Ist das nicht zum Verzweifeln? Wenn unsere Auffassung von Schönheit so tief verwurzelt ist, wie können wir sie jemals ablegen? Chatterjee sagt: "Natürlich gibt es Gründe, pessimistisch zu sein. Ich bin aber eher optimistisch."

Sein Argument: Eben weil unsere Urteile so archaisch seien, hätten die Menschen gute Chancen, ihnen zu entkommen. Asymmetrische Gesichter etwa seien in früheren Zeiten oft ein Hinweis auf parasitäre Krankheiten gewesen. Kaum jemand sterbe jedoch in hochentwickelten Ländern noch an Parasiten. Es sei schlicht nicht mehr so wichtig, das Gesicht darauf abzuscannen. Auch ein hoher Hormonspiegel sei angesichts der Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin nicht mehr so relevant wie früher. Viele der Kriterien, sagt Chatterjee, nach denen wir noch immer Menschen in Schön und Hässlich aufteilen, passten eigentlich nicht mehr in unsere moderne Zeit.

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Auch gesellschaftlich spräche vieles dafür, dass sich unsere Schönheitsideale lockern. Früher hätten die Menschen öfter in geschlossenen Gemeinschaften gelebt, ohne neue, fremde Einflüsse, ohne das Internet. Heute hingegen seien gerade Großstadtbewohner mit viel diverseren Gruppen von Menschen konfrontiert – und damit auch mit ganz verschiedenen Schönheitsidealen. Spreche nicht vieles dafür, dass die jungen Leute durch ihre Selfies immer öfter selbst das Bild von Schönheit definierten?

In gewisser Weise, sagt Chatterjee, könnte man unser Begehren nach Schönheit mit unserer Sucht nach Zucker und Fett vergleichen. Wie unsere Schönheitsurteile stamme unsere Lust auf diese beiden Stoffe aus einer Zeit, als das Leben hart und Zucker und Fett rar waren. Wenn aber viele Menschen heute gelernt hätten, ihren Impuls nach Fett und Zucker zu regulieren, warum solle das nicht auch mit unseren Auffassungen von Schönheit gelingen? "Was wir messen, sind erste Reaktionen", sagt Chatterjee. "Aber unsere erste Reaktion muss nicht unsere letzte bleiben." Das menschliche Gehirn habe genug Kapazitäten, um besser zu reagieren. Der Mensch muss es nur wollen.

Chatterjee hat im August einen wütenden Blogpost auf der Internetseite von Psychology Today veröffentlicht. Er trägt die Überschrift: Scarring your Children with the Lion King? Fügen Sie ihren Kindern mit dem Film König der Löwen Narben zu? Alle Figuren in dem Hollywood-Film, schrieb Chatterjee, hätten klangvolle Namen: Mufasa, Simba, Zazu, Pumbaa. Nur der Bösewicht heiße wie die Deformation in seinem Gesicht: Scar. Narbe. Hollywood nutze hier das Vorurteil gegenüber Menschen, die wir für unansehnlich halten, um eine einfache Geschichte von Gut und Böse zu erzählen. "Wir müssen uns solcher Fehlannahmen bewusst werden, um sie verändern zu können", sagt Chatterjee. "Die Medien spielen dabei eine große Rolle."

Der Schön-ist-gut-Effekt ist nicht der einzige Fehler, den wir begehen, wenn wir Menschen bewerten. Wir neigen in vielen Fällen dazu, Menschen in Sekundenschnelle falsch einzuschätzen. Forscher sprechen dabei von unconscious biases, unbewussten Verzerrungen unserer Wahrnehmung. Wenn wir nicht aufpassen, führen sie dazu, dass wir Stereotypen folgen: Wir trauen Frauen weniger Führungskompetenz zu, halten Fremde für krimineller, Arbeiterkinder für weniger leistungsfähig. Lange Zeit wurde die Diskussion darüber vor allem in akademischen Kreisen geführt. Doch seit einigen Jahren erfasst die Debatte die sozialen Medien und weite Teile der Gesellschaft.

Dass wir Menschen auch wegen ihres Aussehens ungerecht behandeln, war vergleichsweise selten Thema. Doch auch das ändert sich gerade. Auf Instagram versammeln sich immer mehr Menschen, die sich gegen den Schön-ist-gut-Effekt wehren, aus Betroffenheit oder aus Solidarität. Es sind junge Leute, die sich weigern, jahrtausendealten Schönheitsidealen zu entsprechen, und die einfordern, aussehen zu dürfen, wie sie eben aussehen. Die versuchen, allen biologisch und sozial vorgegebenen Maßstäben zum Trotz, sich selbst schön zu finden. Sie posten Bilder ihrer Cellulite, Narben, Hautunreinheiten und bestätigen einander darin, dass Anerkennung nicht von Äußerlichkeiten abhängen muss.

Chatterjee glaubt, dass solche Bewegungen dabei helfen können, dass Menschen sich und ihre tief geprägten Einstellungen verändern. Und er zitiert eine Alltagsbeobachtung: Wenn Menschen einander besser kennen und sich dabei mögen, tendieren sie dazu, sich gegenseitig attraktiver zu finden. Studien zeigen, dass der Schön-ist-gut-Irrtum schwächer wird, wenn Menschen länger Zeit miteinander verbringen.   

Unser langfristiges Urteil kann also nicht nur das schnelle, oft falsche Urteil revidieren. Es kann sogar die Maßstäbe verrücken, mit denen wir Menschen begegnen. Eine interessante Erfahrung, eine sympathische Unterhaltung kann unser Bild verändern. Wir sind also in der Lage, selbst zu definieren, was uns schön erscheint. Wenn das kein Grund zur Hoffnung ist.

Dieser Artikel ist Teil des ZEIT-ONLINE-Schwerpunktes "Unheimlich schön" aus dem Ressort X. Eine Auswahl weiterer Schwerpunkte finden Sie hier.

Text: Philip Faigle, Ileana Grabitz, Jakob Simmank
Redigatur: Rabea Weihser

Bildredaktion: Caroline Scharff, Christoph Rauscher