Dieser Artikel ist Teil des ZEIT-ONLINE-Schwerpunktes "Unheimlich schön" zu Schönheitsidealen aus dem Ressort X. Eine Auswahl weiterer Schwerpunkte finden Sie hier.

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Inzwischen ist das Gewebe um seine Augen abgeschwollen. Über dem Wimpernkranz sieht man jeweils eine Lidfalte, sie beginnt im inneren Augenwinkel und endet etwas über dem äußeren. Hojung Yu schaut zur Herbstsonne hoch.

Freundlich sieht er aus. So, wie er es immer wollte. Ein Student, der bereit ist für die Arbeitswelt. Im Dezember wird er seinen Master in Service-Management an der Kyung-Hee-Universität in Seoul beenden. Danach beginnt der Wettbewerb um gute Jobs, bis dahin will er makellos sein. "Es heißt, es dauert ein Jahr, bis sich das richtige Bild eingestellt hat", sagt Yu. Mit Bild meint er, bis die Lidfalte zu ihm passt. Bis ihm niemand mehr ansehen kann, ob er mit diesem weiten, offenen Blick geboren wurde oder ob ein Chirurg mit Skalpell und Faden nachgeholfen hat.

In Seoul scheint alles höher, besser, eleganter – und Hojung Yu möchte mithalten. © Vanessa Vu für ZEIT ONLINE

Die Lidfalten-OP gehört zu den beliebtesten schönheitschirurgischen Eingriffen weltweit. Vor allem in Südkorea scheint eine Entscheidung dafür kaum bedeutender zu sein als die für ein Ohrloch. Jeder zehnte Mensch soll sich nach Schätzungen des Statistikamts aus ästhetischen Gründen operieren lassen, bei Frauen in ihren Zwanzigern soll es jede Dritte sein. Künstliche Lidfalten sind der niedrigschwellige Einstieg in die Welt der operativen Selbstoptimierung. Die Technik hatte ein US-Militärarzt während des Koreakrieges in den Fünfzigern eingeführt, um den koreanischen Frauen der hier stationierten US-Soldaten "okzidentale" Gesichtszüge zu geben. Der als "oriental", also als fremd und feindselig empfundene Körper, sollte verwestlicht werden. Manche sagen: domestiziert.

Yu kennt diese Geschichte nicht. Er hat eine andere Erklärung.

Hinter ihm gruppieren sich gläserne Gebäude um den gläsernen Lotte Tower, mit knapp 555 Metern der fünfthöchste Turm der Welt. Auf glatten Betonwegen spazieren junge Paare, manche tragen rechteckige Einkaufstaschen aus Karton, andere schieben Hightech-Buggys. Auf akkurat gemähtem Rasen spielen Kinder, gerufen wird nicht, es wird gemurmelt und gekichert. Kein Turnschuh ist hier abgetreten, keine Haarsträhne liegt falsch auf dem Kopf. Keine Frau ist ungeschminkt.

Müsste man sich eine Zivilisation der Zukunft ausmalen: So könnte sie aussehen.

In Seoul hat alles seinen Platz und seine Form, ist höher, besser, eleganter – und Yu möchte mithalten. In Korea sei es sehr schwer, einen guten Job zu finden, sagt er, vor allem bei großen Unternehmen wie Samsung oder Hyundai. Im Bewerbungsprozess könne jedes Detail entscheidend sein und das Erscheinungsbild gehöre dazu. Yu aber hat in seinem Leben oft gehört, er sähe furchteinflößend, wütend oder gemein aus, und dass diese Wirkung auf seine schmale Augenform zurückzuführen sei. Auf die Lidfalten, die ihm fehlten. Selbst seine Professorin habe das einmal gesagt.

Also war es eine einfache Entscheidung: Yu fuhr nach Gangnam. Mitten rein ins Stadtzentrum, das auch als Zentrum der Schönheitschirurgie bekannt ist. 496 Kliniken gibt es dort. Landesweit sind es 1.469.

Heute ist kaum vorstellbar, dass in Gangnam bis in die frühen Siebzigerjahre nichts los war. Damals war Gangbuk, der Bereich nördlich des Flusses Han, das kulturelle und ökonomische Zentrum von Seoul. Die Regierung erklärte das Ackerland südlich des Flusses, Gangnam, 1974 zum Entwicklungsprojekt, weil die Bevölkerung nach dem Krieg so schnell gewachsen war. Sie ließ dort den ersten modernen Wohnkomplex errichten, rechtwinklige Straßen bauen und mit den Olympischen Spielen 1988 war der Rest getan. Alle Unternehmen, die etwas auf sich hielten, haben sich hier ein Denkmal gesetzt.

Heute heißt es: Wer es geschafft hat, wohnt und arbeitet in Gangnam. Schon in den U-Bahnhöfen bewerben fast alle Leuchtreklamen Schönheitskliniken. Die TJ-Klinik wirbt mit einem jungen, rehäugigen Frauengesicht neben Kirschblüten: "Die Schönheit in voller Blüte". Auch die Plakate der Ilumi-, Braun- und Jewelry-Klinik zeigen große, runde Augen mit Lidfalten und ein schmales, spitz zulaufendes Kinn – die V-Line. Ist ein Körper zu sehen, dann meistens von der Seite. Volle Brüste, schmale Taille, runder Po – die S-Line.

In der U-Bahn-Station Apgujeong © Vanessa Vu für ZEIT ONLINE

Draußen, entlang der mehrspurigen Straße Dosan-daero, lehnt ein glattes Hochhaus am anderen. Banken, Hotels und Büros liegen in den oberen Stockwerken, in den Erdgeschossen finden sich Apotheken, Café-Ketten und Bäckereien, die "Paris Baguette" heißen. Aus Drogerien kommt koreanischer Pop.

Und alle paar Minuten laufen Menschen mit Pflastern im Gesicht vorbei. Mit Bandagen über den Lidern. Eine Frau tupft über ihren Augen Blut ab wie andere Leute Schweiß. Ein Mann überprüft im Smartphone seine verbundene Nase.

Etage 15 im ID Hospital, das in Marmor und Puderrosa gehalten ist und wie alle großen Kliniken in Seoul damit wirbt, im Wettlauf um das schöne Äußere die Nummer eins zu sein. Es läuft Lounge-Musik und ab und zu gurgelt die Kaffeemaschine, während draußen, hinter breiten Glasfronten, Gebäude abgerissen und neu aufgebaut werden. 

Wer oder was in Gangnam noch nicht schön ist, wird schön gemacht.

Im ID Hospital kann man sich auf 16 Stockwerken alles machen lassen. © Vanessa Vu für ZEIT ONLINE

"Ich wollte die beste Klinik", sagt eine Frau, die im cremefarbenen Sessel auf ihren Termin wartet. Sie heißt Ann Rithmyxay. Für ihre anstehende OP sei sie extra aus den USA angereist, ein Geschenk an sich selbst, zum 53. Geburtstag. Vor zehn Jahren, sagt Rithmyxay, sei sie depressiv geworden und habe durch die Medikamente stark zugenommen. Ihr Gesicht habe sich aufgebläht, und mit dem Alter habe es auch noch angefangen zu hängen.

Dann habe sie eine Weile durch Instagram gescrollt und die Vorher-nachher-Bilder aus Korea gesehen. Sie habe sich Was-wäre-wenn-Gedanken gemacht und Erfahrungsberichte gelesen, ihre App geschlossen und wieder geöffnet. Zwei Jahre später, sagt sie, fand sie endlich den Mut. Rithmyxay buchte ein Facelifting, Flug und Hotel für zweieinhalb Wochen – das erste Mal Seoul.