Verliked – Seite 1

Was hat unsere Welt in der vergangenen Dekade kulturell geprägt? In der Miniserie "Die Zehner" spüren wir den kleinen und großen Revolutionen dieser Jahre nach. Hier sammeln wir nach und nach alle Artikel zum Thema.

Wenn Amnesty International einen Bericht über Privatunternehmen verfasst, wissen deren Chefs, dass mindestens die Außendarstellung der eigenen Firma danach schwieriger wird. Ende November traf es die Surveillance Giants (so der Titel des Reports im Englischen) Google und Facebook. Deren Geschäftsmodelle verstoßen laut Amnesty gegen das Menschenrecht auf Privatsphäre und informationelle Selbstbestimmung. Am gleichen Tag, an dem die Studie veröffentlicht wurde, griff dann noch der Komiker Sacha Baron Cohen in einer Rede bei einem Treffen der US-Bürgerrechtsorganisation Anti-Defamation League die Manager von Social-Media-Plattformen und speziell Mark Zuckerberg wegen ihrer Rolle bei der Verbreitung von Verschwörungstheorien und Hatespeech an. Solche Attacken gegen Social Media treffen inzwischen auf weitgehende öffentliche Zustimmung. Was für ein Wechsel in der gesellschaftlichen Wahrnehmung der sozialen Medien am Ende der Nullerjahre gegenüber ihrem Anfang!

Im Jahr 2010 hat das Magazin Time Mark Zuckerberg noch als Person of the year gefeiert. Die Begründung lautete: Zuckerberg habe eine halbe Milliarde Menschen miteinander verbunden (heute hat Facebook weltweit über 2,5 Milliarden Mitglieder), habe deren soziale Verbindungen kartografiert, eine neue Art des Informationsaustauschs etabliert und gar die Art verändert, in der wir leben. Facebook kam im Kontext des Arabischen Frühlings als Organisationsmittel der Aufständischen sogar zu politischen Ehren. Damals dankten NGOs Zuckerberg noch für die Revolutionierung des politischen Aktivismus. Es war eine große Zeit für den damaligen Endzwanziger, der, offenbar überwältigt von dieser Macht und wohl auch etwas in Sorge deswegen, seine Plattform zwar nicht als Instrument bestimmter politischer Kräfte verstanden wissen wollte. Er hatte augenscheinlich aber auch nichts dagegen, dass sie als Mittel des politischen Fortschritts gesehen wurde.

Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten am 8. November 2016 änderte nicht nur in den USA die Wahrnehmung sozialer Medien. Die Schlagzeilen lauteten: "Donald Trump says Facebook and Twitter 'helped him win'", "US Election 2016: Trump’s 'hidden' Facebook army", "Did Facebook Really Elect Trump President?" Der Economist fragte "Ist Facebook eine Gefahr für die Demokratie?". Und das Technologiemagazin Wired zeigte auf einer Cover-Fotomontage Mark Zuckerberg mit Prellungen und Blutspuren im Gesicht. Trump hatte mit seinem Slogan "Make America Great Again" das Gegenteil von politischem Fortschritt versprochen und stattdessen die Rückkehr in vermeintlich bessere, jedenfalls frühere Zeiten – die Präsidentschaftswahl hatte er jedoch offenbar mindestens auch mit zeitgenössischen Mitteln gewonnen.

Plötzlich war klar: Ein Netzwerk wie Facebook, das allen ohne jeden Gesinnungstest erlaubt, sich zu organisieren, kann auch von allen für ihre jeweiligen Zwecke benutzt werden. Facebook dafür verantwortlich zu machen, schien so plausibel, wie eine Telefongesellschaft zu verklagen, weil mit ihrer Kommunikationstechnik auch Straftaten verabredet werden. Damals bestand Facebook noch darauf, kein Medienunternehmen zu sein, das bestimmte Nachrichten produziert, sondern eine Technikplattform, auf der Menschen jeglicher Herkunft Nachrichten aller Art untereinander austauschen können.

