafür, dass sich unsere Schönheitsideale lockern. Früher hätten die Menschen öfter in geschlossenen Gemeinschaften gelebt, ohne neue, fremde Einflüsse, ohne das Internet. Heute hingegen seien gerade Großstadtbewohner mit viel diverseren Gruppen von Menschen konfrontiert – und damit auch mit ganz verschiedenen Schönheitsidealen. Spreche nicht vieles dafür, dass die jungen Leute durch ihre Selfies immer öfter selbst das Bild von Schönheit definierten?

In gewisser Weise, sagt Chatterjee, könnte man unser Begehren nach Schönheit mit unserer Sucht nach Zucker und Fett vergleichen. Wie unsere Schönheitsurteile stamme unsere Lust auf diese beiden Stoffe aus einer Zeit, als das Leben hart und Zucker und Fett rar waren. Wenn aber viele Menschen heute gelernt hätten, ihren Impuls nach Fett und Zucker zu regulieren, warum solle das nicht auch mit unseren Auffassungen von Schönheit gelingen? "Was wir messen, sind erste Reaktionen", sagt Chatterjee. "Aber unsere erste Reaktion muss nicht unsere letzte bleiben." Das menschliche Gehirn habe genug Kapazitäten, um besser zu reagieren. Der Mensch muss es nur wollen.

Chatterjee hat im August einen wütenden Blogpost auf der Internetseite von Psychology Today veröffentlicht. Er trägt die Überschrift: Scarring your Children with the Lion King? Fügen Sie ihren Kindern mit dem Film König der Löwen Narben zu? Alle Figuren in dem Hollywood-Film, schrieb Chatterjee, hätten klangvolle Namen: Mufasa, Simba, Zazu, Pumbaa. Nur der Bösewicht heiße wie die Deformation in seinem Gesicht: Scar. Narbe. Hollywood nutze hier das Vorurteil gegenüber Menschen, die wir für unansehnlich halten, um eine einfache Geschichte von Gut und Böse zu erzählen. "Wir müssen uns solcher Fehlannahmen bewusst werden, um sie verändern zu können", sagt Chatterjee. "Die Medien spielen dabei eine große Rolle."

Der Schön-ist-gut-Effekt ist nicht der einzige Fehler, den wir begehen, wenn wir Menschen bewerten. Wir neigen in vielen Fällen dazu, Menschen in Sekundenschnelle falsch einzuschätzen. Forscher sprechen dabei von unconscious biases, unbewussten Verzerrungen unserer Wahrnehmung. Wenn wir nicht aufpassen, führen sie dazu, dass wir Stereotypen folgen: Wir trauen Frauen weniger Führungskompetenz zu, halten Fremde für krimineller, Arbeiterkinder für weniger leistungsfähig. Lange Zeit wurde die Diskussion darüber vor allem in akademischen Kreisen geführt. Doch seit einigen Jahren erfasst die Debatte die sozialen Medien und weite Teile der Gesellschaft.

Dass wir Menschen auch wegen ihres Aussehens ungerecht behandeln, war vergleichsweise selten Thema. Doch auch das ändert sich gerade. Auf Instagram versammeln sich immer mehr Menschen, die sich gegen den Schön-ist-gut-Effekt wehren, aus Betroffenheit oder aus Solidarität. Es sind junge Leute, die sich weigern, jahrtausendealten Schönheitsidealen zu entsprechen, und die einfordern, aussehen zu dürfen, wie sie eben aussehen. Die versuchen, allen biologisch und sozial vorgegebenen Maßstäben zum Trotz, sich selbst schön zu finden. Sie posten Bilder ihrer Cellulite, Narben, Hautunreinheiten und bestätigen einander darin, dass Anerkennung nicht von Äußerlichkeiten abhängen muss.

Chatterjee glaubt, dass solche Bewegungen dabei helfen können, dass Menschen sich und ihre tief geprägten Einstellungen verändern. Und er zitiert eine Alltagsbeobachtung: Wenn Menschen einander besser kennen und sich dabei mögen, tendieren sie dazu, sich gegenseitig attraktiver zu finden. Studien zeigen, dass der Schön-ist-gut-Irrtum schwächer wird, wenn Menschen länger Zeit miteinander verbringen.   

Unser langfristiges Urteil kann also nicht nur das schnelle, oft falsche Urteil revidieren. Es kann sogar die Maßstäbe verrücken, mit denen wir Menschen begegnen. Eine interessante Erfahrung, eine sympathische Unterhaltung kann unser Bild verändern. Wir sind also in der Lage, selbst zu definieren, was uns schön erscheint. Wenn das kein Grund zur Hoffnung ist.

Dieser Artikel ist Teil des ZEIT-ONLINE-Schwerpunktes "Unheimlich schön" aus dem Ressort X. Eine Auswahl weiterer Schwerpunkte finden Sie hier.

Text: Philip Faigle, Ileana Grabitz, Jakob Simmank
Redigatur: Rabea Weihser

Bildredaktion: Caroline Scharff, Christoph Rauscher