Nehmen wir an, es würde auf etwas längere Sicht doch noch alles gut für die SPD. Nehmen wir an, sie fände in der nun von ihren neuen Spitzen ausgerufenen neuen Zeit (zurück) zu starken Positionen, zu stabilen Mehrheiten, guten Koalitionen und einer landauf, landab respektierten Politik. Sie verfügte gar über echte Führungsfiguren.

Das wäre natürlich eine Katastrophe. Beziehungsweise: Es wäre ein Zeichen dafür, dass die Gesellschaft, in der eine sozialdemokratische Partei wieder erstarken könnte, sich in einem krassen Irrtum über das befände, was im vulgärmarxistischen Sprachgebrauch als Haupt- und Nebenwiderspruch herumgeistert. Oder besser: Sie befände sich in einem krassen Irrtum darüber, worin Haupt- und Nebenwiderspruch heute bestehen.

Dabei geht es hier natürlich nicht um die SPD-interne Kritik an einem vermeintlichen Zuviel an Identitätspolitik. Dass Sigmar Gabriel zuletzt bemeckerte, Sozialdemokraten hätten durch das "Überhandnehmen von Themen wie Schwulenrechte, Gleichstellungsrechte, Migration" die SPD als Arbeiterpartei geschwächt, zeigt lediglich, wie groß der Irrtum bezüglich Haupt- und Nebenwiderspruch im Umfeld der Sozialdemokratie oder zumindest bei Sigmar Gabriel ist. Dass hier zwei – bei aller Bedeutsamkeit – Nebenwidersprüche der Gegenwart gegeneinander ausgespielt werden, ist ein Zeichen von Weltfremdheit.

Geht man zurück zu den Ursprüngen der auch als "Grundwiderspruch" bekannten Begrifflichkeit, lernt man, dass dieser Grundwiderspruch für Marx und Engels im verqueren Verhältnis von Arbeit und Kapital in industrialisierten Gesellschaften lag – sehr verkürzt: in der Ungerechtigkeit, dass der Besitzer von Produktionsmitteln den Geldwert von Arbeit bestimmen kann. Alle anderen gesellschaftlichen Schieflagen sind dann, so wurde das im späten 20. Jahrhundert speziell Feministinnen gern an den Kopf geknallt, nur weitere Symptome einer grundlegenden Fehljustierung des großen Ganzen. Kurz gesagt: Wenn der Arbeiter in der Fabrik nicht mehr ausgebeutet wird, ist er abends auch netter zu seiner Frau, mit der er in einer sozialistischen Gesellschaft ohnehin Seite an Seite am Fließband steht. Und deshalb soll die Frau sich im Kapitalismus lieber für den Klassenkampf engagieren als für spezifische Frauenrechte.

Die Kompromiss- und Konsensmaschine Sozialdemokratie mag einmal in diesen Diskussionen eine Stimme des Ausgleichs gewesen sein. Sie hat heute aber ein Problem: Der Grundwiderspruch der (prä-)apokalyptischen Gesellschaft ist natürlich nicht mehr der zwischen Lohnarbeit und Kapital, sondern der zwischen der globalisierten Zivilisation und der Endlichkeit ihrer natürlichen Ressourcen. Die Bedingung allen weiteren Handelns ist ökologische Stabilität. Kurz und katastrophal gesprochen: Den Interessensausgleich in einer Wohlstandsgesellschaft kann man ohnehin vergessen, ist der globale Überlebenskampf erst einmal entfesselt. Das trifft die Grundrente und LGBTIQ-Rechte gleichermaßen.

Was es in diesem Kontext bedeutet, wenn die SPD programmatisch erstarkt, ließ sich in den Wochen vor dem Mitgliederentscheid über die neue Führung beobachten, und es zeigt sich auch in der starken Betonung der sozialen Frage auf dem jüngsten Parteitag. Gemäß der Logik einer Parteiendemokratie wurde das Alleinstellungsmerkmal gegenüber der besonders nahestehenden politischen Konkurrenz betont. Soziale Gerechtigkeit (SPD) wurde zum diskursiven Widerpart von Klimaschutz (Grüne). Das ist für eine Partei, die ihre historische Größe als Mittlerin rund um den Grundwiderspruch des 19. und 20. Jahrhunderts gewonnen hat, konsequent und folgerichtig.

Für die politische Diskussion der Gegenwart ist es aber fatal, wenn Klima und Soziales als Kategorien auf Augenhöhe verhandelt werden. Es ist vielleicht schwer zu glauben, aber Klimapolitik hat spätestens jetzt, mit der täglich wachsenden Unerreichbarkeit der Pariser Ziele, die gleiche Bedeutung wie das Rüstungswesen mitten in einem Weltkrieg.

Wenn nun etablierte Politikberichterstatter mit geschultem Blick auf die Arithmetik der Bundesrepublik vor der Marginalisierung oder Selbstmarginalisierung der SPD warnen, ist eigentlich nur zu sagen: Okay, Boomer! Und darauf hinzuweisen, dass eine vorrangig soziale Partei in Zeiten der Klimakrise nur langfristig asoziale und destabilisierende Politik machen kann.