Zum eigentlichen Skandal kam es erst im Frühjahr 2018, als die New York Times und der britische Observer enthüllten, dass die britische Firma Cambridge Analytica Datensätze von zig Millionen Facebook-Nutzern auf fragwürdige Weise in ihren Besitz gebracht und Trumps Wahlkampfteam angeblich für die Versendung personalisierter Nachrichten zur Verfügung gestellt hatte. Facebook selbst gab am Ende zu, 87 Millionen Nutzerinnen und Nutzer seien betroffen gewesen, knapp über 70 Millionen davon aus den USA. Die übergroße Mehrheit der Nutzerinnen und Nutzer hatten dieser Verwendung nie zugestimmt, diese Menschen waren eine Art Datenbeifang geworden: Wenige Hunderttausend Facebook-Mitglieder hatten bei einem Persönlichkeitstest eines Drittanbieters auf der Plattform mitgemacht und so unwissend auch das Abgreifen von Nutzerdaten ihres gesamten Facebook-Freundeskreises ermöglicht. Durch die Facebook-Entwicklerschnittstelle waren die Daten abgesaugt worden und schließlich bei Cambridge Analytica gelandet. Einen derartigen Missbrauch zugelassen zu haben, das konnte man Facebook nun wirklich vorwerfen.

Die Zukunft des Big Data Mining

Zwei Monate nach dem Bekanntwerden dieses Skandals musste die völlig diskreditierte Firma Cambridge Analytica Insolvenz anmelden. Facebooks Aktienkurs gab zwischenzeitlich massiv nach, Mark Zuckerberg selbst musste sich im US-Kongress und im EU-Parlament Anhörungen stellen. Das ergab viel Medienrummel und versperrte etwas den Blick für das, was das Datensammelunternehmen Facebook und das Datenverwertungsunternehmen Cambridge Analytica symbolisieren beziehungsweise symbolisierten: die Zukunft des Big Data Mining. Die Erkundung des Individuums durch die Analyse großer Datenmengen und die Bildung entsprechender Profile würde, das konnte man damals längst ahnen, selbst dann nicht weggehen, wenn nach Cambridge Analytica auch Facebook den Skandal nicht überleben sollte.

Der zeigte allen, die noch das Lob von Time für Zuckerberg als großen Verbindungsstifter unter den Menschen im Ohre hatten: Als börsennotiertes Unternehmen ging es Facebook offenkundig nicht mehr um die Verbesserung der Welt (falls es überhaupt je darum ging). Sondern um die Optimierung der eigenen Profiterwirtschaftung. In einer Zeit, da Daten fast schon stereotyp als das neue Öl gelten, bohrt Facebook nicht nur nach diesem Öl, filtert und raffiniert es. Facebook fördert die Bildung des Stoffes Öl selbst. Jeder Post, jedes Like, jeder Kommentar, den Nutzerinnen und Nutzer dort hinterlassen, ist ein Tropfen Rohöl.

Das ist es, was man der Technikplattform Facebook vorwerfen muss. Dass sie im Interesse ihres Geschäftsmodells Gewächshausbedingungen dafür schuf, was uns heute am politischen Fortschrittspotenzial sozialer Netzwerke zweifeln lässt: gezielte Desinformation, Hassreden, Filterblasen. Die Kommunikationsbedingungen auf Facebook fördern eine Kultur des Sensationalismus und der emotionalen Zuspitzung, die der Demokratie die mentale Grundlage entzieht. Sie zerstört zum Beispiel die Fähigkeit zur Geduld, sich auf ausgewogene Mitteilungen, komplexe Aussagen und alternative Perspektiven einzulassen.

Das Netz tendiert zur Zentralisierung

Die entsprechende Kritik an der dem Werbemodell der sozialen Medien geschuldeten Aufmerksamkeitsökonomie machte lange vor dem Cambridge-Analytica-Skandal die Runde und kam schließlich sogar von einstigen Mitstreitern Zuckerbergs. So betrachteten die einstigen Erfinder des Like-Button diesen im Jahr 2017 nicht mehr als positiven Ausdruck individueller Empfindungen, sondern als Droge. Ex-Facebook-Präsident Sean Parker beschuldigte Facebook Ende 2017, bewusst menschliche Schwächen auszunutzen und Nutzerinnen und Nutzer gegen ihr eigentliches Interesse so lange wie möglich auf der Plattform zu halten, um Facebooks Kunden mehr Daten für personalisierte Werbung verkaufen zu können. Chamath Palihapitiya, zwischen 2007 und 2011 für das Nutzerwachstum von Facebook verantwortlich, erklärte wenige Tage später, "short term dopamine driven feedback loops" (auf die kurzfristige Ausschüttung von Dopamin zielende Rückkopplungsschleifen), die er und seine Kolleginnen und Kollegen bei Facebook kreiert hätten, zerstörten die Gesellschaft. Sie verunmöglichten einen zivilisiert geführten Diskurs und Kooperation zwischen Menschen und förderten stattdessen die Verbreitung von Falschinformationen und Unwahrheiten. Verderbnis der Jugend und Zerstörung der Demokratie – die Facebook-Revolution war in der Wahrnehmung selbst einstiger Verantwortlicher verkommen zu einer Facebook Catastrophe, wie der frühere Facebook-Investor Roger McNamee schon im Titel seines Anfang 2019 erschienenen Buches Zucked: Waking Up to the Facebook Catastrophe schreibt.

