An einem eisigen Morgen im Spätherbst betrete ich das Wohnzimmer eines Reihenhäuschens im Londoner Stadtteil Crouch End. Erica und Michael, ein solide wirkendes älteres Paar, hat sich ebenfalls für den Kurs angemeldet. Wie Hologramme erheben sich die beiden aus der Edelhippie-Atmosphäre des Wohnzimmers, um schon im nächsten Moment darin zu verschwinden. Neben ihnen steht die vierte Teilnehmerin, eine blasse Frau im Gothic-Look, die sich als Künstlerin vorstellt. Überall im Zimmer ausgestopfte Tiere: ein Hündchen, der Kopf einer Antilope, ein präparierter Schwan. Und genau deswegen sind wir hier. Als ich auf dem Kaminsims die Skelette siamesischer Zwillinge erblicke, die sich einen Schädel teilen, zucke ich aber doch zusammen.

Da taucht, breit lächelnd, Elliot auf, der Assistent unserer Taxidermielehrerin Suzette. Mit dem Motorrad sammelt der Mittfünfziger Eichhörnchen vom Straßenrand auf, damit sie hier im Workshop ausgestopft werden können. "Squirrels! Those guys think they are so clever and then: bam!", sagt er und führt uns durch den Garten zu Suzettes Werkstatt.

Elisabeth R. Hager lebt als Autorin, Klangkünstlerin und Kulturvermittlerin in Berlin und Tirol. Sie ist redaktionelle Mitarbeiterin in der Abteilung Radiokunst von Deutschlandfunk Kultur. Zuletzt erschien im Klett-Cotta Verlag ihr Roman "Fünf Tage im Mai", für den sie mit dem Hilde-Zach-Literaturstipendium der Stadt Innsbruck ausgezeichnet wurde. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Britta Burger

Ich stamme aus einer Bauern- und Jägerfamilie. Seit ich zwölf bin, esse ich kein Fleisch mehr, doch die Faszination für ausgestopfte Tiere, die zu Dutzenden meine Tiroler Kindheit bevölkerten, ist geblieben. In Großbritannien gilt die Taxidermie nicht erst seit Damien Hirsts in Formaldehyd eingelegtem Hai als hippes Hobby. Suzettes Workshop richtet sich an Menschen, die sich nicht nur für den ästhetischen Aspekt der Tierpräparate interessieren, sondern selbst Hand anlegen wollen. Auch ich bin gekommen, weil ich wissen will, wie es sich anfühlt, ein Tier auszustopfen. Ethische Bedenken habe ich nicht, da nur Tiere verwendet werden, die im Straßenverkehr umgekommen sind. In den Pausen gibt es veganes Essen.

Bevor ich sie sehe, rieche ich sie: vier Eichhörnchen mit zertrümmerten Schädeln. Jedes liegt auf einer Doppelseite der London Times. Feuchtes, totes Fleisch. Suzette, Anfang Vierzig, blond, zierliche Erscheinung, weist uns Plätze zu und beginnt ihren Vortrag. Ich setze mich vor mein Hörnchen und atme tief aus. Während Suzette den Begriff Taxidermie aus dem Altgriechischen herleitet, streichelt die Frau neben mir liebevoll das Bauchfell ihres Tieres. Auch das ältere Paar hat keine Berührungsängste. Die Frau drückt auf dem Nager herum wie auf einem Polster, aus dem sie eine Delle streichen will. Der Mann greift nach seinem Exemplar und macht mit verstellter Stimme lustige Bemerkungen. Ich starre auf den aus der Augenhöhle gekegelten aufgequollenen Eichhörnchen-Augapfel. Meine verschränkten Arme sind wie zusammengeklebt. Elliot beugt sich zu mir: "Are you feeling unwell?" Ich schüttele den Kopf und pikse meinem Tier mit Todesverachtung in die Seite.

Über die Geschichte der Taxidermie erfährt man bei Suzette wenig. Dafür, so sagt sie, gäbe es Bücher. Stimmt. Das Standardwerk im Deutschen ist Curt Floerickes Praktische Anweisung zum Ausstopfen der Säugetiere aus dem Jahr 1897. Ich habe es mit großem Gewinn gelesen, besonders Floerickes Ausführungen zur Tierbeobachtung in freier Natur. Vom Geruch, den ein auftauender Eichhörnchenkadaver in einem Raum ohne Abluft verbreitet, verrät das Buch allerdings nichts.

Als Erstes müssen wir den Eichhörnchen die Haut abziehen. Dazu wird das Skalpell innerhalb des Unterhautfettgewebes entlanggeführt, um den Organsack des Tieres nicht zu verletzen. Die anderen Teilnehmer_innen gehen beherzt zu Werke. Die Gothic-Lady treibt das Gewebe geschickt mit gespreizten Fingern auseinander. Der Herr neben mir sticht unbeholfen, doch unverdrossen in sein Tier hinein. Ich komme mir vor, als wäre ich auf dem Morgenspaziergang zum Bäcker unversehens in einen Swingerclub hineinmarschiert. Stocksteif sitze ich da und beobachte die beschäftigte Truppe. Immer wieder greife ich nach dem Skalpell, doch ein Blick auf das zerschmetterte Tier vor mir genügt, und die Hände sinken, vom Grauen überwältigt, auf die Tischplatte zurück.

"Upsy-daisy", höre ich Michael sagen. Im nächsten Moment quellen aus seinem Eichhörnchen Därme in allen Farben des Herbstes. Da ist es aus. Ich springe auf und renne hinaus in den Garten. Mir entfährt ein verzweifelter Lacher. Warum tue ich mir das nur an?

Elliot führt mich ins Haus zurück. Die nächsten zwei Stunden verbringe ich im Wohnzimmer und stelle mir mit Blick auf die siamesischen Skelette die Sinnfrage, während er meinem Eichhörnchen das Fell abzieht. Was bin ich nur für ein Weichei ... Suzette lacht, als ich zu meiner Verteidigung erzähle, dass ich ihren Kurs besuche, um für ein Buchprojekt zu recherchieren. "You're not the first writer who came here to do some research. But you're the first one who let us do the dirty work."

Die Autorin mit ihrem Tony © Elisabeth R. Hager

Als ich am Nachmittag wiederkomme, liegt das ausgehöhlte Eichhörnchen, gewaschen und mit Tinkturen behandelt, vor mir. Der Gestank ist verflogen, das Grauen gebannt. Erstaunt stelle ich fest, dass es Spaß machen kann, ein Tier auszustopfen. Ich bandagiere die abgeschabten Knochen mit Draht, forme Torso und Beine aus Holzwolle nach. Die Holzwolleschenkel lassen sich nur mit viel Kraft Richtung Eichhörnchenhintern schieben. Den Schädel rekonstruiere ich aus selbsthärtendem Ton. Als ich die schwarzen Kugeln in die Augenhöhlen drücke, ist die Illusion perfekt. Zuletzt nähe ich die Haut am Rücken zu, befestige das Tier auf einer Holzscheibe und bringe es in die endgültige Form.

Um kurz nach sieben sind alle Eichhörnchen präpariert. Als hätten wir zusammen einen Gipfel bestiegen, mit erschöpften, aber glückseligen Gesichtern, gehen die Kursteilnehmer_innen auseinander. Draußen beleuchtet der Mond meinen Weg zur U-Bahn. Ich taufe mein Eichhörnchen Tony und hoffe, dass ihm in meiner Berliner Wohnung ein möglichst langes Nachleben beschieden ist.