Offenbar sind es Zeiten, in denen die Säue kleiner werden, aber die Dörfer immer größer. Wie man hören konnte, hat kürzlich ein Kinderchor im Westdeutschen Rundfunk ein im Wesentlichen harmloses Klamauklied gesungen. Es war eine Umdichtung des Volksliedguts Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad, und wo es im Original heißt, dass die Oma eine "ganz patente Frau" sei, konnte man nun hören "Oma ist 'ne alte Umweltsau". Oma fährt mit dem SUV zum Arzt, isst Discounterfleisch und ihr Motorrad verbraucht ordentlich Super.

Weil das vielen offenbar zu viel Kritik an Oma war, zog der Sender das Video, das bis dahin auf Facebook zu sehen war, zurück. Der Intendant Tom Buhrow entschuldigte sich, was die inzwischen lebhafte Erregung allerdings kaum besänftigte. Und es ist ja so: Wenn es gegen Rentner geht, versteht Deutschland keinen Spaß. Der deutsche Rentner gilt ja vielen andauernd als verfolgte Unschuld, als (wenn man den Boulevardmedien glaubt) unentwegtes Ziel systematischer Benachteiligung, und die Oma noch mehr als der Opa. Mit Opa hat Deutschland eine, freundlich gesagt, schwierigere Geschichte, während die "Oma" als lebensweltliche Chiffre mit Güte verbunden wird, mit Entbehrung, Fürsorge und unverdächtigen Sonntagnachmittagen, an denen der Kaffee so schäumt wie sonst nie. Die deutsche Oma ist offenbar ein Nationalheiligtum. Dass der Kinderchor im WDR die Chiffre "Oma" nun allerdings benutzt, um damit eine Generation zu kennzeichnen, die klimatisch gesehen über die Verhältnisse lebt, muss unter diesen Bedingungen schon als Provokation durchgehen. 

Ein Skandal ist es deswegen noch lange nicht. Beziehungsweise: Man muss schon sehr viel weglassen, um daraus einen zu machen, gleichviel, ob man das Video nun für gelungen hält oder nicht. Niemand würde ja ernsthaft behaupten, dass, wer die Originalversion singt, seine eigene Oma meint, die da im Hühnerstall ganz patent herumknattert. So wie man die Ursprungsversion als eine allgemeine Ehrerbietung an die fröhliche Durchgeknalltheit der Wohlstandsoma an sich verstehen konnte, so muss man die neue Version als Kritik an der klimapolitischen Durchgeknalltheit der Wohlstandsrentnergeneration verstehen, die kaum zu leugnen ist.  

All dies hält Leute, zumal in den sozialen Netzwerken, nicht davon ab, sich stellvertretend für die eigene, real existierende Großmutter zu empören ("Meine Oma ist ihr Leben lang zu Fuß gegangen" und so weiter). Entweder bedarf es einer gewissen taktischen Verblödungsbereitschaft, um dieses Lied als Angriff auf die Familie zu sehen. Oder es ist tatsächlich so, dass einer durch Klima- und Boomerdebatten aufgeheizten, überempfindlichen Social-Media-Öffentlichkeit noch das letzte Abstraktionsvermögen abhanden gekommen ist. Allerdings wäre das schwer zu glauben. Wenn Mitglieder des Bundestags angesichts des Liedchens nun "Respekt vor den Älteren" einfordern, als hieße Respekt, auf Kritik zu verzichten, ist das ebenso drollig wie die aufgebrachten Twitter-Nutzer, die die inzwischen lediglich rhetorische Frage stellen, was Satire dürfe. Es ist wohl, unter diesen Umständen, nur eine Frage der Zeit, bis auch das Stampfbratenliedchen Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen als generationeller Revanchismus oder zumindest als Enteignungsfantasie von Enkeln gedeutet wird, die der künftigen Wohnsituation deutscher Senioren gleichgültig gegenüberstehen. Freuen wir uns also in diesem Sinne alle auf das nächste Jahr. Dann wird die deutsche Oma vielleicht auch endlich als Weltkulturerbe angemeldet.