Drei Jahre sind seit der Wahl Donald Trumps nun vergangen, anderthalb seit Bekanntwerden der genauen Hintergründe des Datenmissbrauchs durch Cambridge Analytica. Der sogenannte Techlash, die Stimmung gegen die großen Technologiekonzerne, hört einfach nicht auf. Facebook ist der meistkritisierte.

In dieser Not veröffentlichte Mark Zuckerberg am 6. März 2019 ein Manifest mit dem vielversprechenden Titel "A Privacy-Focused Vision for Social Networking". Hatte er endlich ein Einsehen? Vor allem wollte er offenbar möglichen Regulierungsbestrebungen zuvorkommen und pries die datenmäßige Zusammenlegung der drei sozialen Netzwerke des Konzerns – Facebook, Instagram und WhatsApp – als Zugewinn an Privacy: Weil man dann über WhatsApp Kontakt zu Anbietern auf Instagram aufnehmen könne, ohne dass diese ihre Telefonnummer anzeigen müssten.

Regulieren? Zerschlagen? Verstaatlichen?

Was für ein Husarenstück! Zuckerberg wollte das Einsammeln von noch mehr Daten (denn der Anruf innerhalb des Netzwerkes bringt natürlich auch weitere Metadaten) als zusätzlichen Datenschutz verkaufen. Die Antwort kam postwendend. Zwei Tage später schrieb Elizabeth Warren, US-Senatorin und Bewerberin um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten: Man müsse Facebook, Amazon und Google zerschlagen.

Aber wäre das der richtige Weg? Geht es wirklich nur um die gefährliche Konzentration von Daten in den Händen weniger Konzerne? Reichen die Mittel des für die US-Firmen maßgeblichen amerikanischen Kartellrechts aus, um die Logik des digitalen "Überwachungskapitalismus" (Shoshana Zuboff) aufzubrechen? Oder braucht es grundlegendere gesellschaftliche Veränderungen?

Sechs Tage nach der Veröffentlichung des Zuckerberg-Textes jährte sich die Erstpräsentation des Hyperlink-Systems World Wide Web durch Tim Berners-Lee und damit letztlich die Erfindung des Internet, wie wir es bis heute kennen, zum 30. Mal. Aus diesem Anlass hielt Berners-Lee am 12. März 2019 eine Ansprache. Eine Kernaussage lautete: "If we give up on building a better web now, then the web will not have failed us. We will have failed the web." ("Wenn wir jetzt aufgeben, ein besseres Netz bauen zu wollen, dann ist daran nicht das Netz schuld. Dann tragen wir Schuld daran, dass Netz im Stich gelassen zu haben.")

Berners-Lee ist ebenso unglücklich über das Schicksal seines Babys wie die Politiker, die eine Zerschlagung heutiger Tech-Konzerne fordern. Auch Berners-Lee zielt auf eine Dezentralisierung des Webs, wozu er im vergangenen Jahr die Open-Source-Plattform Solid ("social linked data") lancierte, die den Nutzern das alleinige Eigentum an ihren Daten sichert, anstatt dass diese den großen Plattformen als Eintrittspreis für deren Nutzung überlassen werden müssen. Inwiefern Solid, das bisher keine weiteren Schlagzeilen produzierte, eine zukunftsfähige Alternative zu den aktuellen Datenzentren des Internets sein kann, ist völlig offen. Es ist nicht der erste Versuch in dieser Richtung. Seit 2010 gibt es Diaspora, eine dezentrale Alternative zu Facebook; seit 2011 YouNow, ein Videoportal; seit 2016 Mastodon, eine dezentrale Alternative zu Twitter. Größeren Erfolg hat keine der Plattformen.

