Was hat unsere Welt in der vergangenen Dekade kulturell geprägt? In der Miniserie "Die Zehner" spüren wir den kleinen und großen Revolutionen dieser Jahre nach. Hier sammeln wir nach und nach alle Artikel zum Thema.

Ellias Klamotten sind bräunlich durchtränkt. Sie hat sich in die Hosen gemacht. Hinten, am Rücken, kann man das auf dem Facebook-Foto von ihr gut sehen. Da steht auch, dass ihr das heute bereits zum zweiten Mal passiert ist. Was im Grunde keiner besonderen Aufmerksamkeit bedürfte, Ellia ist erst wenige Wochen alt. Doch ihre Mutter hat das Foto ins Netz hochgeladen, wo es nun für alle zugänglich ist, wie so viele andere des kleinen Mädchens und seiner ebenso kleinen Schwestern. Die Eltern pflegen die Seite seit Jahren. Millionen sollen ihnen folgen. Sie wollen damit anderen Eltern einen realistischen, alles andere als perfekten Einblick in ihr Familienleben geben, schreiben sie dazu. Die beiden wirken, das sollte man vielleicht noch erwähnen, durchaus sympathisch.

Noch vor zwei Jahrzehnten wäre vermutlich niemanden eingefallen, für solch alltäglichen Verrichtungen wie die der kleinen Ellia eine Kamera aufzustellen. Zwar gibt es schon seit Jahrzehnten vergleichsweise günstige Geräte, doch bis kurz nach der Jahrtausendwende musste damit noch zum Drogeriemarkt gegangen werden, um Abzüge herstellen zu lassen. Auch Ellias Eltern hätten also mutmaßlich nichts von dem Geschehen fotografiert oder gefilmt, geschweige denn den Film zum Entwickeln getragen, um ihn dann, noch später, im Wohnzimmer vorzuführen. Wem auch? Doch heute hat jeder Erwachsene immer ein Handy mit Kamera zur Hand, und die Bilder sind ohne Aufwand und praktisch ohne zeitliche Verzögerung online zu stellen. Vor zwanzig Jahren wäre Ellia die spätere Konfrontation mit ihrem jüngeren Ich mutmaßlich erspart geblieben. Oder falls ihre Eltern doch damals schon auf den Gedanken gekommen wären, das Desasterchen zu fotografieren, hätte das Mädchen diese Bilder ein paar Jahre später sorgfältig zerreißen und ins Klo spülen können. Heute werden sie vermutlich online bleiben. Vermutlich für immer. Was wird das eigentlich mit Ellia und all den anderen Kindern machen?

Der Frage hat die amerikanische Medienwissenschaftlerin Kate Eichhorn 2019 sogar ein ganzes Buch gewidmet. The End of Forgetting heißt es. Klingt das nicht ein wenig dramatisch? Bereits im ersten Jahr nach dem Start von Google Photos im Frühjahr 2015 nutzten 200 Millionen Menschen den Service monatlich und luden insgesamt 13,7 Petabytes Daten von Fotos hoch. Man bräuchte Jahrhunderte, die alle durchzuschauen. Aber Google hat diese Bilder mit zwei Billionen Labels gekennzeichnet und für jeden ganz einfach durchsuchbar gemacht. "Baby" gehört laut Eichhorn zu den häufigsten Tags. Sie zitiert aus einer britischen Umfrage, aus der sich hochrechnen lässt, dass von fast jedem Vorschulkind online bereits rund 1.000 Fotos im Umlauf sind. Man kann also durchaus Eichhorns Meinung sein, dass die Frage relevant ist, ob und wie die Omnipräsenz unserer Bilder beeinflusst, wie wir uns künftig an uns selbst erinnern werden. Ob Vergessen noch möglich ist.

Tabula rasa des Bewusstseins

Friedrich Nietzsche pries das Vergessen als "tabula rasa des Bewusstseins, damit wieder Platz wird für Neues". Es garantiere die Aufrechterhaltung der seelischen Ordnung und Ruhe. Ohne Vergessen, so Nietzsche, kein Glück, keine Hoffnung, kein Stolz. Ohne Vergessen, philosophierte er, keine Gegenwart.

Moderne Neurowissenschaftler geben ihm recht: Das Gehirn vergisst – und zwar mit voller Absicht. Wie es das bewerkstelligt zwischen präfrontalem Kortex und Hippocampus, beschreiben beispielsweise Michael Anderson und Simon Hanslmayr und benennen auch gleich den Nutzen: Um positive Emotionen, den Glauben an bestimmte Sachverhalte und Vertrauen aufrechtzuerhalten, sagen sie, kann es erforderlich sein, den Zugang zu Erinnerungen, die diesen Zustand untergraben könnten, zu erschweren. "Not all memories are equally welcome in awareness." Sie hätten auch schreiben können: "Nietzsche was right." Ihre Kollegen Donna Bridge und Joel Voss wiesen darüber hinaus mithilfe eines MRT nach, dass unser Gehirn diese Erinnerungen obendrein "editiert", also umformt.

Die Erkenntnis führt direkt zurück zu Sigmund Freud, dem Tiefenbohrer unseres Ichs. Er hat bereits vor gut einem Jahrhundert dieses Editieren beschrieben und ein Konzept entwickelt, um es psychologisch zu erklären. Er stellte in Gesprächen mit seinen Patienten – und vermutlich auch bei sich selbst – fest, dass wir uns in erinnerten Kindheitsszenen typischerweise in der Mitte sehen und wie von außen betrachten. Wir erinnern uns also aus einer Perspektive, die wir so unmöglich tatsächlich erlebt haben können. Es ist vielmehr ein Bild, das wir von uns selbst erstellen. Jedes Kind und jeder Jugendliche hat also wohl schon immer auf einer psychischen Ebene Bilder von sich angefertigt – auch lange bevor Kinder und Jugendliche selbst Zugang zu Kameras hatten, um reale Bilder, also Fotografien, von sich zu machen.