Natürlich verfolgt nicht jeder, der sich schön macht, einen straffen Karriereplan. Sich zu schminken und damit zu verwandeln, ist für viele Menschen eine Form der Selbstermächtigung. Subkulturen wie die Voguing-Szene gehen mit traditionellen Schönheitsidealen eher spielerisch um und persiflieren sie. Andere haben einfach Spaß daran, sich auszudrücken. Und wieder andere haben noch nie daran gedacht, jemals in einen Cremetiegel zu fassen, um sich den unbewussten Erwartungen anderer anzupassen.

Dennoch gehen Forscher heute davon aus, dass der Schön-ist-gut-Mechanismus unser Leben noch stärker beeinflusst, als es Ellen Berscheid und ihre Kolleginnen anfangs dachten. Er erklärt, warum sich Menschen, die sich für unattraktiv halten, nicht bloß hässlich, sondern auch wertlos und "defekt" fühlen. Er erklärt auch, warum in Ländern wie Südkorea gigantische Schönheitskliniken für Menschen entstehen, die ihre Schönheit als Kapital im Wettbewerb mit anderen begreifen. 

Studien zeigen, dass der Schön-ist-gut-Effekt zudem eine selbsterfüllende Prophezeiung sein kann. Schöne Menschen haben mehr positive Interaktionen mit der Umwelt, mehr Flirts und potenziell mehr Freunde, mehr gute Gespräche mit ihren Chefs, verdienen mitunter sogar mehr Geld. Dieser Automatismus wirkt sich auch auf die Politik aus: Studien aus Finnland und Deutschland zeigen, dass hübsche Politiker im Schnitt mehr Stimmen bekommen.

Ellen Berscheid sagt heute, ihre Hoffnungen von einst seien naiv gewesen. "Ich habe oft darüber nachgedacht, ob wir mit unseren Studien einzig bewirkt haben, eine Multimilliarden-Dollar-Schönheitsindustrie anzukurbeln." Der Schön-ist-gut-Effekt macht unsere Welt sehr viel ungerechter. Und er verführt uns zu schlechten Entscheidungen. Doch wenn wir das seit Jahrzehnten wissen: Warum lassen wir uns von Schönheit so sehr blenden?

© [M] Popperfoto/​Getty Images

Der Optimist

In einem gläsernen Krankenhaus-Komplex im Zentrum von Philadelphia arbeitet ein Mann, der sich mit dieser Frage beschäftigt. Er heißt Anjan Chatterjee und ist Professor für Neurowissenschaften an der University of Pennsylvania.

Chatterjee hat viele Jahre seines Lebens erforscht, was in unseren Gehirnen geschieht, wenn wir schöne Menschen sehen. Er findet den Schön-ist-gut-Effekt auch nicht fair, aber er wollte zuallererst wissen: Was finden denn die meisten Menschen an anderen schön?

Seine Ergebnisse decken sich mit Untersuchungen auf der ganzen Welt. Menschen nehmen Gesichter als schön wahr, die möglichst symmetrisch sind. Und sie halten solche Gesichter für optisch attraktiv, die dem statistischen Durchschnitt dessen entsprechen, was sie kennen. Als schön gelten auch Merkmale, die auf einen hohen Spiegel des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen und des männlichen Hormons Testosteron deuten. Bei Frauen: große Augen, makellose Haut, kleines Kinn, breite Hüften, schlanke Taille, volle Lippen, große Brüste, hohe Wangenknochen. Bei Männern: starker Kiefer, prominente Augenbrauen, hohe Statur, breite Schultern.

Der Hirnforscher Anjan Chatterjee © Anjan Chatterjee

Wann immer Chatterjee seinen Probanden im Labor schöne Menschen zeigte, sprangen bei ihnen zwei Kreisläufe im Gehirn an. Jener Teil, der verantwortlich ist für das Erkennen von Gesichtern und jener, der das Belohnungssystem steuert, und zwar unabhängig davon, ob man sie gebeten hatte, das Aussehen der gezeigten Personen zu beurteilen oder nicht. "Menschen reagieren auf Schönheit selbst dann, wenn sie sich dessen gar nicht bewusst sind", sagt Chatterjee. Auch in seinem Labor waren die Probanden schnell dabei, das Aussehen von Personen mit moralischen Urteilen zu verknüpfen. Chatterjee findet es nicht verwunderlich, dass die Ware Schönheit so extrem gefragt ist. "Es gibt für all das gute Gründe."

Chatterjee machte auch Testreihen mit Bildern von Personen, deren Gesicht deformiert ist, etwa durch Narben. Er konnte dann messen, dass plötzlich Regionen im Hirn stillstehen, die normalerweise aktiviert werden: solche, die für Empathie und Mitgefühl zuständig sind. Daraus schließt er, dass wir dazu neigen könnten, Menschen mit Deformationen weniger als gleichberechtigte menschliche Wesen zu akzeptieren.