Allerdings ist auch zu fragen, ob nicht – entgegen der Ansicht und des Willens seines Erfinders – gerade die Zentralisierung die eigentliche Berufung des Webs ist. Wer will schon mehrere Apps oder Plattformen besuchen, um Flüge zu buchen oder Bücher zu kaufen? Wer will schon in jeder neuen Stadt eine neue App für Restaurant-Tipps, Taxirufe und E-Rad-Leih installieren? Und wer will nicht all seine Freunde aus verschiedenen Weltteilen und Beziehungskontexten auf bestenfalls einem einzigen sozialen Netzwerk beisammenhaben? Zentralisierung bringt Skalierungseffekte mit sich, die sich optimierend auf Serviceleistungen und Prozessabläufe auswirken. Das gilt für Gesundheitsapps ebenso wie für soziale Netzwerke und Suchmaschinen.

Wer bestimmt, in welche Richtung sich eine neue Technik entwickeln soll? Natürlich gibt es gute Gründe, Datensouveränität für ein hohes gesellschaftliches Gut zu halten, das im Interesse der Demokratie selbst dann verteidigt werden muss, wenn man selbst sich im Netz so verhält, dass man, wie es dann heißt, "nichts zu verbergen hat". Und natürlich müssen die ökonomischen Motive und politischen Folgen der Sammlung und Auswertung unserer Daten offengelegt werden: Der Überwachungskapitalismus will unsere Daten zur Profitmaximierung, der Überwachungsstaat will sie zur Kontrolle seiner Bürger. Und doch: Die Klage über die Fehlentwicklung des Webs erinnert sehr an die Lesesuchtdebatte um 1800, als die Aufklärer sich beschwerten, dass Menschen Bücher nicht zur Selbstvervollkommnung lesen, sondern zur bloßen Zerstreuung.

Wir liefern den Plattformen das Rohmaterial unseres sozialen Lebens

Aus einer weniger moralisierenden Perspektive stellt sich die Frage, warum die sozialen Netzwerke trotz all ihrer problematischen Folgen so erfolgreich sind. Weil die Probleme nicht bekannt genug sind, sagen die einen. Weil die sozialen Netzwerke zugleich die Lösung zu einem Problem sind, sagen die anderen.

Ein gesellschaftliches System, argumentieren letztere, will und muss zum Zwecke der Organisation seiner Prozesse so gut wie möglich über sich Bescheid wissen. Die Digitalisierung, die alle gesellschaftlichen Prozesse in die Form analysierbarer Daten bringt, erlaubt diese Selbstbeobachtung in bisher unbekanntem Ausmaß. Insofern kann das, was unter dem Stichwort Privacy als kultureller Bruch beklagt wird, auch in seiner Kontinuität als "Betriebsgeheimnis der modernen Gesellschaft" gesehen werden. Aus dieser Flughöhe der Betrachtung ist die Digitalisierung der Gesellschaft im Grunde ein soziologisches Projekt, das, in Gestalt der Data und Network Science, die gesellschaftliche Selbstbeobachtung mit neuen technischen Mitteln fortführt. Allerdings mit zwei folgenreichen Veränderungen: Beobachtet wird weniger mit Worten als mit Zahlen und Bildern.

Das Paradigma der Zahl, das in sozialen Medien fast jede Botschaft in ein Geflecht der Views, Likes, Shares, Friends, Followers und Retweets stellt, führt dazu, dass akkumulierte Aufmerksamkeit wichtiger wird als vorgebrachte Argumente. Dieses allseits beklagte Phänomen der sozialen Medien beginnt, wenn Nutzerinnen und Nutzer ihre eigenen Posts löschen, weil diese keine oder zu wenige Likes erhalten; oder wenn sie die Posts anderer erst dann liken, wenn diese schon durch zwei oder drei Likes erste Anerkennung gefunden haben. So verlernt man in unscheinbaren Alltagshandlungen in sozialen Medien, dem eigenen Urteil zu trauen, und entwickelt stattdessen eine Art "numerischen Herdentrieb".

