Was hat unsere Welt in der vergangenen Dekade kulturell geprägt? In der Miniserie "Die Zehner" spüren wir den kleinen und großen Revolutionen dieser Jahre nach. Hier sammeln wir nach und nach alle Artikel zum Thema.

Wenn Amnesty International einen Bericht über Privatunternehmen verfasst, wissen deren Chefs, dass mindestens die Außendarstellung der eigenen Firma danach schwieriger wird. Ende November traf es die Surveillance Giants (so der Titel des Reports im Englischen) Google und Facebook. Deren Geschäftsmodelle verstoßen laut Amnesty gegen das Menschenrecht auf Privatsphäre und informationelle Selbstbestimmung. Am gleichen Tag, an dem die Studie veröffentlicht wurde, griff dann noch der Komiker Sacha Baron Cohen in einer Rede bei einem Treffen der US-Bürgerrechtsorganisation Anti-Defamation League die Manager von Social-Media-Plattformen und speziell Mark Zuckerberg wegen ihrer Rolle bei der Verbreitung von Verschwörungstheorien und Hatespeech an. Solche Attacken gegen Social Media treffen inzwischen auf weitgehende öffentliche Zustimmung. Was für ein Wechsel in der gesellschaftlichen Wahrnehmung der sozialen Medien am Ende der Nullerjahre gegenüber ihrem Anfang!

Im Jahr 2010 hat das Magazin Time Mark Zuckerberg noch als Person of the year gefeiert. Die Begründung lautete: Zuckerberg habe eine halbe Milliarde Menschen miteinander verbunden (heute hat Facebook weltweit über 2,5 Milliarden Mitglieder), habe deren soziale Verbindungen kartografiert, eine neue Art des Informationsaustauschs etabliert und gar die Art verändert, in der wir leben. Facebook kam im Kontext des Arabischen Frühlings als Organisationsmittel der Aufständischen sogar zu politischen Ehren. Damals dankten NGOs Zuckerberg noch für die Revolutionierung des politischen Aktivismus. Es war eine große Zeit für den damaligen Endzwanziger, der, offenbar überwältigt von dieser Macht und wohl auch etwas in Sorge deswegen, seine Plattform zwar nicht als Instrument bestimmter politischer Kräfte verstanden wissen wollte. Er hatte augenscheinlich aber auch nichts dagegen, dass sie als Mittel des politischen Fortschritts gesehen wurde.

Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten am 8. November 2016 änderte nicht nur in den USA die Wahrnehmung sozialer Medien. Die Schlagzeilen lauteten: "Donald Trump says Facebook and Twitter 'helped him win'", "US Election 2016: Trump’s 'hidden' Facebook army", "Did Facebook Really Elect Trump President?" Der Economist fragte "Ist Facebook eine Gefahr für die Demokratie?". Und das Technologiemagazin Wired zeigte auf einer Cover-Fotomontage Mark Zuckerberg mit Prellungen und Blutspuren im Gesicht. Trump hatte mit seinem Slogan "Make America Great Again" das Gegenteil von politischem Fortschritt versprochen und stattdessen die Rückkehr in vermeintlich bessere, jedenfalls frühere Zeiten – die Präsidentschaftswahl hatte er jedoch offenbar mindestens auch mit zeitgenössischen Mitteln gewonnen.

Plötzlich war klar: Ein Netzwerk wie Facebook, das allen ohne jeden Gesinnungstest erlaubt, sich zu organisieren, kann auch von allen für ihre jeweiligen Zwecke benutzt werden. Facebook dafür verantwortlich zu machen, schien so plausibel, wie eine Telefongesellschaft zu verklagen, weil mit ihrer Kommunikationstechnik auch Straftaten verabredet werden. Damals bestand Facebook noch darauf, kein Medienunternehmen zu sein, das bestimmte Nachrichten produziert, sondern eine Technikplattform, auf der Menschen jeglicher Herkunft Nachrichten aller Art untereinander austauschen können.

Zum eigentlichen Skandal kam es erst im Frühjahr 2018, als die New York Times und der britische Observer enthüllten, dass die britische Firma Cambridge Analytica Datensätze von zig Millionen Facebook-Nutzern auf fragwürdige Weise in ihren Besitz gebracht und Trumps Wahlkampfteam angeblich für die Versendung personalisierter Nachrichten zur Verfügung gestellt hatte. Facebook selbst gab am Ende zu, 87 Millionen Nutzerinnen und Nutzer seien betroffen gewesen, knapp über 70 Millionen davon aus den USA. Die übergroße Mehrheit der Nutzerinnen und Nutzer hatten dieser Verwendung nie zugestimmt, diese Menschen waren eine Art Datenbeifang geworden: Wenige Hunderttausend Facebook-Mitglieder hatten bei einem Persönlichkeitstest eines Drittanbieters auf der Plattform mitgemacht und so unwissend auch das Abgreifen von Nutzerdaten ihres gesamten Facebook-Freundeskreises ermöglicht. Durch die Facebook-Entwicklerschnittstelle waren die Daten abgesaugt worden und schließlich bei Cambridge Analytica gelandet. Einen derartigen Missbrauch zugelassen zu haben, das konnte man Facebook nun wirklich vorwerfen.

Die Zukunft des Big Data Mining

Zwei Monate nach dem Bekanntwerden dieses Skandals musste die völlig diskreditierte Firma Cambridge Analytica Insolvenz anmelden. Facebooks Aktienkurs gab zwischenzeitlich massiv nach, Mark Zuckerberg selbst musste sich im US-Kongress und im EU-Parlament Anhörungen stellen. Das ergab viel Medienrummel und versperrte etwas den Blick für das, was das Datensammelunternehmen Facebook und das Datenverwertungsunternehmen Cambridge Analytica symbolisieren beziehungsweise symbolisierten: die Zukunft des Big Data Mining. Die Erkundung des Individuums durch die Analyse großer Datenmengen und die Bildung entsprechender Profile würde, das konnte man damals längst ahnen, selbst dann nicht weggehen, wenn nach Cambridge Analytica auch Facebook den Skandal nicht überleben sollte.

Der zeigte allen, die noch das Lob von Time für Zuckerberg als großen Verbindungsstifter unter den Menschen im Ohre hatten: Als börsennotiertes Unternehmen ging es Facebook offenkundig nicht mehr um die Verbesserung der Welt (falls es überhaupt je darum ging). Sondern um die Optimierung der eigenen Profiterwirtschaftung. In einer Zeit, da Daten fast schon stereotyp als das neue Öl gelten, bohrt Facebook nicht nur nach diesem Öl, filtert und raffiniert es. Facebook fördert die Bildung des Stoffes Öl selbst. Jeder Post, jedes Like, jeder Kommentar, den Nutzerinnen und Nutzer dort hinterlassen, ist ein Tropfen Rohöl.

Das ist es, was man der Technikplattform Facebook vorwerfen muss. Dass sie im Interesse ihres Geschäftsmodells Gewächshausbedingungen dafür schuf, was uns heute am politischen Fortschrittspotenzial sozialer Netzwerke zweifeln lässt: gezielte Desinformation, Hassreden, Filterblasen. Die Kommunikationsbedingungen auf Facebook fördern eine Kultur des Sensationalismus und der emotionalen Zuspitzung, die der Demokratie die mentale Grundlage entzieht. Sie zerstört zum Beispiel die Fähigkeit zur Geduld, sich auf ausgewogene Mitteilungen, komplexe Aussagen und alternative Perspektiven einzulassen.