Wenn eine Plattform unser Gedächtnis wird

Die Visualisierung der Selbstdarstellung wiederum führt zu einer Objektivierung der Selbstbeobachtung, was klar wird, wenn die Facebook-Funktion "An diesem Tag" uns wieder einmal ein Ereignis in Erinnerung ruft, das wir längst vergessen hatten. Das Archiv ist verlässlicher als das Gedächtnis. Aber das heißt nicht, dass man mehr über sich erfährt oder weiß. Im Gegenteil, wenn wir unsere Erlebnisse permanent und noch vor Ort mit dem Netzwerk teilen, kommen wir vor lauter Geschäftigkeit gar nicht dazu, sie auch wirklich zu erfahren. Zuckerberg nennt dies "frictionless sharing" und sieht im beschreibungslosen Bezeugen des Erlebten via Livestream das begehrte Rohmaterial des sozialen Lebens: "Because it’s live, there is no way it can be curated" ("Weil es live ist, kann es gar nicht kuratiert sein").

Die Authentizität der Daten verhält sich proportional zur Automatisierung ihrer Akkumulation, denn jede nachträgliche Reflexion verzerrt das Erlebte zugunsten einer subjektiven Sinngebung. Umgekehrt proportional verhält sich dann jedoch die Selbstbeobachtungskompetenz der Gesellschaft zu der seiner Bürger, die sich nur noch mitteilen, aber kaum noch interpretieren. Vielleicht liegt auch hier – neben der oft bemühten Filterblase – ein Grund für die aktuellen Misere der gesellschaftlichen Kommunikationskultur.

Welche Zukunft soll es denn sein?

Die Frage nach der Zukunft der sozialen Medien ist eng verbunden mit der Nostalgie für die verheißungsvollen Neunzigerjahre, als das Web noch nicht vom Kommerz und einer Handvoll Tech-Konzernen bestimmt wurde. Inwiefern der Erfolg des Webs eine logische Folge seiner Kommerzialisierung und des Netzwerkeffekts war, darüber werden Medienhistoriker noch lange streiten. Vorerst scheint klar: Das hehre Experiment einer Öffentlichkeit ohne Gatekeeper und Diskurspolizei ist gescheitert; die Unabhängigkeit des Cyberspace, 1996 von John Perry Barlow so triumphal gegenüber den "Regierungen der industriellen Welt" verkündet, wünschen sich heute nicht einmal mehr die Aktivisten von damals. Eher hofft man auf Rettung vonseiten der Politik, auf die Rettung des Cyberspace vor seinen Störenfrieden und der Logik seiner wirtschaftlichen Verwertung.

Der Staat versperrt sich dieser Erwartung keineswegs, immerhin lässt sich politisch argumentieren, dass Fake-News und Hassreden auch die innere Sicherheit tangieren. Entsprechende Gesetze auf nationaler Ebene und EU-weit zwingen im Sinne der "Störerhaftung" Facebook inzwischen, Verantwortung für das durch die Plattform Verbreitete zu übernehmen. Unwidersprochen blieb diese Regelung schon deswegen nicht, weil sie Facebook zum globalen Zensor erhebt, der die Bewachung der Meinungsfreiheit letztlich schlecht bezahlten Honorarkräften von der Straße überlässt. Sinnvoller wäre, der Staat (oder die EU) verlangte von Facebook (und anderen Plattformen) eine "Kollateralschadenssteuer", um in eigener Regie entsprechend qualifizierte und politisch legitimierte Kräfte mit dem Schutz des öffentlichen Diskurses beauftragen zu können.

Facebooks kommunikationspolitische Hoheit über andere Länder wird freilich auch durch den geplanten Einsatz künstlicher Intelligenz nicht in Frage gestellt werden, so lange diese global operiert. Und an dieser Globalität wird eigentlich von allen Akteuren in Sachen Internet festgehalten: Regierungen, Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft, internationale Organisationen und technische Community. So hieß das Motto des jüngsten Internet Governance Forum Ende November in Berlin "One World. One Net. One Vision". Das setzt allerdings einen Universalismus der Werte voraus, den nicht einmal die Vereinten Nationen mit ihrer Menschenrechtserklärung sichern können. Selbst die westliche Welt kann sich kaum darauf verständigen, wo die Meinungsfreiheit endet, denkt man etwa an den sehr unterschiedlichen Umgang der USA und Deutschlands mit pornografischen und nationalsozialistischen Inhalten. Das Internet wartet noch auf eine Öffentlichkeit, die seinen technischen Kosmopolitismus erträgt.

Nicht alle hoffen auf den Staat; jedenfalls nicht auf den herrschenden. Vergleichbar der Klimabewegung denken einige, es gebe keine Rettung ohne prinzipiellen Systemwandel. So wird im Schlagwort Überwachungskapitalismus der Grundbegriff akzentuiert und unterstellt, dass die Datafizierung – die durch das Internet der Dinge, Smart Home und Smart City total werden könnte – in einer auf Profiterwirtschaftung orientierten Gesellschaft gar keine andere Richtung nehmen könne als die, die nun beklagt wird. Verbraucherschutzmaßnahmen und kartellrechtliche Eingriffe sind dann nur Ablenkungsmanöver, denn aus dieser Perspektive kann eine Technik nie besser sein, als der politisch-ökonomische Kontext, in dem sie zur Anwendung kommt. Frei nach Adorno und ganz in dessen Sinne: Es gibt keine gute Technik in der falschen Gesellschaft.

Die bessere Gesellschaft ist dann mehr oder weniger innerhalb des bestehenden Systems denkbar: Mehr, wenn der Plattform-Kapitalismus durch Plattform-Genossenschaften korrigiert würde, weniger, wenn das Privateigentum an den digitalen Produktionsmitteln und die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse zwischen Kapital und Arbeit prinzipiell zur Disposition gestellt würden.

Würde ein digitaler New Deal helfen?

Andere Ansätze stellen nicht das Privateigentum an Produktionsmitteln in Frage, wohl aber die Vormacht des Marktes über das Soziale und wollen das Big-Data-Geschäft mit einem digitalen New Deal politisch zügeln. Der jüngste Vorschlag der deutschen Grünen etwa zielt auf eine europäische Facebook-Alternative, die nicht über Werbeeinnahmen, sondern Rundfunkgebühren finanziert wird und entsprechend auch dem staatlichen Bildungsauftrag verpflichtet wäre. Dieser Ansatz basiert in seiner nationalen und erzieherischen Ausrichtung gleich doppelt auf dem Denken der Vergangenheit, das gleichwohl für die Zukunft maßgeblich sein wird.

Der nationale Ansatz (der hier zur EU erweitert auftritt) ist so anachronistisch wie unvermeidlich, will man eine zentrale Infrastruktur der Gesellschaft wie das Internet nicht der Willkür international operierender IT-Konzerne überlassen. Das deutsche Netzwerkdurchsetzungsgesetz und die EU-Datenschutz-Grundverordnung zielen auf diese Renationalisierung zumindest hinsichtlich der strafrechtlichen Hoheit über das Internet. Radikaler wird dieser Hoheitsanspruch, wenn er sich auf die Daten bezieht, die auf den Plattformen ausländischer Firmen anfallen – mit der Konsequenz, dass ein Unternehmen wie LinkedIn in Russland gesperrt wird, weil es sich weigert, seine Daten über russische Bürger in Russland zu speichern. Extrem (und konsequent) wäre die Verstaatlichung von LinkedIn selbst, was freilich nur dort Sinn macht, wo das Unternehmen seinen Sitz hat. Auch hier ist neben China Russland übrigens führend, wo die Regierung dem Internet-Konzern Yandex 2019 einen Stiftungsrat mit weitgehenden Mitspracherechten, einschließlich der Absetzung des Yandex-Chefs, vorgesetzt hat.

Eine solche Verstaatlichung wird gerade mit Blick auf Facebook und Google – und mit dem Hinweis auf die Verstaatlichung von Infrastrukturen um 1900 (Post, Wasser, Strom, Eisenbahn) – nun mitunter gefordert. Unklar bleibt, wie dies im Falle der nicht nur transnational, sondern auch multifunktional operierenden IT-Unternehmen rechtlich und politisch zu organisieren wäre. Der erwähnte Vorschlag, eine nationale oder eben europäische Facebook-Alternative staatlicherseits aufzubauen, scheint da die pragmatischere Lösung zu sein. Zudem verspricht er Rettung aus der Misere der sozialen Medien damit, diese Alternative nicht nach kommerziellen, sondern emanzipativen Prinzipien zu organisieren. Die Rede ist von der Bereitstellung "hochwertiger Inhalte", verbunden mit der Hoffnung, dies werde einen positiven Einfluss auf den politischen Diskurs der Gesellschaft haben.

Das Experiment der unkontrollierten Öffentlichkeit

Da ist sie wieder, die Lesesuchtdebatte um 1800 und die Enttäuschung der Aufklärer über den "Missbrauch" des Mediums Buch. Diesem vermeintlichen Missbrauch – und ebenso der Verdummung, die die Kritische Theorie später dem Fernsehen und der Kulturindustrie vorwarf – soll nun mit staatlich geförderten Nudges gegengesteuert werden. So überlässt man die Inhalte der künftigen sozialen Netzwerke weder dem Markt noch der Menge. Denn dieser misstraut man nach diesem aus dem Ruder gelaufenen Experiment einer unkontrollierten Öffentlichkeit zutiefst, auch wenn es politisch unklug ist, dieses Unbehagen zu äußern – wenn man noch Wählerstimmen braucht. Man formuliert es diplomatisch: Die Menge wurde durch das Geschäftsmodell zum Hass verführt. So wie die Kritische Theorie einst erklärte, die Menge sei zur Lust am Amüsement von der Kulturindustrie manipuliert worden. Auf diese Weise lässt sich an allem festhalten: den Schuldigen, dem Menschen, der Hoffnung.

Betrachtet man die Sache so, muten Mark Zuckerbergs Unternehmensentscheidungen als viel zu klein an, um ihn als Hauptschuldigen einer Entwicklung zu benennen, die ihm und seiner Firma längst aus den Händen geglitten scheint. Selbst die Profitgier des Kapitalismus scheint nicht mehr alles erklären zu können. Ist es also die Conditio humana? Sind, um eine alte Verantwortungsumkehr zu gebrauchen, die Drogenopfer selber schuld?

Diese Frage ist weniger psychologisch als medienphilosophisch zu verstehen. Kann es sein, dass die neue Technik gar nicht deswegen ein Problem ist, weil ihr emanzipatives Potenzial durch geschäftstüchtige Interessen verschwendet wurde? Sondern weil sie so gut die heikelsten Neigungen des Menschen erfüllt: die Sucht nach Selbstbestätigung, die Lust am Sensationalimus, den Hang zur Bequemlichkeit, für die man ohne Zaudern das eigene Gläsernsein in Kauf nimmt. Liegt das Problem also weniger darin, was den Menschen angetan wird, als darin, was diese wollen? Stimmt der truism der Künstlerin Jenny Holzer aus dem Jahr 1983 auch heute noch: "Protect me from what I want"?

Was sich hier eröffnet, sind Untiefen verglichen mit den üblichen, doch recht bequemen Schuldzuweisungen an die Adresse Zuckerbergs, Silicon Valleys oder des Kapitalismus als Ganzem.

Vielleicht liegt die Rettung erst jenseits dieses Tiefpunktes. Vielleicht muss zunächst die anthropologische Dimension des Problems ganz erfasst werden, das bisher in erster Linie politisch und ökonomisch diskutiert wurde, bevor sich Lösungsansätze entwickeln lassen, die über das Naheliegende, aber nicht Nachhaltige hinausgehen. Das Nachhaltige muss über Filter und Gesetze gegen Fake-News hinausgehen oder die Schaffung von Eingreiftruppen gegen Hatespeech. Es muss Werte und Gewohnheiten schaffen, die demokratietauglich sind.

Sacha Baron Cohen forderte in seiner Rede: "slow down" – nicht jeder Gedanke müsse sofort veröffentlicht werden. Innehalten wäre so ein Wert, auf den man die Zukunft aufbauen sollte. Ein anderer ist Selbstbeobachtung, die bei aller Selbstdarstellung in den sozialen Medien abhandenzukommen scheint. Zwei Tugenden, die das Internet nicht gerade fördert. Zwei Formen des digitalen Detoxing also. Die staatliche Förderung des Gewünschten – durch Bildungseinrichtungen oder eben den heimlichen Bildungsauftrag eines sozialen Netzwerkes mit hochwertigen Inhalten – kann sicher keine Wunder vollbringen. Aber sie wäre ein Anfang für das erwünschte Umdenken der Gesellschaft.